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Ungarns heiliger König

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Eine überraschende Nachricht: Die katholische Kirche in Ungarn feiert das tausendjährige Jubiläum der Geburt und der Taufe des heiligen Stephan aus dem Hause Arpäd. Stephan war der erste König Ungarns, er war der Gründer des christlichen Königreichs. Er war fast tausend Jahre lang Symbol der Legitimität und der Rechtskontinuität des Königreiches, er war zugleich und in enger, natürlicher Wechselbeziehung mit dem staatsrechtlichen Aspekt die überragende Figur der christlichen Tradition in diesem Land, in dem das Christliche stets besonders betont wurde, weil es oft auch gefährdet war. Mochten aber in Ungarn Systeme wechseln und verheerende Kriege fast alles, was früheren Generationen wert war, einebnen, der heilige Stephan war und blieb unumstritten der erste und der größte König, auf den sich alle beriefen und den sie um Hilfe anflehten: Könige und Gegenkönige, Erzbischöfe und einfache Fratres, Feldherren und Soldaten, Adelige und Bauern.

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Eine überraschende Nachricht: Die katholische Kirche in Ungarn feiert das tausendjährige Jubiläum der Geburt und der Taufe des heiligen Stephan aus dem Hause Arpäd. Stephan war der erste König Ungarns, er war der Gründer des christlichen Königreichs. Er war fast tausend Jahre lang Symbol der Legitimität und der Rechtskontinuität des Königreiches, er war zugleich und in enger, natürlicher Wechselbeziehung mit dem staatsrechtlichen Aspekt die überragende Figur der christlichen Tradition in diesem Land, in dem das Christliche stets besonders betont wurde, weil es oft auch gefährdet war. Mochten aber in Ungarn Systeme wechseln und verheerende Kriege fast alles, was früheren Generationen wert war, einebnen, der heilige Stephan war und blieb unumstritten der erste und der größte König, auf den sich alle beriefen und den sie um Hilfe anflehten: Könige und Gegenkönige, Erzbischöfe und einfache Fratres, Feldherren und Soldaten, Adelige und Bauern.

Sein Ruhm und die geschichtsbildende Kraft seines Namens überdauerte die Jahrhunderte: obwohl es in der Barockzeit kirchliche Orden und Kreise der Halbsburger-Dynastie waren, welche die Verehrung der Heiligen des Arpäden-Hauses und so vor allem des Königs Stephan in den Mittelpunkt ihrer ungarischen Staatsphilosophie stellten, blieb die Bedeutung des Staatsgründers auch für die spätere nationalistische, überwiegend protestantische Geschichtsschreibung ebenso unumstritten wie sogar für die heutigen, an dem historischen Materialismus und dem Marxisrnm-Leninismus orientierten Historiker Ungarns. So gesehen, ist es also keineswegs mehr überraschend, sondern selbstverständlich, daß die eintausendste Wiederkehr des freilich nicht mehr ganz genau feststellbaren Datums der Geburt und der wohl späteren Taufe des ersten christlichen Königs auch in der Volksrepublik Ungarn zumindest von der katholischen Kirche nicht übergangen, sondern gehörig gefeiert wird.

Die Feierlichkeiten in Ungarn beginnen am 20. August, eben am traditionellen St.-Stephans-Tag. Diesen Tag widmete durch ein königliches Dekret im Jahre 1771 Ungarns „apostolischer König“ Maria Theresia dem „Schutzheiligen des apostolischen Königreiches“, König Stephan dem Heiligen. An diesem Tag wurde, noch bis zum zweiten Weltkrieg, eine Reliquie des Heiligen Königs, seine rechte Hand, in feierlicher Prozession durch die Gassen und die Plätze der Burg von Buda getragen, wobei an der Spitze des Zuges dicht hinter der Geistlichkeit, in seiner k. u. k. Admiralsuniform Reichsverweser Horthy schritt, ein Protestant, umgeben von einer prunkvoll uniformierten Leibwache und gefolgt von Hunderten von Würdenträgern in Prachtkleidern, die der festlichen Kleidung des ungarischen Hochadels der Barockzeit nachempfunden waren und ein überaus farbiges, zugleich aber in ihrem feierlichen Ernst beinahe düsteres Büd dem sich hinter dem Polizeikordon drängenden in- und ausländischen Publikum boten. Dieser festliche Zug gehört nunmehr der Geschichte an, der 20. August blieb aber, mit etwas veränderter Widmung Staatsfeiertag. Die Verehrung der Reliquie am Festtag des heiligen Königs wurde eine mehr innerkirchliche Angelegenheit.

