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Goldmedaillen für Dichtung

1945 1960 1980 2000 2020

Ein vergessenes Kapitel der Olympia-Geschichte: Bei Kunstbewerben wurden bis 1948 Medaillen für Malerei, Dichtung oder Musik verliehen.

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Ein vergessenes Kapitel der Olympia-Geschichte: Bei Kunstbewerben wurden bis 1948 Medaillen für Malerei, Dichtung oder Musik verliehen.

Kommerzialisierung, Werberummel, Demonstration nationaler Stärke: In Sidney brennt ab 15. September wieder die olympische Flamme, doch schon seit einiger Zeit ist so manches bei den Spielen nicht im Sinne ihres Gründers. Von einer wichtigen Idee des französischen Barons Pierre de Coubertin aber ist überhaupt nichts mehr übriggeblieben: von den Kunstbewerben.

Die Verbindung von Sport und Kunst fand sich schon in der Antike. Bildhauer wie Phidias oder Myron schufen Statuen der Sieger, und wer bei den Spielen dreimal gewonnen hatte, dessen Statue trug seine Gesichtszüge. Dieser Brauch hat sich fast bis heute erhalten: Finnland ehrte Paavo Nurmi mit einer Statue, und die Franzosen errichteten ihrem Langstreckenläufer Jean Bouin eine solche im Stadion von Marseille. Auch die Literatur war schon in Olympia mit dem Sport verbunden: Der Lyriker Pindar schrieb Oden auf die Sieger der Wettkämpfe.

Als Coubertin die Olympischen Spiele der Neuzeit gründete, die 1896 zum ersten Mal in Athen ausgetragen wurden, gab es noch keine Kunstbewerbe, doch scheint er schon damals daran gedacht zu haben. Beim Kongress des Internationalen Olympischen Komitees 1906 sagte er: "Die Stunde ist gekommen, in eine neue Etappe einzutreten und die Olympischen Spiele mit ihrer einstigen Schönheit wiederherzustellen." Er wollte Sport, Kunst und Wissenschaft verbinden, als Quellen edlen Menschentums. Das vorgeschlagene Programm bestand aus Architektur, Drama, Tanz, Festschmuck, Dichtung, Musik, Malerei und Bildhauerei. Alle diese Künste sollten den Sport zum Thema haben. Das brachte aber von Anfang an Schwierigkeiten: Die Malerei kann den Sport nur gegenständlich darstellen, was in der großen Kunst nicht mehr gefragt war. Die Musik hatte die schwierigste Aufgabe. Mehr als Oden und Kantaten zur Ehre des Sports oder platte Programm-Musik war nicht zu erwarten. Am leichtesten hatte es die Architektur, denn Entwürfe von Sportstätten stellten reizvolle Aufgaben.

Keine Meisterleistung Im Jahr 1912, bei den Fünften Olympischen Spielen in Stockholm, war es dann soweit. Fünf Bewerbe waren ausgeschrieben, nämlich Architektur, Malerei, Plastik, Literatur und Musik. Das Ergebnis entsprach nicht den Erwartungen. Die eingereichten Werke waren keine Meisterleistungen, und zu allem Überfluss boykottierten die schwedischen Künstler den Bewerb. Die Goldmedaille für Literatur ging an eine "Ode an den Sport". Sie pries den Sport als "gemeinsames Band um Völker", als "Pflege der Kraft, der Ordnung und Selbstbeherrschung". Als Verfasser zeichnen die Namen Hohrod und Eschbach. Tatsächlich war Coubertin selbst der Autor , was angeblich niemand wusste. Liest man das Gedicht, kommt einem unwillkürlich in den Sinn: "Das hat ka Goethe g'schriebn, das hat ka Schiller 'dicht." Auch in den folgenden Jahren brachte der Literaturbewerb nichts Nennenswertes hervor. Heute noch bekannt - allerdings nur in Reiterkreisen - ist Bindings "Reitvorschrift für eine Geliebte", die 1928 eine Silbermedaille erhielt. In Berlin 1936 wurde Wilhelm Ehmer mit Silber bedacht. In seinem Werk "Um den Gipfel der Welt" schilderte er die Geschichte des englischen Bergsteigers Mallory, der bei der versuchten Erstbesteigung des Mount Everest den Tod fand, und von dem noch heute ungeklärt ist, ob er den Gipfel erreicht hatte. Zur jeweiligen Jury der Literaturbewerbe gehörten große Namen: In Paris 1924 war es die Creme französischer Autoren wie Claudel, Maeterlinck und Giraudoux, in Los Angeles 1932 richteten Walpole, Wilder und Maurois.

Die wenigsten Medaillen gab es für Musik. Wurden 1912 und 1920 noch Märsche und Siegeslieder ausgezeichnet, so wurde 1924 keine einzige Medaille vergeben. Zur Jury in Paris gehörten Boulanger, Bartok, Strawinsky und Ravel. Ihre Ansprüche scheinen zu hoch gewesen zu sein. 1928 erhielt der Däne Rudolf Simonsen die Bronzemedaille für eine Sinfonie, in Los Angeles erhielt der Dvorak-Schüler Josef Suk Silber. 1936 gingen alle drei Medaillen für Solo-und Chorgesang an deutsche Komponisten, die Goldmedaille für Orchestermusik erhielt Werner Egck für eine "Olympische Festmusik".

