Digital In Arbeit
Feuilleton

Grenzen und Amtsstuben

1945 1960 1980 2000 2020

Diskursiv, dann wieder subversiv-ironisch, dann wieder dokumentarisch nähert sich die Ausstellung der Wiener Festwochen dem Thema "Universal Hospitality".

1945 1960 1980 2000 2020

Diskursiv, dann wieder subversiv-ironisch, dann wieder dokumentarisch nähert sich die Ausstellung der Wiener Festwochen dem Thema "Universal Hospitality".

Postämter, das sind Orte der Post, also der Kommunikation, der Bewegung von hier nach da, der Verbindung von Menschen, die womöglich weit voneinander getrennt sind. Es sind aber eben auch Amtsorte: Da wird sortiert und gestempelt, frankiert, zugewiesen und weiterverteilt. Beides passt zum Thema der Ausstellung "Universal Hospitality", die im Rahmen der Wiener Festwochen gezeigt wird, in der Alten Post, jenem zerbröselnden Gebäude mitten in Wiens Innenstadt, wo der Putz von den Wänden blättert und die Plastikkabelkanäle aus jüngeren Jahren abenteuerlich durch die dunklen Gänge führen. Früher einmal muss es hier richtig prächtig ausgesehen haben.

Stempel-Vollmacht

Das Setting dieses einstigen Amtsgebäudes passt gut zu dem, was hier thematisiert wird, etwa das Ankommen von Flüchtlingen in Behörden. Von Amtsstube zu Amtsstube führt die Ausstellung, man weiß nicht, wo einen was als nächstes erwartet -und steht dann doch auf einmal davor: vor dem Schreibtisch des Beamten, der die Vollmacht hat, den Stempel "Vielleicht" anzuwenden. In "Citizenship", einer Installation von Lisl Ponger, spielt der nicht anwesende Beamte auf seinem Amtstisch Puzzle: Die "Boat People" sind da vor ihn hingestreut als Puzzleteile, er hat es in der Hand zu entscheiden, welcher Teil wohin gefügt wird. Eine Installation, ebenso simpel wie symbolträchtig wie beklemmend. Die Kaffeetasse daneben ist dann noch der Tupfen auf dem I.

Dass diese Ausstellung fast unbemerkt inmitten der durchaus politischen Wiener Festwochen stattfindet, dass sich kaum Besucher hier in die Gänge verlieren, ist erstaunlich. Denn der Eintritt ist kostenlos.

Die Videoinstallationen lohnen das Hinsetzen und Zusehen und Zuhören, Platz ist ja genug, Stühle gibt es dort und da auch. Es war einmal: In "Albanian Stories" von Adrian Paci erzählt ein entzückendes kleines Mädchen ein Märchen. Beim näherem Hinhören entpuppt sich die Tiergeschichte als Kriegsgeschichte.

Als pointierter Essay präsentiert sich gleich zu Beginn der 15-minütige Film von Oliver Ressler. Auf großer Leinwand verlaufen Linien: Einmal sind es Staatsgrenzen, dann Stacheldraht -manchmal sind Menschen dazwischen in Umrissen zu erkennen -, dann Migrationsströme, Lebensadern, Herzfrequenzen. Dazu hört man Nachdenken über Grenzen, etwa darüber, dass nicht Menschen Grenzen überschreiten, sondern die Grenzen sie. "Emergency Turned Upside-Down", so der Titel des Films, greift das Thema "Emergency", also Notstand, auf, das auf die Anwesenheit der Flüchtlinge in Europa bezogen wird, statt den Krieg, den Terror, die wirtschaftliche Situation zu benennen, die Flüchtlinge zum Aufbruch drängt.

Diskursiv wie in diesem Film, dann wieder subversiv-ironisch, dann wieder dokumentarisch, etwa den zunehmenden Fremdenhass und Populismus betreffend, zeigen sich die unterschiedlichen Installationen. "Wir waren uns der Fallstricke bewusst, die bei der 'Darstellung' dieser 'Anderen' lauerten, ganz zu schweigen von der Gefahr, Leid und Unsicherheit zum Spektakel zu machen", schreiben Edit András, Birgit Lurz, Ilona Németh und Wolfgang Schlag in ihrer Einleitung zum umfangreichen Programmheft. Die Kunstwerke sollten nicht aus ethischen oder moralischen Gründen ausgewählt werden, sondern nach dem Vermögen, "unter die Oberfläche zu schauen und inhärente blinde Flecken aufzudecken, um so Aspekte hervorzuheben, über die in den Medien nicht berichtet wurde."

Totale Resignation

Allein dieses aufwendig gestaltete Programmheft lohnt schon den Besuch. In ihm findet sich etwa Herta Müllers Dankesrede zum Heinrich Böll Preis 2015 abgedruckt. Aus eigener Erfahrung schreibt sie über Flucht und Fluchtgründe, über die kollektive Aussichtslosigkeit, Verbitterung und das Fazit "An jedem anderen Ort ist es sowieso besser als hier." In ihm sitze die totale Resignation. "Deshalb ist es so abstrus, wenn die Flüchtenden, die heute zu uns ins Land kommen, als Invasion oder Lawine bezeichnet werden. Flucht hat nichts mit Aggression zu tun. Flucht ist in jeder Einzelheit, aus der sie besteht, defensiv."