Eine Erscheinung aber, wie die des Königs Stephan des Heiligen, kann nicht nur Sache der Kirche allem sein, wie sie auch niemals nur Sache des Staates sein könnte. Dieser König hat die bereits durch seinen Vater, den Fürsten Geza, eingeleitete Christianisierung Ungarns nicht nur vollendet, sondern der Kirche in Ungarn durch die Gründung von Bistümern und Klöstern sowie durch Gesetze feste rechtliche Formen gegeben, ebenso, wie er die alte Ordnung der Stammesfürsten zerschlug und die neue, zentralistische Ordnung der königlichen Macht durch die Errichtung von Komitaten nach fränkischem Beispiel, aber auf den noch vorhandenen Grundlagen des alten pannonisch-slawischen Reiches verfestigte.

Nach der Ehe Stephans mit der bayerischen Prinzessin Gisela kamen deutsche Ritter und Priester, letztere vor allem aus dem Benedik-tinerorden, daneben aber auch Italiener, Tschechen, ja sogar Engländer nach Ungarn an den königlichen Hof, der auf ihren Rat nach den karolingischen Uberlieferungen eingerichtet wurde. Die religiöse Welle in Europa, die dem bedeutenden Jahr 1000 voranging, brachte viele Anwärter auf die Märtyrerkrone nach Ungarn, hier aber wurden sie Ratgeber des Königs, Bischöfe, Äbte. Die Bekehrung des heidnischen Volkes, das früher schon mit der griechischen Kirche in Berührung kam — wofür es viele bis heute lebendige sprachliche Zeugnisse gibt —, ging rasch und wohl überwiegend unter politischen Aspekten-vor sich Mit Hufe der fremden Ritter besiegte Stephan die heidnischen Stammesfürsten, welche die alten Sitten gegen die fremdartige zentra-listische Macht des christlichen Königs wahren wollten. Um die in christlichen Herrscherfamilien übliche Primogenitur in seinem Hause zu sichern, ließ Stephan seine Verwandten, die nach dem in Ungarn bisher geltenden Erbrecht der Senio-rität seinem Sohn den Thron streitig gemacht hatten, blenden und verstümmeln, dadurch ihrer „Idoneitas“, Königsfähigkeit, berauben.

Nach der Legende, die jedoch bis zur jüngsten Zeit nie bestritten wurde, erhielt Stephan von Papst Sylvester II. die Krone und den Titel des apostolischen Königs. Um diese Geste des Papstes und um die Krone selbst entstand später eine niemals ernsthaft bestrittene, wenn auch im Verlauf der Jahrhunderte jeweils den Auffassungen der Zeit und den herrschenden Interessen angepaßte Staatsphilosophie — die sogenannte Lehre der heiligen Krone, die besonders die Rechte des Adels und die Integrität des Landes zum Ausdruck brachte. Die „Stephanskrone“ besaß in neun Jahrhunderten nachweislich geschichtsbildende

Symbolkraft: in allen Zeiten galt in Ungarn nur der als legitimer König, der mit der heiligen Krone, mit der Krone St. Stephans gekrönt wurde. Die legitimierende Kraft der Krone führte dazu, daß es immer sehr wesentlich war, in wessen Besitz sich die Krone befand. Um diesen Besitz und noch mehr dann, wenn einmal zwei Könige (wie Ferdinand I. von Habsburg und Johann Zäpolyai) durch Krönung mit der Stephanskrone legitimiert waren, wurden erbitterte, das Land in die Katastrophe stürzende Kämpfe geführt.

