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Ober Georg Buchner

Anläßlich der Aufführung von Alban Bergs Oper während der Wiener Festwochen 1956

Der Dichter des „Woyzek“ wurde am 17. Oktober 1813, im gleichen Jahr wie der Vater der modernen Existenzphilosophie, Sören Kierkegaard, geboren, der die Lebensangsf zum Ausgangspunkt einer Diskussion um das menschliche Dasein und dessen Beziehung zu Gott machte. Georg Büchner starb, noch nicht 24 Jahre alt, in Zürich und erhielt zwei Dezennien später auf dem Zürichberg ein Ehrengrab — das freilich nicht dem Dichter, sondern dem vielversprechenden Nafurwissenschafter gestiftet worden war. der sich zuletzt als Privatdozent habilitiert hafte.

Als Dichter wurde Büchner erst viel später entdeckt. Innerhalb der letzten 50 bis 60 Jahre beriefen sich drei Schulen und Richtungen nachdrücklich auf ihn als Vorbild und Wegbereiter: Die Naturalisten feierten Büchner als wirklichkeitsireuen Schilderer eines bestimmten Milieus. — Die expressionistischen Dichter hörten im „Woyzek“ die Nafurlaute, in denen ein dumpfes Menschentum den Ausdruck seines Innern sucht. Büchner galt ihnen als ein „Erschütterter“ und Ankläger der sozialen Zustände. Seine aufgebrochene Form, die lockere Folge filmisch ablaufender Szenen (die Büchner ohne jede Rücksicht auf die Möglichkeiten der Bühnen seiner Zeit niederschrieb) wurden vorbildlich für Wedekind und Augusf Stramm, für die jungen Carl Sternheim, Kasimir Edschmid und Georg Kaiser. Ohne „Woyzek'-Sfimmung oder „Woyzek'-Zeichnung, ohne „Woyzek“-Blut gäbe es, so meint ein zeitgenössischer Literaturhistoriker, kein expressionistisches Drama. — Und heute erscheint Büchner als der „fragische Nihilist“, als „erster Gestalter des Existenzialismus“. Die „Woyzek'-Tragödie aber wird als existentiali stisches Dokument par excellence interpretiert, denn das sie beherrschende Grundgefühl der Angst ist den zeitgenössischen Deutern deutlich erkennbar als „die Angst aus dem Geworfensein in das Nichts“.

Es wäre ein Leichfes, an Hand zahlreicher Beispiele aus dem „Woyzek“ und aus „Dantons Tod“ alle drei Komponenten — die realistische, die expressionistische und die existentielle — nachzuweisen und zu belegen. Aufschlußreicher ist es vielleicht, Büchners Werk aus der Zeit und der eigentümlichen Konstitution des Autors zu erklären. Georg Büchner wurde als Sohn eines Distrikfarzfes geboren und studierte Medizin und Naturwissenschaff an den Universitäten von Strasburg und Giefjen. Hier geriet er in den revolutionären Geheimbund des Rektors Friedrich Ludwig Weidig, schrieb im „Hessischen Landboten“ das erste Sozialrevolutionäre Manifest unter dem Moffo „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ und begründete 1834 die geheime „Gesellschaft der Menschenrechte“ (Josef Nadler danken wir eine sehr lebendige Beschreibung des „politisch heihen Bodens“ von Hessen). Durch das benachbarte freiheitliche Frankreich hatte die hessische Nationalbewegung sozialistische Akzente erhalfen: Man glaubte nicht mehr an die schöpferische Kraft des Bürgertums. Nur die besitzlosen, zum Bewußtsein ihres Elends erweckten Arbeitermassen schienen geeignet, das Ziel, die sozialistische Republik, zu erreichen. Büchners Freund und Mentor Weidig endete 1837 im Darmstädfer Arresf. Büchner selbst floh, steckbrieflich verfolgt, erst nach Strasburg, dann in die sichere Schweiz, wo er kurz darauf — wahrscheinlich an Typhus — starb. t

Aber Büchner selbst war kein armer Prolet mit Wollschal um den Hals und zerrissenen Schuhen. Er war ein soignierter Jüngling mit feinem Zylinder und hohen Ansprüchen, dem am Ende seines Lebens eine grofje Karriere winkte. Nervös und überempfindlich, reagierte er wie ein Seismograph auf die geistigen Erschütterungen seiner Zeit. Das unterscheidet ihn grundlegend von den Kraftnaturen der Stürmer und Dränger, deren Ideal der gewaltige Kerl, das „Genie“, der grofje Einzelne war. „Ich finde“, schrieb Büchner hierüber an seine Brauf, „in der Menschennafur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. Der einzelne nur Schaum auf der Welle, die Grofje ein blofjer Zufall, die Herrschaft des Genies ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Das Mufj ist eines von den Verdammungsurteilen, womit der Mensch getauft worden ist.“ In diesen Sätzen offenbart sich der ganze Büchner: sein materialistischer Determinismus (wir erinnern uns, dafj sein Bruder Louis der Verfasser des Buches „Kraft und Stoff oder Grundzüge einer natürlichen Weifordnung“ war), sein sehr unliberaler Skeptizismus, seine Leidensfähigkeit und sein abgründiger Skeptizismus, den man auch Nihilismus nennen mag ...

