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Feuilleton

Geschwiegen, bis über den Tod hinaus

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Dokumentarfilmer deckte das doppelte Leben des Ernst Beschinsky auf -und erzählte das Leben jenes Mannes, der sich im Schatten der Shoah als Beschinsky ausgab. Nico Hofinger hat den Stoff nun gekonnt für sein Romandebüt bearbeitet.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Dokumentarfilmer deckte das doppelte Leben des Ernst Beschinsky auf -und erzählte das Leben jenes Mannes, der sich im Schatten der Shoah als Beschinsky ausgab. Nico Hofinger hat den Stoff nun gekonnt für sein Romandebüt bearbeitet.

Listen" ist die Pluralform der List ebenso wie jene der Liste. Listen in diesem Sinn sind integraler Bestandteil avantgardistischer und auch popkultureller literarischer Verfahrensweisen. Selten wird dabei daran gedacht, dass die Liste ihre große Zeit im Nationalsozialismus erlebte - nicht nur zur Verwaltung der Shoah, keine Arisierung, kein Weg ins Exil war ohne Verzeichnis der Besitztümer denkbar.

Der Verstorbene erzählt

Zwei solche "Listen" haben auch in Niko Hofingers Debütroman "Maneks Listen" einen Auftritt. Im Vordergrund aber steht jenes Potenzial an List, das Emmanuel "Manek" Willner entwickeln musste, um sein Leben 1987 als Ernst Beschinsky, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, hochbetagt und angesehen beenden zu können. Und eine besondere List wendet auch der Innsbrucker Zeithistoriker Niko Hofinger an, um diese Lebensgeschichte im Schatten der Shoah zu rekonstruieren. Er lässt den Verstorbenen zu Wort kommen -zunächst mit dem Furor des Aufdeckers eines dubiosen Lügengebäudes, bald schon entwaffnet von der uneitlen Art, wie der "Beschuldigte" die vielen Windungen und Brüche seiner Biografie erzählt. Sympathisch sind sie beide, der Erzähler im Hier und Jetzt wie jener aus dem Jenseits, und das hat ganz wesentlich mit der sprachlichen und kompositorischen Qualität des Buches zu tun. Es gibt wohl selten einen Debütroman, der in beiden Kategorien so gar keine Wünsche offen lässt.

Zur Vorgeschichte des Buches gehört die Recherche des israelischen Dokumentarfilmers Yair Lev, der herausfand, dass sein Großvater Ernst Beschinsky, verstorben 1969 in Israel, mit dem in Innsbruck verstorbenen Mann gleichen Namens große Teile der Biografie teilt. Wer ist hier der echte Ernst Beschinsky? Wer hat seine Identität gefälscht beziehungsweise gestohlen?

Niko Hofinger lässt Manek Willner mit Geduld und Gelassenheit aus dem Off des Jenseits seine komplizierte Lebensgeschichte erzählen. Geboren in Galizien und aufgewachsen in Wien, ist er bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten mit drei jungen Männern aus der Nachbarschaft eng befreundet. Alle vier haben kaum Geld und kaum Perspektiven, aber reichlich Pläne und kulturellen Ehrgeiz, sei es als Schauspieler, Schlagertexter oder Komponist. Zwei von ihnen versuchen in den 1920er-Jahren ihr Glück in Palästina und kehren enttäuscht wieder zurück, der dritte aber, Ernst Beschinsky, wandert 1930 tatsächlich nach Palästina aus, um dort zu bleiben.

Schicksal kreuzt Zeitgeschichte

Als Manek Willner 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen muss, zunächst nach Prag, dann nach Zagreb, schlüpft er -aufgrund seiner Geburt in Galizien selbst immer noch polnischer Staatsbürger - in die Identität des vor acht Jahren ausgewanderten Freundes. Eine komfortablere, weil sichere arische Identität, so Manek, sei wegen seines Aussehens nicht in Frage gekommen, dafür bot die Identität des Freundes den Vorteil, die Lebensumstände der gemeinsamen Jugend genau zu kennen. Dass Manek Willner ein Überleben der Jahre des Nationalsozialismus tatsächlich gelingt, verdankt er dem Mut seiner Lebenspartnerin Ilse Pollak aus Hall in Tirol, die ihn jahrelang als U-Boot versteckt.

