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Feuilleton

Gottes Achillesferse

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Atheismus - weil es keine Antwort auf die Frage nach dem Leid gibt?

Das Theodizeeproblem ist das Problem der Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt. Noch sind uns allen die Bilder des Tsunami präsent, der über Asien hinwegfegte und eine Spur der Verwüstung hinterließ. Wie kann Gott das vielfache Übel in der Welt zulassen, wenn es ihn gibt? Dabei setzen wir ein bestimmtes Gottesbild, das uns das Christentum vermittelt, voraus:

1. Gott ist allmächtig.

2. Gott ist allwissend.

3. Gott ist allgütig.

Das Theodizeeproblem ist das Problem, wie sich diese Eigenschaften mit der Existenz des Übels in der Welt vereinbaren lassen. Um das Theodizeeproblem im Sinne derer, die an Gott glauben zu lösen, gibt es genau drei Möglichkeiten:

1. Die Verteidigung: Man findet einen Weg, den auf den ersten Blick bestehenden Widerspruch zwischen den Aussagen über Gottes Eigenschaften und der Feststellung, dass es Leid in der Welt gibt, aufzulösen. Das heißt man zeigt, dass der angebliche Widerspruch nicht besteht.

2. Der Rückzug: Man lässt eine der oben aufgelisteten Eigenschaften Gottes fallen.

3. Der Gegenangriff: Man verbietet die ganze Frage nach einer Rechtfertigung Gottes als Anmaßung. Unsere menschlichen Maßstäbe sind niemals geeignet, um Gottes Weisheit zu verstehen.

Ich will zeigen, dass alle drei Strategien scheitern.

Der Preis der Freiheit?

Die bekannteste Verteidigung besagt: Dass aus moralisch verwerflichen Handlungen resultierende Leid (etwa Krieg oder Verbrechen) ist gerechtfertigt, weil nur dann ein freier Wille des Menschen existieren kann, wenn die Möglichkeit dazu besteht, Leid durch schlechte Handlungen zu verursachen. Der freie Wille ist demnach ein derartig hohes Gut, dass es all die Übel wert ist, die ihn möglich machen. Nur wenn wir zwischen Gut und Böse wählen und beides in die Tat umsetzen können, sind wir wirklich frei, so das Argument. Gott wäre damit von der Verantwortung für das moralische Übel befreit, denn wir Menschen selbst sind schuld.

Leider weist diese Strategie schon auf den ersten Blick erhebliche Mängel auf:

Erstens bietet sie keine Erklärung des natürlichen Übels, das aus Erdbeben, Sturmfluten usw. stammt.

Zweitens: Alle Menschen leiden in irgendeiner Form unter den schlechten Handlungen anderer Menschen. Aber etwa geistig behinderte Menschen haben keinen freien Willen als "Belohnung" für dieses erlittene Leiden erhalten. Für sie wird ihr Leiden nicht durch einen freien Willen kompensiert. Ist Gott gerecht, wenn er die Freiheit der einen mit dem Leiden der anderen "finanziert"?

Drittens: Gott hat jedenfalls einen freien Willen und er tut das Böse nicht. Gott muss erstens einen freien Willen haben, denn sonst würde er unter irgendeinem Zwang stehen, was mit der These seiner Allmacht nicht vereinbar wäre. Gott darf zweitens nichts Böses tun, ansonsten wäre er nicht allgütig. Diese Überlegung demonstriert, dass ein freier Wille ohne böse Taten möglich ist. Wieso hat Gott dann diese Möglichkeit nicht für die Menschen fruchtbar gemacht, wenn er das Übel so verabscheut?

Die berühmteste Verteidigungsstrategie scheitert und alle weniger berühmten lassen sich ebenfalls nicht halten.

Ausweg ohnmächtiger Gott?

Die Prozesstheologen wissen das und glauben, Gott konnte unsere Welt nicht wesentlich besser einrichten als sie ist. Er ist nicht allmächtig. Gott hatte lediglich die Wahl, Men-schen mit all ihren Fehlern und Vor-zügen zu erschaffen oder nicht.

Allerdings sind die Folgen dieser Strategie für den Gläubigen verheerend. Ein Glaube an Gott hat nur dann einen praktischen Sinn für den Gläubigen, wenn Gott ein personales Wesen ist, das die einzelnen Menschen kennt und eine persönliche Beziehung zu ihnen unterhält. Nur so macht es Sinn zu behaupten, dass Gott den Gläubigen liebt und ihm durch seine Liebe einen Lebenssinn gibt. Gott muss zudem seine Gebete erhören können und die Möglichkeit haben, ihm das ewige Leben zu gewähren. Dies sind die elementaren Fähigkeiten, die den Glauben für die Gläubigen de facto begründen. Viele dieser Fähigkeiten hat ein Gott mit beschränkter Allmacht nicht mehr.