Zur Krankheit und zum Leiden zog es ihn schon, als er, nach dem Krankheitsbericht des Pfarrers Oberlin, das Leben des unglücklich-genialen Dichters Michael Reinhold Lenz aufzeichnete und mit diesem „Fragment einer Erzählung“ das erste Beispiel einer empirisch-psychologischen Novelle lieferte. Noch eine zweite Briefsfelle müssen wir zitieren, um das Lebensgefühl Büchners zu charakterisieren. Aus Giefjen schrieb er 1833 an sein Brauf: „Das Gefühl des Gestorbenseins war immer über mir. Alle Menschen machten mir das hippokrafische Gesicht, die Augen verglast, die Wangen wie von Wachs, und wenn dann die ganze Maschinerie zu leiern anfing, die Gelenke zuckten, die Stimme herausknarrte und ich das ewige Orgellied herausfrillern hörfe und die Wälzchen und Stiftchen im Orgelkasfen hüpfen und drehen sah — ich verfluchte das Konzert, den Kasfen, die Melodie und — ach, wir armen, schreienden Musikanten ... Ich fürchte mich vor meiner Stimme und vor meinem Spiegel ... Alles verzehrt sich in mir selbst, hätte ich einen Weg für mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei für den Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für die Seligkeit. Dieses Siummsein ist meine Verdammnis.“

Nur in den wenigen Werken, die Büchner hinterlassen hat, diesen vollkommenen Fragmenten, hat sich seine Zunge gelöst. Jedes von ihnen spiegelt den „geschichtlichen Ort“ Büchners und seiner Freunde, „die zwischen den Lagerh stehen, deren Blick zur Höhe durch die Dünste des Abgrunds getrübt wurde, die zwar das grofje Ja zur Welt sagen wollen, aber nichts mehr dieses Jasagens für wert befinden, die zwar den Geist bekennen, aber nur den Dämon erkennen. So blicken sie in ein sinnentleertes All, den Tod im Herzen' (Robert Mühlher in seinem Buch „Dichtung der Krise“, Herold-Verlag). So ist „Danton“ keineswegs die Verherrlichung der Revolution und ihrer blutigen Helden, und in der Komödie „Leonce und Lena“ — halb Shakespeare, halb Hegeische Dialektik — spricht die Titelheldin den „entsetzlichen Gedanken“ aus: „Ich glaube, es gibt Merfschen, die unglücklich sind, unheilbar, blofj weil sie sind!“ Das ist die Basis des existentiellen Lebensgefühls: das Sein als Krankheit, als Leiden; die Welt aus Stoff, das heifjt aus dem Nichts geschaffen, in das Nichts gestellt — und Gott verbirgt sich und leidet mit. Gewifj eine zutiefst unchrisfliche Weltanschauung, die aber in ihrer Ehrlichkeil und Konsequenz des religiösen Aspektes nicht entbehrt.

„Woyzek“ aber ist das Gedicht vom Leiden der Kreafur, vom Leid und von der Verlassenheit des Menschen in einer erstarrfen, gefühllosen Welt, gegen die dieser passive „Held“ nicht protestiert, sondern die er als gegeben hinnimmt. Dem aufmerksamen Leser mufj es überlassen bleiben, Georg Büchner in den Gestalten und Reden der erschütternden „Woyzek'-Tragödie wiederzufinden. Und beim Anhören der kongenialen Musik von Alban Berg mag er sich Gedanken darüber machen, was gerade diesen sensiblen Musiker in den Jahren 1917 bis 1921 zu Büchner und seinem Woyzek gezogen haben mag; zu diesem „Volkskeim, der herauf will“ (Nadler). Am deutlichsten freilich enthüllt uns der Komponist sein Gefühl für den armen Woyzek, diesen böhmisch-deufschen Hiob des Vierten Standes, bei geschlossenem Vorhang in jenem grofjen Zwischenspiel vor der letzten Szene, das in ergreifenden Tönen ein leidvolles Leben, eine finstere Tat und ein schreckliches Ende beklagt.

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