Deren Identität wiederum sorgt beim Autor zunächst für ein gehöriges Maß an Misstrauen, entstammt sie doch einer Familie überzeugter Nationalsozialisten. Auch nach 1945 ist Willner noch polnischer Staatsbürger und so heiratet er seine Ilse mit der falschen Identität Beschinskys und behält diese bis an sein Lebensende bei. Bevor das Ehepaar 1950 nach Tirol zurückkehren kann, kreuzt sich Maneks Schicksal noch einmal fatal mit der Zeitgeschichte. Auf Bitte eines Freundes lässt das Ehepaar in Zagreb eine unbekannte Frau bei sich nächtigen. Wie Manek durch eine Denunziation erfahren muss, handelt es sich dabei um die Gattin Günther Herrmanns, SS-Standartenführer und Chef der Gestapo-Leitstellen Kassel und Brünn, als Kommandant diverser Sonderkommandos verantwortlich für zahlreiche Massaker in Mittel-und Osteuropa. Das bringt Manek im Tito-Jugoslawien zwei Jahre Haft ein, und auch die harrt Ilse geduldig aus.

Lektion an die Nachgeborenen

Zurück in Hall baut Manek dann, nach einigen Start-und Motivationsschwierigkeiten, mit Ilses Hilfe einen florierenden Handelsbetrieb auf. Gleichzeitig beginnt er sein Engagement in der Kultusgemeinde. Als 1981 anlässlich einer offiziellen Ehrung zum ersten Mal ein Foto von ihm in der Zeitung abgebildet wird, rechnet Manek mit einer späten Enttarnung. Doch alle, die um den Identitätsschwindel wissen, werden bis über seinen Tod hinaus schweigen.

Erst 2010 wird bekannt, dass es Ernst Beschinsky, geboren am 12. Juli 1902 in Wien, zweimal gegeben hat, einmal in Israel und einmal in Innsbruck. "Der Mann, der zweimal starb", unter diesem Titel präsentierte Yair Lev 2018 seinen Dokumentarfilm über die Doppelexistenz, der Niko Hofinger mit seinem Roman ein würdiges Denkmal setzt -in das auch eine kleine Lektion über vorschnelle Urteile und Überheblichkeiten der Nachgeborenen eingebaut ist.

Listen" ist die Pluralform der List ebenso wie jene der Liste. Listen in diesem Sinn sind integraler Bestandteil avantgardistischer und auch popkultureller literarischer Verfahrensweisen. Selten wird dabei daran gedacht, dass die Liste ihre große Zeit im Nationalsozialismus erlebte - nicht nur zur Verwaltung der Shoah, keine Arisierung, kein Weg ins Exil war ohne Verzeichnis der Besitztümer denkbar.

Der Verstorbene erzählt

Zwei solche "Listen" haben auch in Niko Hofingers Debütroman "Maneks Listen" einen Auftritt. Im Vordergrund aber steht jenes Potenzial an List, das Emmanuel "Manek" Willner entwickeln musste, um sein Leben 1987 als Ernst Beschinsky, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, hochbetagt und angesehen beenden zu können. Und eine besondere List wendet auch der Innsbrucker Zeithistoriker Niko Hofinger an, um diese Lebensgeschichte im Schatten der Shoah zu rekonstruieren. Er lässt den Verstorbenen zu Wort kommen -zunächst mit dem Furor des Aufdeckers eines dubiosen Lügengebäudes, bald schon entwaffnet von der uneitlen Art, wie der "Beschuldigte" die vielen Windungen und Brüche seiner Biografie erzählt. Sympathisch sind sie beide, der Erzähler im Hier und Jetzt wie jener aus dem Jenseits, und das hat ganz wesentlich mit der sprachlichen und kompositorischen Qualität des Buches zu tun. Es gibt wohl selten einen Debütroman, der in beiden Kategorien so gar keine Wünsche offen lässt.

