Großes Kino abseits des Mainstreams

Die Viennale widmet ein „Tribute“ dem Gründer des Wiener Stadtkinos, Franz Schwartz: Ein Potpourri an Filmen aus dem Stadtkino-Verleih, der 300 Filme, die sonst in Österreich nicht gezeigt worden wären, im Programm hat.

Rund 300 Filme, Spielfilme und Dokumentarfilme ebenso wie experimentelle Kurzfilme: Wie jedes Jahr bietet die Viennale Kinogängern ein vielfältiges Programm, das in seiner Fülle wohl nur im 400 Seiten starken Programmkatalog wirklich umfassend dargestellt werden kann. Indem das Wiener Filmfestival Produktionen aus aller Welt unabhängig von kommerziellen Überlegungen zeigt, erfüllt es eine wichtige Funktion: Die Viennale bringt – wenngleich nur für zwei, drei Aufführungen – Filme nach Österreich, die ansonsten nie in die heimischen Kinos gelangen würden.

4Doch auch eine weitere Institution hat sich diese Aufgabe auf die Fahnen geschrieben: das Stadtkino Wien. Über 300 Filme hat das Stadtkino bislang angekauft und dem heimischen Publikum nahegebracht, die meisten davon hätten hierzulande keinen anderen Verleih gefunden.

Die Viennale 2008 widmet nun dem Gründer und langjährigen Leiter des Stadtkinos ein spezielles Programm: „A Tribute To Franz Schwartz“ präsentiert 24 von Schwartz ausgewählte Filme aus den Schatzkammern des Stadtkino-Verleihs. „Ich weiß, dass ich das, was ich heute mache, ohne Franz Schwartz und seine Arbeit und sein Vorbild nicht gemacht hätte“, streut Viennale-Direktor Hans Hurch dem Pionier Rosen.

Populäre Filmauswahl

Die Palette des „Tributes“ reicht von Filmklassikern wie „Touch of Evil“ (Orson Welles, 1958), Kunstfilmen wie „Sans soleil“ (Chris Marker, 1982) oder „Der Tod des Empedokles“ (Danièle Huillet/ Jean-Marie Straub, 1986) bis hin zu weithin bekannten Streifen wie „Stranger Than Paradise“ (Jim Jarmusch, 1984) oder „I Hired a Contract Killer“ (Aki Kaurismäki, 1990).

Den Schlüsselfilm des Programms, so Schwartz im Gespräch mit der FURCHE, sei „Sans soleil“, weil er es schon in den ersten 15 Sekunden schaffe, gefühlsmäßig die gesamte Filmtheorie zu vermitteln. „Ich bewerte Filme immer zuerst aus dem Bauch heraus und versuche dann, dieses Gefühl zu rationalisieren“, bekennt sich Schwartz zu einem emotionalen Zugang zum Medium Film: „Ich habe immer schon gerne Bilder gesehen und wenn mir über den Text auch noch etwas vermittelt wird, dann geht mir das Herz auf.“

„Touch of Evil“ ist für Schwartz fantastisches Schwarzweiß-Kino, in dem große Stars die Ambiguität von Gut und Böse so vermitteln, dass die Rolle im Vordergrund steht. Der „Tod des Empedokles“ steht für das Gesamtwerk zweier avantgardistischer Filmemacher, das selbst für Schwartz zum Teil schwer zugänglich ist: „Es gibt Filme von Straub/Huillet, bei denen komme ich nicht mit.“ Verglichen mit dem Programm des Stadtkinos ist Schwartz’ Viennale- Auswahl vergleichsweise populär. „Ich hätte doch Kaurismäki und Jarmusch nicht auslassen können“, begründet er seine Wahl und betont, es handle sich durchaus um eine repräsentative Auswahl aus 27 Jahren Stadtkino.

Stadtkino mit Scharnierfunktion

Das Stadtkino verstand sich immer als „Missing Link zwischen dem fast wissenschaftlichen Programm des Filmmuseums und dem ausschließlich wirtschaftlich orientierten Programm der Wiener Kinos“, wie Schwartz erklärt. Sein Ziel war es, durch den Ankauf von Filmrechten und Filmkopien wichtige Werke des Filmschaffens verfügbar zu machen und verfügbar zu halten.

Die Filme werden stets in Originallänge und in der Originalsprache mit deutschen Untertiteln gezeigt, wochenlang auf dem Spielplan gehalten und beworben, sodass der Besuch ohne sprachliches oder zeitliches Hindernis für jedermann möglich ist.

Zu Beginn dieses Jahres kündigte Schwartz an, seine Funktion als Geschäftsführer des Stadtkinos und des angeschlossenen Verleihs mit Jahresende zurückzulegen. Mit diesem Schritt wollte er die dringend notwendige Erhöhung der finanziellen Mittel erzwingen.

„Es wäre nicht mehr möglich gewesen, mit dem bisherigen Geld den Betrieb auf dem gewohnten Niveau aufrechtzuerhalten“, erzählt er. Die Rechnung ist aufgegangen: Das Budget des Stadtkinos wurde um 80.000 Euro auf 300.000 Euro aufgestockt, in Hinkunft wird der Filmkritiker Claus Philipp die Geschicke der Einrichtung lenken. Das Viennale-„Tribute“ ist als Abschiedsgeschenk und als Dank an Schwartz zu verstehen.

Viennale 2008

Vom 17. bis zum 29. Oktober zeigt die Viennale 2008 rund 300 Filme.

www.viennale.at

2008:

Die Viennale zeigt unter „A Tribute to Franz Schwartz“ Filmklassiker wie „The Lady Eve“ (oben Mitte) von Preston Sturges oder „Les Amants du Pont-Neuf“ von Léos Carax. (Bild unten: Franz Schwartz)

„Ich bewerte Filme immer zuerst aus dem Bauch heraus und versuche dann, dieses Gefühl zu rationalisieren.“

„Es wäre nicht mehr möglich gewesen, mit dem bisherigen Geld den Betrieb auf dem gewohnten Niveau aufrechtzuerhalten.“

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