Daß Symbole und Legenden jahrhundertelang auch dann geschichts-bildend sein können, wenn ihre realen Grundlagen von der modernen Wissenschaft in Zweifel gezogen werden müssen, beweist sich hier auf geradezu exemplarische Weise. Denn die moderne Forschung zieht nicht nur den Wahrheitsgehalt der Legende in Zweifel, wonach Papst Sylvester II. König Stephan im Jahre 1001 eine Krone geschickt habe, sondern auch die volle Authentizität der historischen Stephanskrone selbst. Bei der historischen heiligen Krone handelt es sich demnach, zumindest nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge, um eine Krönungsinsignie, die ein späterer Nachfolger Stephans, König Bela III., in den achtziger Jahren des zwölften Jahrhunderts, also fast zweihundert Jahre nach der angeblichen Schenkung des Papstes, zusammensetzen ließ, und zwar aus den byzantinischen Kranen zweier Frauen des Arpaden-Hauses — die eine war die Tochter des heiligen Ladislaus und byzantinische Kaiserin, die andere war Prinzessin aus Byzanz und ungarische Königin — und weiter aus den zu diesem Zweck verbogenen, mit Apostel- und Pan-tokratorbildnissen geschmückten goldenen Platten eines ottonischen Evangeliars — die man bisher eben für den ursprünglichen, vom Papst Sylvester stammenden Teil der Krone hielt (daß dieser eigentlichen Stephanskrone eine byzantinische Krone angeschlossen wurde, wußte man schon früher). Allerdings sprechen gewichtige Gründe für die Annahme, daß sich dieses Evangeliar einst im Besitz des heiligen Königs befand und daher mit Recht als Sinnbild der Legitimität angesehen werden kannte.

Wenn aber auch der Ursprung der Stephanskrane somit in Dunkel gehüllt ist, ist die Gründung des ungarischen Königreiches selbst ohne Zweifel auch auf die Bestrebungen des Kaisers Otto III. zurückzuführen, im Zuge der „Renovatio Imperii Romanorum“ auch das christliche Königreich Ungarn in mehr oder weniger enge Beziehungen mit diesem Reich zu bringen. Ob an der Verwirklichung dieser Absicht der Freund Ottos, Papst Sylvester IL, mitgewirkt hat oder nicht, ist ungewiß. Ungarn fügte sich jedenfalls nach dem Willen seines ersten Königs in die Einheit der christlichen Völker Europas.

Die ungarische Geschichtsschreibung betont aber in diesem Zusammenhang mit großer Konsequenz bis heute, daß der Staatsgründer König Stephan es verstand, seinem Land nicht nur festes Gefüge und klar abgegrenzte Konturen zu geben, sondern es auch gegen die militärisch vorgetragene Eroberungsabsicht der deutschrömischen Kaiser zu verteidigen. Diese Kämpfe dauerten auch nach dem Tode des Königs an, und die Sicherung der Unabhängigkeit des mittelalterlichen Königreiches Ungarn war nur durch ununterbrochene Verteidigungsanstrengungen an allen Grenzen des Landes möglich.

König Stephan ist bereits wenige Jahrzehnte nach seinem Tode, 1083, während der Herrschaft seines siebenten Nachfolger aus dem Arpä-den-Hause, des wenig später ebenfalls kanonisierten Ladislaus I., heilig gesprochen worden. Die Verehrung seiner Reliquie, die Hochachtung seiner Verordnungen, die damals in Form von Legenden auch schriftlich niedergelegt wurden, hörte seither nicht mehr auf.

