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Feuilleton

Handkes Wundertier

1945 1960 1980 2000 2020
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"Der Bildverlust": Peter Handke zwischen Manier und Manie

Ein Wundertier bricht auf. Die berühmt-berüchtigte Bankmanagerin hat nicht nur enorme Macht. Sie war auch der Star eines Films, "der immer noch in bestimmten Kinos nicht nur in Europa gezeigt wurde, auch in Zwischenschnitten während ihrer Televisionsauftritte", hat nicht nur Ginevra, die Frau des Königs Artus gespielt. Sie verfügt auch über magische Fähigkeiten. Mit Bildern, die ihr zufliegen, hält sie sich "die Angreifer nicht bloß vom Leibe. Sie schlug damit zurück. ... Mit den Bildern hatte sie es in der Hand, den anderen buchstäblich niederzumachen und ,auszuschalten'". Kommt ihr zum Beispiel auf dem Flughafen ein Berufsfeind in die Quere, genügt ein Bild in ihr, ein Blick von ihr, schon fliegt "sein Metallkoffer weggeschmettert durch die Halle", na so was.

Autofahren kann das Wundertier wie der Teufel, für den unpässlichen Busfahrer in der Sierra de Gredos lenkt sie das schwere Ding rasant "kreuz und quer über kaum von gar vereinzelten Zwergkiefern bebuschte Almen", nachtwandlerisch, Nachtwandlerin war sie übrigens auch. Ihren Namen erfahren wir nicht, was aber nichts ausmacht, hat sie doch wenig von einem Menschen an sich. Die Figur, die Peter Handke für seinen Roman "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" eingefallen ist, ähnelt zunächst auf befremdliche Weise einer Projektionsfläche für die Allmachtphantasien eines Halbwüchsigen.

Die Frau, die schließlich bei dem von ihr engagierten Ghostwriter ankommt, ist ein anderes Wesen. Bar aller menschlichen Eigenschaften noch immer, Projektionsfläche noch immer, nun aber eines Zustandes, über den man nur rätseln kann: Hat Peter Handke den letzten Rest von Selbstkritik über Bord geworfen? Oder ist ihm die Kontrolle über sein Schreiben entglitten?

Die Managerin, "die Abenteurerin", meist aber einfach "sie", verlässt also ihr Haus in einer Stadt, von der wir nur erfahren, dass dort zwei Flüsse ineinander fließen, um zu Fuß zum Flughafen zu gehen, was eine ihrer Marotten ist. Auf dem Weg zum Ghostwriter macht sie einen Umweg über die Sierra de Gredos, nicht zuletzt, um dort einen vor Jahren auf einer früheren Wanderung verlorenen schwarzen Wollschal wiederzufinden. Ihre Tochter ist vor längerem unter Zurücklassung eines Arabisch-Heftes verschwunden, was Handke Gelegenheit gibt, uns an vielen, allzu vielen Stellen mit der Kenntnis arabischer Vokabeln zu beeindrucken. Mit dem bereit stehenden Wagen kommt sie nicht weit, wo er abgestellt war, erhebt sich nach einer Übernachtung ein Rohbau, der Wagen ist zertrümmert und ausgebrannt. "Kein Staunen: sie hatte das schon geträumt. Kein Gedanke auch etwa an eine Anzeige, vielmehr: ,Recht so. Auf. Jetzt kann es losgehen.'"

Der Bus, mit dem Handkes Wundertier die Reise fortsetzt, ist eigentlich kein Bus, sondern eine Bibliothek, oder vielleicht eine Metapher, worauf immer, jedenfalls ein Fahrzeug, dessen Insassen "so zwischen Beunruhigung und Sanftmut füreinander offen und durchlässig wurden", worauf eine Kette von Abenteuern folgt, die eigentlich innere sind, von Reisestationen, die möglicherweise eigentlich solche einer Entwicklung sind, bis die Ex-Managerin, die Abenteurerin, "sie", das letzte und schwerste Stück zu Fuß zurücklegt. Nach einem schweren Sturz in ein unter Farnen verborgenes Loch, das sich als Bildverlust-Grube erweist, trifft sie in heruntergekommenem Zustand im Mancha-Dorf ihres Biographen ein.

Jede Geschichte lässt sich durch simple Nacherzählung denunzieren, selbst die absurdeste kann funktionieren. Dass Handkes neues Buch zu einer Lektüre von tödlicher Langweiligkeit geriet, liegt nicht am Handlungsskelett, sondern am allzu üppigen, überbordenden, jede Struktur sprengenden Erzählfleisch. Die Sprache wirft Sprechblasen, Simpelstes wird seitenfüllend aufgebläht, ein Weitblick ostwärts bis zum Escorial genügt nicht, nicht einmal die offene Leere, offen und auch noch offenbar muss sie sein: "durch die offene und offenbare Leere bis zum Escorial" muss er gehen, der Blick (und dann sowieso weiter bis zur Beringsee): Handkes Sprache wird schwer und immer schwerer vom Erzählspeck, bis der Geschichte der Wörterbauch über die Knie hängt und die dünnen Füßchen der Handlung unter der Last nachgeben.

