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Wallonen, Flamen und ihr Staat

Umspült von der Nordsee und eingeklemmt zwischen Holland und den beiden großen Rivalen, Frankreich und Deutschland, liegt das kleine Land Belgien, das durch seine Lage vorbestimmt war, das klassische Schlachtfeld von Westeuropa zu werden. Der belgische Boden ist durchtränkt von Blut, seine Gesdiichte verlauft in blutigen Spuren: Kortrijk 1302, Nancy 1477, Waterloo 1814, Yserschlacht 1914 bis zur. Ardennen-Offen-sive von 1944.

Niemals hätte es ein „Belgien“ gegeben, niemals auch wäre dieses strebsame Volk so andauernd zertrampelt und geschändet worden, wenn der burgundische Traum sich verwirklicht hätte in der Bildung eines großen, starken Mittelreichs, das Holland, Belgien, Luxemburg und einen Teil Frankreichs umfassen sollte. Dieser Traum hat bei Nancy sein Ende gefunden. Es blieb davon nichts anderes übrig als ein kleines Stück reicher Boden mit einer hochbegabten Bevölkerung, die jedoch weder politisch noch kulturell oder sprachlich eine Einheit bildete. Denn Holland, das noch die natürlichsten Bindungen mit diesen südlichen Teilen hatte, sah für seine Freiwerdung keinen anderen Ausweg als sich loszulösen; Frankreich holte sich schon bald seine französischen und auch andere Provinzen, und der kulturelle Kern, rund um das Dreigestirn: Antwerpen, Gent, Brüssel, blieb, als ein Rumpfstaat übrig, der ohne organische Bindung das einemal von Spanien, dann von Frankreich und dann wieder von Österreich regiert wurde. Durch diese jahrhundertelangen Umschaltungen war dieses Land auch innerlich so stark von Holland entfremdet worden, daß die Verbindung, welche der Wiener Kongreß mit diesem Nachbarn vollzogen hatte, zwischen 1830—39 endgültig vom Süden aus gelöst wurde. Geprellt von den Interessen der großen Nachbarn wurde dieses Gebiet allmählich ein Niemandsland, um das die anderen sich stritten und das — weil keiner es dem anderen vergönnte — auf der Strecke liegen blieb, bis es sich entschließen konnte seinen eigenen Weg zu gehen.

Dieser Weg war äußerst schwer; denn wenn auch der Feind von außen Ruhe gab, im Innern war das Land zerrissen. Der beste Beweis dafür ist wohl, daß man noch immer nicht von einem „belgischen Menschen“ mit einem halbwegs eigenen Charakter und einer einheitlichen Kultur sprechen kann. Dafür sind die inneren Gegensätze noch zu groß, die nur die allesversöhnende Zeit auszugleichen vermag. Als Ausdruck dieser Zwiespältigkeit läuft quer durch Belgien eine Sprachgrenze, die die wallonischen und flämischen Teile voneinander scheidet. Und auch wenn jetzt, nach einem jahrhundertelangen Sprachkampf, den die Flamen mit größter Verbissenheit geführt haben, die Gleichstellung von Französisch und Flämisch durchgeführt ist, und als Symbol der Gleichberechtigung die Universität Gent als flämische Hochschule anerkannt ist, so fehlt zwischen beiden Volksteilen doch jenes gegenseitige Verständnis für die Eigenheiten, jener Respekt für das Andere, jene Zusammenarbeit für das Gemeinsame, wie dies zum Beispiel in der Schweiz der Fall ist. Der belgische Staat ist eben noch zu jung, um diesen Regenerie-rungspro.'eß endgültig überstanden zu haben. Die Bindungen an die Vergangenheit sind noch zu stark. Denn den Wallonen wirft man eine allzu ausgeprägte Sympathie für alles Französische vor, und in den Flamen, die sich der früheren Zurücksetzung so gut erinnern, tadelt man eine übertrieben reservierte Haltung dem Süden gegenüber.