Zentrale Rolle erhielt der heilige Stephan in der Staatsauffassung des 17. Jahrhunderts, wie sie von den damals auch in Ungarn große Bedeutung erlangten Marianischen Kongregationen konzipiert wurde. Es war die Idee des Regnum Maria-num: die Patrona Hungariae sorgt für das Wohlergehen des Landes und seiner Bewohner, und es war der heilige König, der seine vom Papst Sylvester erhaltene Krone einst der heiligen Jungfrau widmete. Ungarn ist somit Hereditas Mariae, Marias Erbschaft, und die Domina Hungariae verteidigt ihr Land vor allen Feinden und bewahrt es vor dem — angesichts der türkischen Besetzung damals sehr konkret drohenden — Untergang. Diese vor allem von Gelehrten des Jesuitenordens vertretene Staatsphilosophie war wohl die erste Konzeption eines nationalen Bewußtseins in annähernd heutigem Sinne, und sie griff sogleich in Wort und Bild, etwa in den damals weit verbreiteten jesuitischen Schuldramen, auf die beispielgebende Gestalt des Staast-gründers und der übrigen Heiligen des Arpäden-Hauses zurück. Königin Maria Thersia nahm an der weiteren Pflege dieser auf religiöser Basis aufbauenden Staatsidee eifrig teil, durch die Gründung des Sankt-Steph an-Ordens, durch die feierliche Rückführung der Reliquie des heiligen Königs aus Ragusa, wo sie jahrhundertelang verborgen war, und sogar, indem sie selbst mittelalterliche, dem heiligen König gewidmete Gesangstexte aus dem Lateinischen ins Ungarische übersetzen ließ.

Dieser damals neu konzipierte Kult des ersten heiligen Königs überlebte dann Aufklärung, Liberalismus, neuzeitlichen Nationalismus — bis zur Gegenwart.

Auch die heutige offizielle Geschichtsschreibung in Ungarn, die sich im wesentlichen auf der Geschichtsauffassung des Marxismus gründet, anerkennt die Bedeutung von König Stephan als Gründer und Organisator des mittelalterlichen Staates Ungarn. Stephans Vorgehen gegen die heidnischen, rebellischen Stammesfürsten, die damals die ersten Verkünder einer nationalistischen, partikularistischen Ideologie waren, diente dem Fortschritt, Er „mußte“, im Dienste des Fortschritts, mit Feuer und Eisen alle rebellischen Stammesfürsten ausrotten. In diesem Sinne würdigt die heutige ungarische Geschichtsschreibung auch die Bedeutung der Krönung: sie verlieh Stephan zusätzliches Gewicht gegenüber seinen feudalen Gegnern. Und selbst der vom König der Kirche geschenkte Grundbesitz diente dem Fortschritt, denn er half, die zentrale Macht des Königs zu stärken. Die deutschen und italienischen Benediktinermönche waren wichtige Helfer bei der Enitf altung des Feudalismus in Ungarn. Diese, gegenüber der alten Gemeinschaft der Stämme fortschrittlichere Ordnung sicherte das Fortleben und die Weiterentwicklung Ungarns. Das von Stephan I. organisierte und fester gefügte Land war erst imstande, sich gegen den Angriff des deutschrömischen Kaisers Konrad II. im Jahre 1030 mit Erfolg zu verteidigen. Die Legende von der Schenkung der heiligen Krone durch Papst Sylvester II. diente aber nach Ansicht der marxistischen Historiker dazu, die späteren Weltherrschaftspläne der Päpste, die sich auch auf Ungarn erstreckten, auf diese Weise ideologisch zu unterstützen.

Nach den letzten Nachrichten aus Ungarn sind die Vorbereitungsarbeiten für die am 20. August beginnenden kirchlichen Feierlichkeiten aus Anlaß der eintausendsten Wiederkehr des Geburtsdatums des heiligen Stephan in vollem Gange. Die ungarische Bischofskonferenz erließ dazu genaue Instruktionen. Die Feierlichkeiten und religiösen Andachten in den einzelnen Diözesen werden ein Jahr lang dauern. Das Jubiläumsjahr wird am 20. August um 10 Uhr vormittag mit einer Konzelebration der ungarischen Bischöfe in der Basilika St. Stephan in Budapest eröffnet werden. Nach der Eröffnungsfeier fahren die Bischöfe in ihre Residenzorte, um auch dort, noch am selben Abend, das Jubiläumsjahr mit der heiligen Messe zu eröffnen. In den Städten Esztergom und Szekes-feh^rvar, die im Leben des heiligen Königs eine besondere Rolle spielten, werden eigene Feiern veranstaltet.

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