Digital In Arbeit

Grenze seit Menschengedenken

Die Hafner-Mutter, eine Urgroßmutter mütterlicherseits, erzählte uns Kindern, wie sie damals Germ aus dem niederösterreichischen Kirchschlag über die Grenze ins heutige Mittelburgenland geschmuggelt hatte. Damals - das war noch die Monarchie, als an der niederösterreichischen Ostgrenze Österreich endete und Ungarn begann; die Bewohner der deutschsprachigen Bezirke Westungarns wurden zu (heimlichen) Grenzgängern, wenn sie - wie die Bäckersfrau Hafner ihre Backutensilien - in Österreich einkauften.

Ein paar Jahre später war die Grenze zwar auch nicht weiter vom Wohnort der Urgroßmutter entfernt - sie lag allerdings im Osten, und das Gebiet gehörte zum Kleinstaat Österreich: Nun musste, wer in Ungarn einkaufen gewesen war, die Zöllner fürchten. Der Mann der Hafner-Mutter, der Hafner-Großvater (wie er in den Familienerzählungen unlogischerweiseweise firmiert), sei ein erbitterter Gegner des Anschlusses seiner Heimat an Österreich gewesen, weiß die Familienchronik; er starb aber schon 1921 - jenem Jahr, in dem das Burgenland österreichisch wurde.

Die Familie meiner Großmutter väterlicherseits wechselte durch die Wirren jener Jahre nicht nur die Landeszugehörigkeit, sondern fand sich gar über zwei Staaten verstreut. Jener Familienteil, der dabei ungarisch wurde, ist heute aber kaum mehr als aus deutschsprachigem Gebiet stammend zu identifizieren: Den alten Familiennamen mussten die Brüder der Großmutter nach 1945 madjarisieren; deutsche Namen waren im Nachkriegsungarn verpönt oder gar verboten. Die Familien meiner Großonkeln nannten sich fortan mit der ungarischen Bezeichnung ihres Geburtsortes, des Neusiedlersee-Dorfes Weiden. Es soll einige ungarische Ortsnamen heute burgendländischer Gemeinden geben, die heute - aufgrund ähnlicher Geschichte - in Ungarn als Familiennamen präsent sind.

Natürlich fehlt in der Familiengeschichte auch nicht der (Groß-)Onkel, den es nach Amerika verschlagen hat, wo heute um die 100.000 "Burgenländer" leben, die in einer der Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert, in der Zwischenkriegszeit oder nach dem Zweiten Weltkrieg die Alte Welt hinter sich ließen.

Dass gerade in den letzten Generationen burgenländische Familiengeschichten von Verstreuung geprägt sind, zeigt: Das Burgenland ist voller Grenzerfahrungen und Erfahrungen, Grenzen überwinden zu müssen. Sogar die Städte des Landes liegen außerhalb seines Gebietes - Ödenburg, die eigentliche Haupstadt, konnte vor 80 Jahren den Ungarn nicht entrissen werden - und blieb als "Sopron" jenseits der neuen Grenze (was unter anderem bedeutet, dass bis heute eine burgenländische Bahnlinie ein Stück durch Ungarn verläuft - auch in all den kommunistischen Jahrzehnten fuhren die Züge vom nördlichen ins mittlere Burgenland über diese Grenzen hinweg). Lang hielt sich das Bonmot, Chicago sei die größte Stadt des Landes - dort würden 30.000 Burgenländer leben - die heutige Landeshauptstadt Eisenstadt weist nur etwa ein Drittel davon auf. Nach obiger Zählung müsste natürlich Wien als die burgenländische Großstadt gelten, hier leben und arbeiten die meisten Landsleute - viele pendeln noch immer Wochenende für Wochenende nach Hause.

Selbst der Name des Landes zeugt vom Grenzen-Hin und -Her: Er stammt von den vier ungarischen Komitaten, aus denen das Gebiet abgetrennt wurde: Sie und ihre Hauptstädte enden alle mit "-burg"; diese Städte liegen heute allesamt im Ausland: Pressburg (Pozsony, Bratislava), Wieselburg (Mosonmagyarovar), Ödenburg (Sopron) und Eisenburg (Vasvar). Und der Fluss Pinka im Süden des Landes fließt auf 30 Kilometer Länge mindestens ein dutzend Mal über die heutige Grenze: Als zur Zeit des Kalten Krieges diese Grenze vermint war, verirrten sich bei Hochwasser regelmäßig Minen auf österreichisches Gebiet und richteten Böses an. Auch solche Grenzerfahrung blieb dem Land nicht erspart.

Ob es den Burgenländer in die Ferne (Amerika ...) oder in die Nähe (Wien ...) verschlagen hat, ob er im Land geblieben ist: Das Grenzwissen lässt ihn kaum wieder los. Kann ihn kaum loslassen, denn hier ist Grenze seit Menschengedenken. Heere und Horden zogen darüber hinweg: Awaren, Türken, Kuruzzen ... - 1945 begann hier für Österreich das Ende des Zweiten Weltkriegs: Am 29. März betrat die Roten Armee dort österreichischen Boden. Die Grenze von 1921 wurde aber bald zum Eisernen Vorhang: es dauerte 44 Jahre, bis dieser wieder zerschnitten wurde. Die Bilder davon gingen ebenso um die Welt wie die Aufnahmen des Jahres 1956, als Hunderttausende aus Ungarn über die Demarkationslinie zwischen Ost und West in die gesuchte Freiheit flohen.

"Hier fühlt man sich an der Grenze des Abendlandes." Reinhold Schneider, Dichter und Mystiker, schrieb solches 1958 in seinem letzten Buch "Winter in Wien" über eine Fahrt an den Neusiedler See: "Nun spiegelt der Steppensee vor der schwach angestiegenen Straße, von Flut und tauendem Eis geworfenes, weithin die Lüfte durchblitzendes Licht. Spiele des Wassers und der Flocken, Wiege des Windes, unaufhörliche Verwandlung des Lichts, eine Fremde, in der sich der Mensch, scheu vom schmalen Ufer in das Grenzenlose blickend, als Fremdling erkennt. Wer kann sagen, dass er Natur versteht? Indem wir ihr eben begegnen, stoßen wir an die Grenzen unserer Existenz ..."

Was Reinhold Schneider in der Nachkriegszeit empfand, ist auch nach achtzig burgenländischen Jahren nicht obsolet. Aus der alten Grenze ist nun eine neue geworden: die Europäische Union endet nunmehr hier. Und das österreichische Heer patrouilliert da, um das vereinte Europa vor ungebetenen Grenzgängern zu schützen.

Die Grenzerfahrungen, um die das Burgenland und die Burgenländer wissen, sind mehrdeutig: Eine Grenze kann wandern - von West nach Ost, sie mag hermetisch sein oder durchlässig. Doch wer an der Grenze lebt, lebt vom Überschreiten - der Geschichte, der Gegenwart und der Ressentiments, die sich darum ranken.

Über solche Grenze wandern Kulturen und Nationen und durchdringen einander: Das Burgenland - und die Burgenländer, wohin es sie auch treibt - haben gelernt, daraus und damit zu leben.

FURCHE-Navigator Vorschau