Gründerboom in der Fernsehkrise

Die TV-Branche ächzt unter der Krise. Mehr noch als bei Zeitungsverlagen verdeckt sie die Verfolgungsjagd des Publikums in eine technisch längst machbare Medienkonvergenz, die lediglich aus Erlös-Erwägungen nicht konsequenter forciert wird.

Jener Informationsanteil, der öffentlich-rechtliches Fernsehen prägen sollte, gerät vom einstigen Lagerfeuer der Nation zum virtuellen Altersheim. 55 plus ist für die Zeit im Bild ein alltäglicher Durchschnitt. Das gilt auch für die Tagesschau der ARD und das Heute des ZDF.

Europas Öffis reagieren unterschiedlich auf den absehbaren Verlust ihres Status als Massenmedium. Die SRG klagte gerade vergeblich beim Bundesgericht gegen das Schweiz-Werbefenster eines ausländischen Privatsenders. Es ist kein unlauterer Wettbewerb. Aber ein ruinöser: Der ORF hatte 1989 rund 80 Prozent TV-Marktanteile, 2009 unter 40 Prozent.

Unterdessen ist das Zweite Deutsche Fernsehen bereits mit ZDFneo gestartet – und auch die ARD kündigt einen Spartenkanal für jüngeres Publikum an. 245 TV-Sender wurden allein 2009 in der Europäischen Union gegründet – großteils von öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Der Gründerboom in der Krise ist eine Reaktion auf die Zerklüftung des Publikums. Nicht einmal die Hälfte aller Österreicher unter 30 sieht noch täglich fern, doch zwei Drittel sind Tag für Tag online. Die Mehrheit davon nutzt das Internet zum Video- und TV-Konsum. Die neue TVthek des ORF verzeichnete in ihren ersten eineinhalb Monaten 8,2 Millionen Abrufe.

Da wächst zusammen, was zusammengehört. Die Kompetenz für Bewegtbilder kommt aus dem Fernsehen ins Internet. Dadurch steigt der Online-Handlungsdruck für die Printmedien. Doch anders als durch Gebühren finanzierte Sender benötigen sie vorerst eine zündende Geschäftsidee. Die gibt es nicht. Der Wettbewerb im Netz hat ungleiche Voraussetzungen.

* Der Autor ist Medienberater und Politikanalyst

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