Aber, auch wenn es nodi keine eigene belgische „Nation“ geben sollte, dieses Land hat sich in einer erstaunlich kurzen Zeit zu einem richtigen, politisch unabhängigen und wirtschaftlich selbständigen „Staat“ ent-wickeK Vor allem unter der genialen Führung Leopolds II., der ohne Zögern die Kongo-Kolonien kaufte, um die ihn später die Großmächte beneiden sollten, blühte die Landwirtschaft auf und entstand, unter Ausnützung der reichen Bodenschätze, eine so intensivierte Industrie, daß Belgien bald das am dichtesten bevölkerte Land Europas mit dem höchst entwickelten Eisenbahnnetz wurde.

Es ist das Schicksal dieses Landes, daß die Begabungen beiderseits der Sprachgrenze größtenteils auf verschiedenen Gebieten liegen. Der Süden mit seinem klaren Verstand, einem Abglanz des französischen Esprit, ist reich an Rednern, Politikern, Advokaten und Juristen, und man könnte es vielleicht als ein Svmbo! des Südens betrachten, daß gerade das gewaltige „Palais de Justice“ in Brüssel, das bekannteste moderne Bauwerk Belgiens ist. Obwohl auch der Norden seinen Anteil an der Regierung hat, ist doch der Verwaltungsapparat vom Geist des Südens erfüllt und wird das Land von „Brüssel“ aus regiert. Im Süden wohnt der Beamtenstand, und hier wachsen Diplomaten heran, die oft wie zum Beispiel Henry Spaak im internationalen Leben eine große Rolle spielen. Selbstverständlich fehlen auch hier nicht die großen Künstlerfiguren. Schon allein1 der Name Verhaeren, der vielleicht der größte Dichter Belgiens und jedenfalls einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker französischer Zunge ist, genügt, um uns vor Einseitigkeiten zu schützen. Aber mit Recht betonen die Flamen, daß Verhaeren, dessen wundervolle französische Lyrik sie zu schätzen wissen, viele seiner Motive dem flämischen Land und der nördlichen Empfindungswelt verdankt, wie seine fünf Bände „Toute la Flandre“ beweisen. Auch das schöne Buch „L'empreinte de Dieu“ (deutsch „Sein Vermächtnis“) des jüngeren Maxence van der Meersch ist so sehr vom flämischen Geiste durchzogen, daß man beim Lesen des Originals den Eindruck hat, eine ausgezeidinete französische Übersetzung vor sich zu haben.

Es ist somit nicht zu bestreiten, daß Flandern der reidiere künstlerische Boden Belgiens ist, was auch die frühere Geschichte bestätigt. Denn haben nicht die burgundischen Grafen ihren Sitz vom Süden hierher verlegt, und wurde Kaiser Karl V nicht in Gent geboren? Angefangen mit den herrlichen flämischen Miniaturen, den Schöpfungen der Brüder van Eyck, über Hans MemKng, Hugo van der Goes, Rogier van der Weyden greift die südniederländische Malschule hinüber nach Rubens, van Dijck und den flämischen Gobelinmeistern bis in die Neuzeit, wo Masareel und Albert Servaes, trotz neuester Formen, an die lebendige Tradition anknüpfen.

Es ist deshalb begreiflich, daß die Flamen mit Verbitterung ihre Sprachredite verteidigt haben, nachdem auf ihrem Boden Jacob Maerlant, „Der Vater der niederländischen Prosa“ gelebt und gewirkt hat, und die niederländische Sprache hier ihre ersten geschmeidigen Formen gefunden hat, wie zum Beispiel in der schönsten Reinecke Fuchs-Fassung, „Van den Vos Relnaerde“, und der westflämischen Bibelübersetzung, die auch in Holland verbreitet wurde. Hier auch sang Anna Bijns ihre Lieder und fand Nakatenus den Stoff für seine Gedichte der Gegenreformation. Vor allem aber blühte hier die neue flamische Literatur auf, m t den un-vergeßiidien Werken von Guido Gezeile, Rodenbach, Stein Streuvel. Karel van de Woestijne, bis zu den Jüngeren, wie Tirnmer-mans, Walschap, Paul van Ostayen und den Gruppen von „Nu en Straks“ und „Het Fontijntje“. Gerade aus dieser Litera:ur lernen wir den richtigen Hamen kennen, der nicht so leutselig, optimistisch, gesprächig und oberflächlich ist wie Pallieter und andere Timmermans-Figuren, sondern ein schwermütiger und gequälter Mensch, in dem der Kampf zwischen Leidenschaff und Glauben die verwickeltsten Probleme und Dramen hervorruft. Der größte flämische Dichter, hat diese Stimmung richtig zum Ausdruck gebracht, als er schrieb:

