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Gier, Geilheit, Geld, Gottessuche

Leo Tolstois beinahe vergessene fünfaktige Bauerntragödie "Die Macht der Finsternis" aus dem Russland der späten 1880er-Jahre ist ein krasses Stück. Antú Romero Nunes hat es am Wiener Akademietheater mit toller Besetzung als Groteske und mit viel russischer Folklore inszeniert, ohne dass allerdings erkennbar würde, was er an dem wüsten Stoff jenseits der wenig nachvollziehbaren moralischen Botschaft entdeckt hat.

Der damals schon fast 60-jährige Tolstoi erzählt in seinem ersten Theaterstück eine gruselige Geschichte vom antimodernen, archaischen, rückständigen, tumben Leben auf dem Lande, das Nunes noch zuspitzt, indem er die Figuren als körperliche, geistige und moralische Krüppel (über)zeichnet. Dem entsprechend ist das Gut des reichen Bauern Petr (Johannes Krisch) ein wahrer Sündenpfuhl. Florian Lösche hat dieses Reich der Finsternis und Dummheit als riesigen Turm aus gefüllten grauen Leinensäcken gestaltet, der an Bruegels "Turmbau zu Babel" denken lässt.

"Warum hast du uns verlassen?"

In dieser Welt der mangelnden Gottesfurcht soll der Knecht Nikita bald Herr werden. Nicht dass er das so sehr wollte. Fabian Krüger spielt ihn als schmuddeliger, träger, notgeiler Saufund Raufbold, der sich stets ungeniert am aus der Hose quillenden Schmerbauch, am Hintern oder am Gemächt kratzt. Der böse Wille hinter ihm ist seine Mutter, der Kirsten Dene durch schiere Sachlichkeit dämonische Qualität verleiht. Sie ist es, die die Fäden zieht. Während Nikita hinter den Röcken auf dem Hof her ist - vor allem Anisia (Aenne Schwarz), die Frau des Bauern und dessen debile Tochter aus erster Ehe Akulina (Mavie Hörbiger) haben es ihm angetan -hat sie es nur auf das Geld abgesehen, das der sieche Bauer irgendwo versteckt hat. Erst als es endlich gefunden wird, hilft sie der langen Agonie des Bauern durch Gift nach. "Es wäre ja eine Sünde, wenn das schöne Geld einfach so drauf geht", sagt sie einmal. Nikita heiratet daraufhin Anisja, doch Akulina bekommt sein Kind. Da sie aber anderweitig verheiratet werden soll, muss das Neugeborene beseitigt werden. Auch hier weiß die Mutter Rat. Nikita erstickt es und vergräbt es im Keller, woraufhin ihn ganz plötzlich tiefe Reue überkommt.

Während wir fragen, woher dieses plötzliche Unbehagen an sich selbst kommt, mündet die Inszenierung in einer Predigt, in der viel von der Schlechtigkeit des Menschen angesichts seiner Gottvergessenheit die Rede ist. "Warum hast Du uns verlassen?" fragt Nikita. Darauf hat auch diese schlichte Inszenierung keine Antwort.

Die Macht der Finsternis

Akademietheater

11., 23., April, 4., 17. Mai

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