Universal Hospitality Alte Post, Wien Bis 19. Juni! 11.00-20.00 Uhr festwochen.at

Postämter, das sind Orte der Post, also der Kommunikation, der Bewegung von hier nach da, der Verbindung von Menschen, die womöglich weit voneinander getrennt sind. Es sind aber eben auch Amtsorte: Da wird sortiert und gestempelt, frankiert, zugewiesen und weiterverteilt. Beides passt zum Thema der Ausstellung "Universal Hospitality", die im Rahmen der Wiener Festwochen gezeigt wird, in der Alten Post, jenem zerbröselnden Gebäude mitten in Wiens Innenstadt, wo der Putz von den Wänden blättert und die Plastikkabelkanäle aus jüngeren Jahren abenteuerlich durch die dunklen Gänge führen. Früher einmal muss es hier richtig prächtig ausgesehen haben.

Stempel-Vollmacht

Das Setting dieses einstigen Amtsgebäudes passt gut zu dem, was hier thematisiert wird, etwa das Ankommen von Flüchtlingen in Behörden. Von Amtsstube zu Amtsstube führt die Ausstellung, man weiß nicht, wo einen was als nächstes erwartet -und steht dann doch auf einmal davor: vor dem Schreibtisch des Beamten, der die Vollmacht hat, den Stempel "Vielleicht" anzuwenden. In "Citizenship", einer Installation von Lisl Ponger, spielt der nicht anwesende Beamte auf seinem Amtstisch Puzzle: Die "Boat People" sind da vor ihn hingestreut als Puzzleteile, er hat es in der Hand zu entscheiden, welcher Teil wohin gefügt wird. Eine Installation, ebenso simpel wie symbolträchtig wie beklemmend. Die Kaffeetasse daneben ist dann noch der Tupfen auf dem I.

Dass diese Ausstellung fast unbemerkt inmitten der durchaus politischen Wiener Festwochen stattfindet, dass sich kaum Besucher hier in die Gänge verlieren, ist erstaunlich. Denn der Eintritt ist kostenlos.

Die Videoinstallationen lohnen das Hinsetzen und Zusehen und Zuhören, Platz ist ja genug, Stühle gibt es dort und da auch. Es war einmal: In "Albanian Stories" von Adrian Paci erzählt ein entzückendes kleines Mädchen ein Märchen. Beim näherem Hinhören entpuppt sich die Tiergeschichte als Kriegsgeschichte.

Als pointierter Essay präsentiert sich gleich zu Beginn der 15-minütige Film von Oliver Ressler. Auf großer Leinwand verlaufen Linien: Einmal sind es Staatsgrenzen, dann Stacheldraht -manchmal sind Menschen dazwischen in Umrissen zu erkennen -, dann Migrationsströme, Lebensadern, Herzfrequenzen. Dazu hört man Nachdenken über Grenzen, etwa darüber, dass nicht Menschen Grenzen überschreiten, sondern die Grenzen sie. "Emergency Turned Upside-Down", so der Titel des Films, greift das Thema "Emergency", also Notstand, auf, das auf die Anwesenheit der Flüchtlinge in Europa bezogen wird, statt den Krieg, den Terror, die wirtschaftliche Situation zu benennen, die Flüchtlinge zum Aufbruch drängt.

Diskursiv wie in diesem Film, dann wieder subversiv-ironisch, dann wieder dokumentarisch, etwa den zunehmenden Fremdenhass und Populismus betreffend, zeigen sich die unterschiedlichen Installationen. "Wir waren uns der Fallstricke bewusst, die bei der 'Darstellung' dieser 'Anderen' lauerten, ganz zu schweigen von der Gefahr, Leid und Unsicherheit zum Spektakel zu machen", schreiben Edit András, Birgit Lurz, Ilona Németh und Wolfgang Schlag in ihrer Einleitung zum umfangreichen Programmheft. Die Kunstwerke sollten nicht aus ethischen oder moralischen Gründen ausgewählt werden, sondern nach dem Vermögen, "unter die Oberfläche zu schauen und inhärente blinde Flecken aufzudecken, um so Aspekte hervorzuheben, über die in den Medien nicht berichtet wurde."

Totale Resignation

Allein dieses aufwendig gestaltete Programmheft lohnt schon den Besuch. In ihm findet sich etwa Herta Müllers Dankesrede zum Heinrich Böll Preis 2015 abgedruckt. Aus eigener Erfahrung schreibt sie über Flucht und Fluchtgründe, über die kollektive Aussichtslosigkeit, Verbitterung und das Fazit "An jedem anderen Ort ist es sowieso besser als hier." In ihm sitze die totale Resignation. "Deshalb ist es so abstrus, wenn die Flüchtenden, die heute zu uns ins Land kommen, als Invasion oder Lawine bezeichnet werden. Flucht hat nichts mit Aggression zu tun. Flucht ist in jeder Einzelheit, aus der sie besteht, defensiv."

Universal Hospitality Alte Post, Wien Bis 19. Juni! 11.00-20.00 Uhr festwochen.at