Gott wird mit verloren

Machen wir uns einmal klar, wie machtlos Gott sein müsste, um dem Theodizeeproblem zu entgehen. Hätte Gott die Macht, konkret ins Weltgeschehen einzugreifen, so wäre das Theodizeeproblem nicht gelöst. Wir würden weiter die Frage stellen können, wieso Gott Hitler nicht an einer Kinderkrankheit sterben ließ. Wenn eine Einschränkung der göttlichen Allmacht das Theodizeeproblem lösen soll, dann nur eine radikale. Für all die Einzelfälle, die wir nicht mit Gottes Güte vereinbaren können, muss Machtlosigkeit die Erklärung bieten. Wenn wir der Prozesstheologie folgen, behalten wir deshalb einen Gott über, der offensichtlich sogar weniger Macht besitzt als wir Menschen. Wir können jedenfalls in zahlreichen Einzelfällen eingreifen. Demzufolge wird Gott von Seiten der Prozesstheologie auch bescheinigt, dass er nicht einmal die Macht habe, eine Gewehrkugel von ihrem Kurs abzubringen. Das dass nicht mehr der Gott der Bibel ist, zu dem die Menschen Jahrhunderte lang mit der Hoffnung gebetet haben, dass er die Macht habe, ihnen zu helfen und das ewige Leben zu geben, bemerken auch viele Theologen. Was nützt es, das Theodizeeproblem zu lösen, aber Gott dabei zu verlieren?

Eine verbotene Frage?

Der allmächtige Gott kann und darf nicht zum Gegenstand einer menschlichen "Gerichtsverhandlung" gemacht werden, meinen die Theisten, die den Gegenangriff unternehmen. Er sei den menschlichen Maßstäben immer schon entzogen. Karl Rahner und K. H. Weger bedienen sich dieses Arguments:

"Setzen Proteste gegen Gott und seine Existenz im Namen der Güte und Liebe nicht voraus, dass wir Gott unter das Gesetz unserer eigenen Moral und Lebensansprüche stellen können, dass wir ihn also verstehen als einen, der sich vor uns mit unseren Maßstäben rechtfertigen muß, während er, so er wirklich Gott sein soll, gerade der ist, in den hinein unsere Begriffe, unsere Maßstäbe verschwinden?"

Wenn aber Gottes Güte etwas ganz anderes ist, als das, was wir unter Güte verstehen, was für einen Sinn hat es dann, den Begriff der Güte noch zu gebrauchen? Wenn Gott nicht "in unserem Sinne" gütig ist, dann ist er es überhaupt nicht, denn der Begriff der Güte ist ein von uns gemachter, auf unsere Perspektive zugeschnittener. Es wäre also, wenn man Rahner folgt, vorstellbar, dass Gott ein nach unserer Begrifflichkeit sadistisches Handeln für "gütig" hält, weil sein Maßstab für Güte nicht der unsere ist. Gottes Güte, als völlig von der unseren unterschiedene, könnte der pure Sadismus sein.

Gleichwohl müssten wir ihn, Rahner folgend, als "allgütig" beschreiben, denn Gottes Maßstäbe zählen, nicht die unseren. Alles, was Gott tut oder tun könnte, wäre demnach mit seiner Allgüte verträglich.

Allerdings entkommt man der dritten Lösungsstrategie auch auf diese Weise nicht einwandfrei, denn diese Strategie weist die Vernunft als Maßstab in Sachen Theodizee zurück. Genau diese Vernunft haben wir aber gerade gegen die fragliche Position angewendet. Das könnte man als illegitim verurteilen. Die dritte Strategie stellt demnach einfach ein Frageverbot in den Raum und Punkt …

Zwei Weltbilder

Der Atheist interpretiert das so: Weil der Glaube einer vernünftigen Kritik an der Achillesferse des Theodizeeproblems in keiner Weise standhalten kann, zieht er sich dogmatisch hinter die Grenzen der Vernunft zurück. Für den Atheisten ist nun ein Werturteil gefordert. Wenn man die Kritik schätzt, kann man sie nicht einfach suspendieren. Immerhin ist neben dem naturwissenschaftlichen Fortschritt auch die Befreiung aus autoritärer Herrschaft ein Verdienst des kritischen, demokratischen Denkens.

Es ist nicht einfach eine folgenlose Handlung, die Kritik zu verbieten und dem Dogmatismus Vorrang zu geben. Wir rechtfertigen damit im Nachhinein eine Grundeinstellung der Inquisition des Mittelalters und der frühen Neuzeit! Hier treffen zwei Weltbilder aufeinander. Man muss sich zwischen diesen Weltbildern entscheiden, und diese Entscheidung hat beträchtliche Folgen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Düsseldorf sowie freier Publizist.

Angeklagt: Gott. Über den Versuch, vom Leiden in der Welt auf die Wahrheit des Atheismus zu schließen Von Bernward Gesang

Attempto Verlag, Tübingen 1997

183 Seiten, kt. € 16,-