Die Fledermaus - © Foto:  Werner Kmetitsch
Feuilleton

„Glücklich ist, wer vergisst“: Johann Strauß in Graz

1945 1960 1980 2000 2020
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Mitten durch das Orchester müssen die Protagonisten meist aus dem Zuschauerraum über einen roten Teppich auftreten. Deshalb sind die Grazer Philharmoniker mittig geteilt und sitzen im hochgefahrenen Graben auf gleichem Niveau wie das Parkett. Trotz dieser erschwerten Bedingungen gelingt dem Dirigenten Marcus Merkel die Koordination sehr exakt und er lässt mit straffen Tempi klangschön spielen.

Maximilian von Mayenburg will der „Fledermaus“ von Johann Strauß am Grazer Opernhaus mit vielen krampfhaft modernisierten, neuen und „komischen“ Ideen an den Kragen und diese offenbar richtig aufmischen: So sieht man Dr. ­Falke nur im Rollstuhl, er wurde beim seinerzeitigen Streich durch Prügel so übel zugerichtet, für den er sich jetzt revanchieren will. Und er „vergiftet“ auch gleich die gesamte Gesellschaft bei Orlofsky und das Publikum mit Champagner in der Pause dazu. Das Fest, das plötzlich mittendrin durch die Pause unterbrochen wird, wird zur grellen Party umfunktioniert und endet in einem Boxkampf, bei dem Adele bei ihrer Nummer „Mein Herr Marquis“ Eisenstein k. o. zu Boden gehen lässt. Alles wirkt krampfhaft und überspitzt, mit Figuren, die zwischen Halloween und Rocky Horror Picture Show (Kostüme: Frank Lichtenberg) angesiedelt sind. Und was das Schlimmste ist: Der Regisseur nimmt dem Stück jeglichen Charme.

Nur sängerisch überzeugend

Absoluter Tiefpunkt ist dann der letzte Akt: Frosch ist kein Gefängnisdiener, sondern Kloputzer und träumt am WC neben den Klozellen (Bühne: Tanja Hofmann), wohin man den letzten Akt verlegt hat, zwischen Alkoholleichen, Kotzenden und Kopulierenden von Einsamkeit, Ruhe und vom Ende der Zeit. Leider werden Adi Hirschal bei der Neubearbeitung des Textes auch vom Regisseur die besten Pointen genommen. Er ist bei Weitem keine Lachnummer. Sängerisch hingegen ist alles im grünen Bereich: Alexander Geller spielt und singt einen eleganten, kraftvollen, leider wenig verständlichen Eisenstein, dem aber ein Charmeverbot auferlegt wurde. Bühnenpräsent und spielfreudig zeigt sich Elissa Huber als Rosalinde. Sieglinde Feldhofer verfügt als Adele über einen federleichten Sopran. Markus Butter als Frank, Direktor des „Scheißhauses“ (Originalzitat aus dem Text), besticht mit Prägnanz und Bühnenpersönlichkeit. Ivan Orescanin als Dr. Falke mit weich timbriertem Bariton gefällt ebenso wie Albert Memeti als schmelziger Sänger Alfred. Anna Brull als multinationaler Orlofsky (der „Russe“ spricht katalanisch, seinen Einzug begleitet der „Egyptische Marsch“) singt in schönsten Mezzofarben. Manuel von Senden hat als Advokat Dr. Blind aus einer Parterreloge auf die Bühne zu klettern und liefert dann ein präzises Rollenporträt. Achtbar singt der auch schauspielerisch stark geforderte Chor (Bernhard Schneider). Trotzdem: viel Applaus!

Die Fledermaus
Oper Graz, 13., 15., 31. Dez.