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Feuilleton

Golem aus Leichtmetall und Mikrochips

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Wenn Asimo über die Bühne läuft, schlagen nicht nur Kinderherzen höher. Leicht gebückt und mit stark abgewinkelten Knien setzt er präzise auf und ab pendelnd seine Schritte. Bei ausreichender Energieversorgung könnte er in einer Stunde sechs Kilometer zurücklegen. Dass der Lauf bei nüchterner Betrachtung an einen Pensionisten mit Bandscheibenvorfall erinnert, tut der Faszination keinen Abbruch.

Asimo, eine Entwicklung des japanischen Honda-Konzerns, ist der zurzeit am weitesten entwickelte humanoide Roboter der Welt. Sein Name ist ein Akronym für „Advanced Step in Innovative Mobility“ (etwa: fortgeschrittene Stufe innovativer Mobilität). Doch allen Dementi von Honda zum Trotz sehen seine Fans darin auch eine Hommage an den legendären Science-Fiction-Autor Isaac Asimow. Asimo ist 1,30 Meter groß, wiegt 54 Kilogramm und spricht mit einer sanften, femininen Kinderstimme. Unter seinem astronautenartigen Äußeren steckt ein Skelett aus dem Leichtbaumaterial Magnesium.

Zu Asimos weiteren Fähigkeiten gehört das Besteigen von Treppen, sowie ein paar Tanzchoreografien. Solcherart von seinen Ingenieuren und Programmierern befähigt ist der Knirps begehrter Stammgast auf Technologiemessen, in Museen und universitären Forschungsinstituten. Käuflich erwerben kann man ihn zwar nicht, doch für etwa 14000 Euro pro Tag ist er zu mieten. Auf der diesjährigen Ars Electronica wird Asimo erstmals ein größeres Publikum in Österreich erfreuen. Die Veranstalter rechnen mit hohem Andrang und empfehlen Interessierten deshalb eine Voranmeldung. Das ist verständlich.

Denn der 1997, damals noch in einer größeren und schwereren Version, erstmals der Öffentlichkeit vorgestellte Roboter hat einen Meilenstein gesetzt. Bis dahin galt es unter Robotik-Forschern nämlich als nahezu aussichtsloses Unterfangen, Robotern den aufrechten Gang beizubringen. Zehn Jahre Arbeit und mehr als 80 Millionen Euro hat Honda in die technische Meisterleistung investiert. Wenn Asimo läuft, befinden sich seine Beine für jeweils etwa acht Hundertstel Sekunden gleichzeitig ohne Bodenkontakt in der Luft – ähnlich wie beim Menschen. Eine permanente Regelung seiner Körperhaltung sorgt für Stabilität. Ein Sturz wäre unangenehm (fürs Image). Denn ohne fremde Hilfe aufstehen kann Asimo noch nicht.

Doch Asimo ist nicht nur der wahr gewordene Traum jedes Technikfans. Er verkörpert zugleich das uralte Begehren des Menschen, ein künstliches Abbild seiner selbst zu schaffen. Literatur und Mythen sind voll von dieser Vision – man denke an die Prometheussage, Ovids Pygmalion, den Golem aus der jüdischen Legende oder die Puppe Olympia aus E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. Erst der technologische Fortschritt hat die Verwirklichung solcher Träume in greifbare Nähe gerückt. Die Entwicklung humanoider Roboter verfolgt jedoch auch ein ganz praktisches Ziel. In Zukunft sollen Roboter eng mit Menschen zusammenarbeiten. Ideen reichen vom elektronischen Kellner in Bars bis hin zum Einsatz in der Altenpflege. An Letzterem ist besonders das zunehmend überalternde Japan höchst interessiert und folgerichtig in der Entwicklung federführend. Das menschliche Aussehen der Roboter soll dabei die nötige Akzeptanz garantieren. So weit ist die Wissenschaft indes noch nicht. Vorerst bleibt Asimo eine teure Unterhaltungsmaschine.