Detailfixiertheit wächst sich zur Lawine aus, unter der jedes Leben erstirbt. Eine ohnehin noch kurze Stelle mag für hunderte Seiten ähnlicher Art stehen: "Vorherrschend während der Hondureda-Episode waren ganz andere Zeiteinheiten, gleichsam taktlose, kräftig verdichtete, zusammengeballte und dabei ausgedehnte, nach vor und zurück ausschwingende, und darum aber auch ohne den Ticktack-Takt in einem gar nicht geringeren Gleichmaß, fort und fort. ... Im Unterschied zu den in der Mulde sich ohne Zutun oder Willkür ausprägenden, alteingeführten ebenso wie frischgebildeten Wegmaßen - ,einen Steinwurf weit weg', ,im Steinbocksprungabstand', ,in Fernglastiefe', usw. - stellten sich für das jetzt in Kraft stehende Zeitmaß keinerlei besondere Bezeichnungen ein, auch nicht etwa ,in einem Halbschlafaugenblick' oder ,nach einer zweiten Traumnacht'; denn es handelte sich um keinen Traum. Höchstens kam vielleicht einmal ,einen Windstoß später' oder ,und nach wieder einem Hammerschlag' oder ,vor dem nächsten Umblättern' oder das zwar ausgeleierte, für die Hondaredazeit aber wieder etwas besagende ,im Handumdrehen' oder ,nach einem langen Augenblick'"

Und so weiter, in feierlich getragenem Ton gleichmäßig immer weiter fort, in endloser Suada, bis endlich Seite 759 und damit das Ende erreicht ist. Handkes jüngste Prosa wirkt zwanghaft immer weiter aufquellend, immer formloser mit dem Fortgang der rudimentären und immer rudimentäreren und sowieso etwas inferioren Handlung. Der Autor kann offenbar die Worte nicht mehr halten und auf keine Arabeske verzichten und verliert sich in der eigenen bedeutungsschweren, von Pseudobedeutung schweren Beliebigkeit. Die Geschichte spielt in einer unbestimmbaren Zukunft. Die reale Sierra de Gredos wird zum mythischen Land, in dem manches, etwa der Ort Nuevo Bazar, ans verwüstete Jugoslawien erinnert. Die obligaten Ausfälle gegen jene, die über die Rolle Serbiens anderer Meinung als Handke sind, fehlen auch in diesem Buch nicht. Doch sie wirken nur noch wie eine müde Pflichtübung.

Eine Weile folgt man mit Interesse, bis zur Mitte kann man mit dem Text noch rechten, zuletzt macht man sich nur noch Sorgen um Handke. Es fehlen zwar nicht die Aufschwünge, die großen Sätze, Stellen, an denen man den einst Sprachgewaltigen erkennt. Doch sie sind spärlich. Vielleicht die erhellendste Stelle: "Jeder hat seinen Wahnsinn in sich ... Und der Wahnsinn ist auch schon einmal ausgebrochen, oder mehrmals. Jeder hat seinen Wahnsinnsausbruch hinter sich. Nur tun wir alle, oder die meisten von uns, als sei nichts gewesen."

DER BILDVERLUST oder Durch die Sierra de Gredos.

Roman von Peter Handke

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2002

760 Seiten, geb., e 30,80

"Der Bildverlust": Peter Handke zwischen Manier und Manie

Ein Wundertier bricht auf. Die berühmt-berüchtigte Bankmanagerin hat nicht nur enorme Macht. Sie war auch der Star eines Films, "der immer noch in bestimmten Kinos nicht nur in Europa gezeigt wurde, auch in Zwischenschnitten während ihrer Televisionsauftritte", hat nicht nur Ginevra, die Frau des Königs Artus gespielt. Sie verfügt auch über magische Fähigkeiten. Mit Bildern, die ihr zufliegen, hält sie sich "die Angreifer nicht bloß vom Leibe. Sie schlug damit zurück. ... Mit den Bildern hatte sie es in der Hand, den anderen buchstäblich niederzumachen und ,auszuschalten'". Kommt ihr zum Beispiel auf dem Flughafen ein Berufsfeind in die Quere, genügt ein Bild in ihr, ein Blick von ihr, schon fliegt "sein Metallkoffer weggeschmettert durch die Halle", na so was.

