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Halb aufgehende Rechnungen

Drei Jahre sind genug, zumindest für einen Intendanten der Wiener Festwochen. So jedenfalls beschied es die Wiener Stadtpolitik nach den langjährigen unterschiedlichen Erfahrungen mit dem früheren Leading Team, Intendant Luc Bondy, vor allem seinem Musikdirektor, Stéphane Lissner. Eine, wie man mittlerweile weiß, fatale Entscheidung.

Nicht nur, dass sich in drei Jahren kaum Eigenprofil entwickeln lässt - wie reagiert man, wenn in dieser Zeit der Intendant schon an seine nächsten Aufgaben denken, für sie investieren muss? Und das ist längst passiert! Denn kaum, dass sich Markus Hinterhäuser in seine neue Aufgabe einleben konnte, erreichte ihn schon der Ruf, unmittelbar dort anzuknüpfen, woher er gekommen ist: in Salzburg, bei den Festspielen, deren künstlerisches Profil er ab dem Sommer 2017 prägen wird. Dann freilich mit einem Fünfjahresvertrag mit Option auf ebenso viele weitere Jahre wohl inbegriffen, so das die Politik will.

In Wien hat Hinterhäuser gerade die zweite Wiener Festwochen-Saison hinter sich, mehr als die Halbzeit also. Das Fazit? Ganz so schwungvoll und erfolgreich wie in seinem ersten Jahr war es diesmal nicht, wenigstens, wenn man eine musikalische Bilanz versucht. War die Auswahl weniger spektakulär als im Vorjahr? Keineswegs! Mit Salvatore Sciarrinos mittlerweile Klassiker "Luci mie traditrici" im MuseumsQuartier begann es höchst vielversprechend: musikalisch hervorragend, szenisch überaus fantasievoll. Auch wenn es nicht unbedingt des von Regisseur Achim Freyer erfundenen Vorspiels bedurft hätte. Meinte man, das Stück sei sonst zu kurz?

Unpassende Altersheim-Atmosphäre

Ein Fehler, der auch die letzte große Musikproduktion, Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" im Theater an der Wien prägte: Warum diesen Einakter unbedingt mit Schumann späten Geistervariationen (subtil musiziert von Elisabeth Leonskaja) kombinieren, wenn Regisseurin Andrea Breth dazu nichts anderes einfällt als eine so gar nicht passende Altersheim-Atmosphäre mit Männern, die ihrer Demenz freien Lauf lassen können, ehe dann Schumanns Musik einfällt? Beinahe, dass dadurch die Wirkung des von Martin Zehetgruber fantasievoll ausgestatteten Bartók - eine Wand mit sieben Türen, die nach und nach einen Blick in das Innenleben der dahinter liegenden Räume gewähren, ausgenommen dem geheimnisvoll bleibenden siebenten -verblasst wäre, den die Breth vor allem aus der Sphäre der Männerwelt erzählte, mit einem packenden Blaubart (Gábor Bretz) und einer auch von ihr farblos gezeichneten Judith (Nora Gubisch) sowie dem von Kent Nagano subtil befehligten, exzellent agierenden Gustav Mahler Jugendorchester.

Wünsche offen ließ trotz exzellenter Singschauspieler und der renommierten Kammerakademie Potsdam unter Alte Musik-Spezialisten Konrad Junghänel auch Händels "Jephtha" im MuseumsQuartier. Denn die als Shooting Star angekündigte amerikanische Regisseurin Lydia Steier schrammte mit ihrer alles Metaphorische bewusst meidenden, zuweilen arg überzeichnenden Deutung an der Botschaft des Stücks heftig vorbei. Auch bei der hochkarätig besetzten "Hommage an Mieczysław Weinberg" ging die Rechnung nur zur Hälfte auf, da sie halb so viel Publikum in den Musikverein lockte, wie man erwarten durfte.

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