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Großartige Symbiose von Schauspiel und Technik

Eine kongeniale Bühnenadaption von Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita“ durch Simon McBurney und seine Londoner Truppe Complicite bei den Wiener Festwochen.

Es gibt Romane, die sich - einmal ganz abgesehen von ihrer epischen Form - gegen die Übersetzung auf die Bühne besonders zu sträuben scheinen. Michail Bulgakows satirischer Roman "Der Meister und Margarita“, einerseits von Dantes "Commedia“ inspiriert, andererseits eine Auseinandersetzung mit Goethes "Faust“-Stoff, gehört unbestritten dazu, obwohl gerade dieses Kultbuch in den letzten Jahren viele Bühnenadaptionen erlebt hat (etwa durch Viktor Bodo am Schauspielhaus Graz oder Frank Castorf an der Berliner Volksbühne). Vielleicht ist ja aber der Kultstatus das Reizvolle daran.

Der Roman, an dem Bulgakow von 1928 bis kurz vor seinem Tod 1940 geschrieben hat und der seit seiner (zensurierten) Erstveröffentlichung 1966 zu den wichtigsten Werken der russischen Literatur zählt, ist ungemein vielschichtig, vereint er doch mehrere Geschichten in einer Erzählung. Da gibt es den fantastischen Strang mit dem Teufel, der, getarnt als "Professor der schwarzen Magie“ namens Voland, mit seinem höllischen Gefolge das stalinistische Moskau der Dreißigerjahre besucht und dort Chaos stiftet.

Satire und philosophische Reflexion

Ein anderer Strang ist die der melodramatischen Liebe zwischen der verheirateten Margarita und dem Schriftsteller, der sich nach dem Kosenamen aus einer früheren Beziehung noch immer "Meister“ nennt. Dieser - und das ist der dritte, historische Erzählstrang - hat ein Buch über die Begegnung von Pontius Pilatus mit Jesus Christus geschrieben, das aber wegen seiner konterrevolutionären Tendenz nicht gedruckt wird, woraufhin Meister das Manuskript verbrennt und mit einem Nervenzusammenbruch in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Margarita hält ihn für tot, doch ihre Liebe - sie geht dafür sogar einen Pakt mit dem Teufel ein - bringt sie am Ende wieder zusammen, und Meister erhält sogar sein Manuskript zurück. Das fantastisch-surreale Geschehen des Romans ist dabei nicht nur eine beißende Satire über sowjetisch-stalinistische Zustände, sondern auch eine subtile Reflexion existentialphilosophischer Fragen nach Freiheit, Schuld und Vergebung, Mitleid, Liebe und Erlösung.

Jetzt besuchen der in Film und Theater viel beschäftigte englische Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Simon McBurney und die Kompanie Complicite, deren Mitbegründer er 1983 war, mit ihrer fabelhaften Bühnenadaption die Wiener Festwochen, die damit ihrem Namen alle Ehre machen. Denn McBurney hat den komplexen Stoff nicht nur in eine bestechende dramatische Form gebracht, sondern auch auf die Bühne gewuchtet, dass einem während der drei Stunden beinahe Sehen und Hören vergeht. Die ganze Bühnen- und Lichttechnik, eine gigantische Medienmaschinerie mit Bild und Filmprojektionen, wird auf kaum zuvor gesehene Weise in den Dienst der Erzählung gestellt. Kaum ein Detail aus dem Riesenroman wird ausgelassen. Eine perfekt austarierte Choreografie von Schauspielerei und Technik lässt Bulgakows eigentlich unspielbare fantastische Erzählung mit ihren verschiedenen Handlungs- und Erzählebenen, ihren unzähligen Motiven auf der Bühne lebendig werden.

Spektakel - aber nicht als Selbstzweck

Burney und sein Team (Es Devlin: Bühne, Paul Anderson: Licht, Finn Ross und Luke Halls: Video- und 3D-Animation) lassen dabei ganze Häuserfronten einstürzen, aus einem kleinen Kiosk wird im Nu eine Straßenbahn, die durch die Stadt rast, aus einfachen Stühlen wird in der Vogelperspektive ein galoppierendes Pferd, oder sie laden uns ein, uns mit Margarita aus dem Fenster zu stürzen, um gleich als Hexe über Moskau zu fliegen …

Das Bemerkenswerteste an der visuellen Brillanz, den verblüffenden Effekten, dem horrenden Erzähltempo ist, dass sie nicht Spektakel um ihrer selbst Willen erzeugen, sondern stets den Erfordernissen des Theaters untergeordnet sind - und vor allem nie wichtiger werden als das subtile Spiel des 16-köpfigen Ensembles. Daraus ragt Paul Rhys hervor, der virtuos nicht nur den giftigen Herrn Valmont spielt, sondern auch den feinnervigen, die Wahrheit suchenden Schriftsteller Meister.

Für einmal verliert eine Bühnenadaption eines Romans gegenüber der Vorlage nicht an Komplexität. McBurneys Lektüre ist intelligent und die Inszenierung auf der Höhe seiner Vorlage. Und man darf sagen: der Technik sei Dank, wie dem intelligenten Umgang mit ihr.

Bulgakow

Zwischen 1928 und 1940, dem Jahr seines Todes, hat Michail Bulgakow seinen phantastischen Roman "Der Meister und Margarita“ geschrieben. 1966 wurde er erstmals - zensuriert - veröffentlicht; er zählt zu den wichtigsten Werken der russischen Literatur.

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