Mein Herz ... mein Herz ist krank und schwach, Und unbeständig in den Freuden; Doch, geht'- ihm gut nur eine Stund' So kann es wieder Hunger leiden.

Nur der flämische Teil kann auf eine solche fruchtbare, tiefverwurzelte Tradition und auf eine solche reiche Gegenwart blicken. Diese Quellen sind es auch, von denen die nordniederländische Literatur immer wieder beeinflußt wird, ohne ihren eigenen Charakter zu verlieren. Nach den vielen schweren Schlägen, mit denen zwei Weltkriege dieses Land heimgesucht haben, dringt nun allmählich bei der belgischen Führung das Verstehen durch, daß nur in der freien Entwicklung beider Teile eine segensreich Zukunft für das ganze Land gesichert ist. Andererseits hat die Bevölkerung nach den vielen Krisen eingesehen, daß ihre Interessen am besten in einem eigenen Staatsverband gefördert werden, auch wenn Teilbelange 2elegenrlich keine Berücksichtigung finden. Das zeigte sich schon in früheren kritischen Zeiten, als alle Volksteile — trotz der vielen Differenzen — sich dem gemeinsamen Feind entgegenwarfen, wobei sie sich wie im ersten Weltkrieg gestärkt fühlten durch die Figur Alberts 1., des „roi-soldat“, der als Symbol ihrer Einheit nicht von ihnen wich. Sogar die unklare Haltung Leopolds III., der bestimmt das Gute gewollt, aber nicht den richtigen Weg gewählt hat. war nicht imstande, dem Volke in seiner Gesamtheit den klaren Blick zu nehmen, so daß die politischen Degrellisten und kulturellen Kollaborateure, wie Timmer-mans und Verschaeve, nur Einzelerscheinungen blieben, genau so wie die Aktivisten aus dem ersten Weltkrieg. Belgien hat den letzten Krieg relativ günstiger überstanden als den ersten. Damals bekam es die ganze Wucht des deutschen Angriffs und die zermürbende Dauer eines Stellungskriegs zu spüren, der Holland durch Zufall erspart blieb. Das let/.temal aber zeigte sich die fast schicksalshafte Verbundenheit mit dem nördlichen Nachbarstaat. Während die Vorteile der alliierten Invasion Belgien rasch zugute kamen, indem der Feind sich nadt dem Norden zurückzog, hatte Holland jetzt die letzten furchtbarsten Schläge aufzufangen.

Seit mehr als zwei Jahren ist auch in Belgien der äußere Frieden wiedergekehrt und nun setzt dieses Land alle Kräfte daran, sich ökonomisch zu erholen. Es ist eines der wenigen europäischen Länder, das schon in der letzten Zeit einen gewaltigen Aufstieg zu verzeichnen hat und das sich nun durch Handelsverträge und vielleicht eine Zollunion bemüht, dem stark hergenommenen Nachbarn im Norden über die Verheerungen des Krieges hinwegzuhelfen. Diese über das Geographische hinausgehende Berührung zwischen Holland und Belgien hat beide Länder näher zueinander gebracht und vor allem den Wunsch nach engerer kultureller Zusammenarbeit zwischen den niederländischen und flämischen Künstlern hervorgerufen. Holland, das keine politischen Ansprüche an Belgien stellt, ist bestrebt, diese Zusammenarbeit auf das rein Kulturelle zu beschränken, und die Flamen haben, nach den schlechten Erfahrungen der zwei Weltkriege, in ihrer Gesamtheit eingesehen, daß das Heil für sie bestimmt nicht von dem „germanischen Bruder“ kommt.

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