Zur Vorgeschichte des Buches gehört die Recherche des israelischen Dokumentarfilmers Yair Lev, der herausfand, dass sein Großvater Ernst Beschinsky, verstorben 1969 in Israel, mit dem in Innsbruck verstorbenen Mann gleichen Namens große Teile der Biografie teilt. Wer ist hier der echte Ernst Beschinsky? Wer hat seine Identität gefälscht beziehungsweise gestohlen?

Niko Hofinger lässt Manek Willner mit Geduld und Gelassenheit aus dem Off des Jenseits seine komplizierte Lebensgeschichte erzählen. Geboren in Galizien und aufgewachsen in Wien, ist er bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten mit drei jungen Männern aus der Nachbarschaft eng befreundet. Alle vier haben kaum Geld und kaum Perspektiven, aber reichlich Pläne und kulturellen Ehrgeiz, sei es als Schauspieler, Schlagertexter oder Komponist. Zwei von ihnen versuchen in den 1920er-Jahren ihr Glück in Palästina und kehren enttäuscht wieder zurück, der dritte aber, Ernst Beschinsky, wandert 1930 tatsächlich nach Palästina aus, um dort zu bleiben.

Schicksal kreuzt Zeitgeschichte

Als Manek Willner 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen muss, zunächst nach Prag, dann nach Zagreb, schlüpft er -aufgrund seiner Geburt in Galizien selbst immer noch polnischer Staatsbürger - in die Identität des vor acht Jahren ausgewanderten Freundes. Eine komfortablere, weil sichere arische Identität, so Manek, sei wegen seines Aussehens nicht in Frage gekommen, dafür bot die Identität des Freundes den Vorteil, die Lebensumstände der gemeinsamen Jugend genau zu kennen. Dass Manek Willner ein Überleben der Jahre des Nationalsozialismus tatsächlich gelingt, verdankt er dem Mut seiner Lebenspartnerin Ilse Pollak aus Hall in Tirol, die ihn jahrelang als U-Boot versteckt.

Deren Identität wiederum sorgt beim Autor zunächst für ein gehöriges Maß an Misstrauen, entstammt sie doch einer Familie überzeugter Nationalsozialisten. Auch nach 1945 ist Willner noch polnischer Staatsbürger und so heiratet er seine Ilse mit der falschen Identität Beschinskys und behält diese bis an sein Lebensende bei. Bevor das Ehepaar 1950 nach Tirol zurückkehren kann, kreuzt sich Maneks Schicksal noch einmal fatal mit der Zeitgeschichte. Auf Bitte eines Freundes lässt das Ehepaar in Zagreb eine unbekannte Frau bei sich nächtigen. Wie Manek durch eine Denunziation erfahren muss, handelt es sich dabei um die Gattin Günther Herrmanns, SS-Standartenführer und Chef der Gestapo-Leitstellen Kassel und Brünn, als Kommandant diverser Sonderkommandos verantwortlich für zahlreiche Massaker in Mittel-und Osteuropa. Das bringt Manek im Tito-Jugoslawien zwei Jahre Haft ein, und auch die harrt Ilse geduldig aus.

Lektion an die Nachgeborenen

Zurück in Hall baut Manek dann, nach einigen Start-und Motivationsschwierigkeiten, mit Ilses Hilfe einen florierenden Handelsbetrieb auf. Gleichzeitig beginnt er sein Engagement in der Kultusgemeinde. Als 1981 anlässlich einer offiziellen Ehrung zum ersten Mal ein Foto von ihm in der Zeitung abgebildet wird, rechnet Manek mit einer späten Enttarnung. Doch alle, die um den Identitätsschwindel wissen, werden bis über seinen Tod hinaus schweigen.

Erst 2010 wird bekannt, dass es Ernst Beschinsky, geboren am 12. Juli 1902 in Wien, zweimal gegeben hat, einmal in Israel und einmal in Innsbruck. "Der Mann, der zweimal starb", unter diesem Titel präsentierte Yair Lev 2018 seinen Dokumentarfilm über die Doppelexistenz, der Niko Hofinger mit seinem Roman ein würdiges Denkmal setzt -in das auch eine kleine Lektion über vorschnelle Urteile und Überheblichkeiten der Nachgeborenen eingebaut ist.