Die Bewerbe für Malerei und Grafik litten an einer Art Unschärferelation. Entweder war in künstlerisch hochwertigen Bildern der Sport schlecht dargestellt, oder der künstlerische Wert der Werke war zweifelhaft. Aus der großen Zahl der Teilnehmer - 1948 wurden nicht weniger als 400 Bilder eingereicht - ist die Britin Laura Knight als Mitglied der Royal Society of Art bekannt geblieben. Am besten eignet sich die Plastik zur Darstellung des Sports, besser gesagt der Sportler. Diskuswerfer, Läufer, Boxer, sie alle wurden im Augenblick konzentrierter Bewegung erfasst. Besonders gut gelang dies Renee Sintenis mit ihrem "Fußballspieler".

Und dann kamen die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Nazi-Deutschland benützte sie in perfekter Inszenierung zur Demonstration seiner Stärke. Die Kunstbewerbe waren da nicht ausgenommen, die Vorbereitungen begannen schon lange vor dem Ereignis. 1934 schrieb Robert Lubahn den Text zur Olympischen Hymne, die Richard Strauss vertonte. Carl Diem, damals Generalsekretär des Organisationskomitees, später Gründer und Rektor der Sporthochschule Köln, schrieb das Festspiel "Olympische Jugend", das von Carl Orff und Werner Egck vertont wurde. Höhepunkt der Propaganda - im Nachhinein - war der Film über die sportlichen Bewerbe. Man mag seine Ideologie ablehnen, doch muss man anerkennen, dass Regisseurin Leni Riefenstahl neue Wege der Filmkunst ging. Auch der aus Scheinwerferstrahlen gebildete "Lichtdom" über dem Stadion, geschaffen von Albert Speer, war neu und wirkungsvoll.

Unter den Medaillengewinnern der Kunstbewerbe findet man erstaunlich wenige Deutsche, nur sieben, darunter "natürlich" auch Arno Breker mit einer Silbermedaille für seine Plastik "Zehnkämpfer". Coubertin selbst war enttäuscht über das Ergebnis der Kunstbewerbe und bekannte, dass "aus der zwischen Muskel und Geist geschlossenen Ehe noch keine Kinder hervorgegangen sind".

London war 1948 zum letzten Mal Ort der Olympischen Kunstbewerbe. Die Beteiligung übertraf alle bis dahin stattgefundenen: Fast 300 Künstler aus 27 Ländern brachten ihre Werke, doch abgesehen von Architektur und Gebrauchsgrafik keine überzeugenden.

Wie aber erging es in all den Jahren den Österreichern? Sie hielten sich gut. Edwin Grienauer, bekannt für seine Münzstempel, erhielt 1928 Gold für Entwürfe von Medaillen und 1948 in London Bronze für eine "Trophäe für das Rudern". Bei denselben Spielen wurde Oskar Thiede mit einer Silbermedaille für "Acht Sportplaketten" gewürdigt. Hans Breidbach-Bernau, Sohn eines Wiener Schauspielers, erhielt in London zwar keine Medaille, aber eine "ehrenvolle Anerkennung" für seine Prosa "Sensenschmied". Hans Helmuth Stoiber erreichte 1936 Bronze mit seinem Gedicht "Der Diskus". Es unterschied sich nachhaltig von den damals üblichen Kampf- und Sieg-Apotheosen, denn es schildert die Meditation eines Sportlers nach dem Wurf, wenn er den Schmutz vom Diskus wischt. Da war das Bild "Läufer vor dem Ziel" von Rudolf Eisenmenger ganz anders, ganz im Fahrwasser der Ideologie, in welcher der Künstler sich recht wohl fühlte. Er bekam die Silbermedaille, Gold wurde nicht vergeben. Sehr erfolgreich waren die österreichischen Architekten. Hermann Kutschera, der bei Holzmeister arbeitete, bekam 1936 Gold für den Entwurf eines sensibel in die Landschaft gestellten Skistadions, Bronze ging an Hermann Stieglholzer und Hermann Kastinger für den Entwurf eines Stadions in Wien 1948.

Keine Amateure Bei den letzten Olympischen Kunstbewerben, erhielt Alfred Rinesch Silber für ein Wassersportzentrum in Kärnten, Gold ging an Adolf Hoch für den Entwurf einer Sprungschanze auf dem Cobenzl. Offensichtlich hielt er damals Winterspiele in Wien für möglich. Heute könnte man ein solches Projekt nicht einmal als Entwurf einreichen.

Zum Ende der Olympischen Kunstbewerbe trug der Amateurparagraf bei, dessen Hohepriester Avery Brundage Künstlern den Amateurstatus absprach, weshalb sie nicht berechtigt seien, um Medaillen zu kämpfen. Vielleicht war es auch die zweifelhafte Qualität der eingereichten Werke, die dem Komitee die Entscheidung erleichterte, die Kunstbewerbe einzustellen. Doch kampflos wollten sie nicht sterben. Gleich nach den Spielen von 1948 stellte ein Kunstausschuss, dem auch Manfred Mautner-Markhof angehörte, den Antrag auf Weiterführung des Bewerbes. Deutschland schickte einen Protestbrief, doch alles war vergeblich.

1952 veranstaltete Helsinki anlässlich der Olympischen Spiele eine Kunstausstellung, bei der Oskar Thiede noch einmal Silber für seine Medaillenentwürfe erhielt. Auch Melbourne organisierte 1956 eine derartige Ausstellung, die allerdings nur Australiern offenstand. Mittlerweile sind die Proteste verstummt. Olympia gehört dem Sport, dem Kommerz und - seien wir ehrlich - der Ideologie. Für Kunst ist kein Platz mehr.

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