Autofahren kann das Wundertier wie der Teufel, für den unpässlichen Busfahrer in der Sierra de Gredos lenkt sie das schwere Ding rasant "kreuz und quer über kaum von gar vereinzelten Zwergkiefern bebuschte Almen", nachtwandlerisch, Nachtwandlerin war sie übrigens auch. Ihren Namen erfahren wir nicht, was aber nichts ausmacht, hat sie doch wenig von einem Menschen an sich. Die Figur, die Peter Handke für seinen Roman "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" eingefallen ist, ähnelt zunächst auf befremdliche Weise einer Projektionsfläche für die Allmachtphantasien eines Halbwüchsigen.

Die Frau, die schließlich bei dem von ihr engagierten Ghostwriter ankommt, ist ein anderes Wesen. Bar aller menschlichen Eigenschaften noch immer, Projektionsfläche noch immer, nun aber eines Zustandes, über den man nur rätseln kann: Hat Peter Handke den letzten Rest von Selbstkritik über Bord geworfen? Oder ist ihm die Kontrolle über sein Schreiben entglitten?

Die Managerin, "die Abenteurerin", meist aber einfach "sie", verlässt also ihr Haus in einer Stadt, von der wir nur erfahren, dass dort zwei Flüsse ineinander fließen, um zu Fuß zum Flughafen zu gehen, was eine ihrer Marotten ist. Auf dem Weg zum Ghostwriter macht sie einen Umweg über die Sierra de Gredos, nicht zuletzt, um dort einen vor Jahren auf einer früheren Wanderung verlorenen schwarzen Wollschal wiederzufinden. Ihre Tochter ist vor längerem unter Zurücklassung eines Arabisch-Heftes verschwunden, was Handke Gelegenheit gibt, uns an vielen, allzu vielen Stellen mit der Kenntnis arabischer Vokabeln zu beeindrucken. Mit dem bereit stehenden Wagen kommt sie nicht weit, wo er abgestellt war, erhebt sich nach einer Übernachtung ein Rohbau, der Wagen ist zertrümmert und ausgebrannt. "Kein Staunen: sie hatte das schon geträumt. Kein Gedanke auch etwa an eine Anzeige, vielmehr: ,Recht so. Auf. Jetzt kann es losgehen.'"

Der Bus, mit dem Handkes Wundertier die Reise fortsetzt, ist eigentlich kein Bus, sondern eine Bibliothek, oder vielleicht eine Metapher, worauf immer, jedenfalls ein Fahrzeug, dessen Insassen "so zwischen Beunruhigung und Sanftmut füreinander offen und durchlässig wurden", worauf eine Kette von Abenteuern folgt, die eigentlich innere sind, von Reisestationen, die möglicherweise eigentlich solche einer Entwicklung sind, bis die Ex-Managerin, die Abenteurerin, "sie", das letzte und schwerste Stück zu Fuß zurücklegt. Nach einem schweren Sturz in ein unter Farnen verborgenes Loch, das sich als Bildverlust-Grube erweist, trifft sie in heruntergekommenem Zustand im Mancha-Dorf ihres Biographen ein.

Jede Geschichte lässt sich durch simple Nacherzählung denunzieren, selbst die absurdeste kann funktionieren. Dass Handkes neues Buch zu einer Lektüre von tödlicher Langweiligkeit geriet, liegt nicht am Handlungsskelett, sondern am allzu üppigen, überbordenden, jede Struktur sprengenden Erzählfleisch. Die Sprache wirft Sprechblasen, Simpelstes wird seitenfüllend aufgebläht, ein Weitblick ostwärts bis zum Escorial genügt nicht, nicht einmal die offene Leere, offen und auch noch offenbar muss sie sein: "durch die offene und offenbare Leere bis zum Escorial" muss er gehen, der Blick (und dann sowieso weiter bis zur Beringsee): Handkes Sprache wird schwer und immer schwerer vom Erzählspeck, bis der Geschichte der Wörterbauch über die Knie hängt und die dünnen Füßchen der Handlung unter der Last nachgeben.

Detailfixiertheit wächst sich zur Lawine aus, unter der jedes Leben erstirbt. Eine ohnehin noch kurze Stelle mag für hunderte Seiten ähnlicher Art stehen: "Vorherrschend während der Hondureda-Episode waren ganz andere Zeiteinheiten, gleichsam taktlose, kräftig verdichtete, zusammengeballte und dabei ausgedehnte, nach vor und zurück ausschwingende, und darum aber auch ohne den Ticktack-Takt in einem gar nicht geringeren Gleichmaß, fort und fort. ... Im Unterschied zu den in der Mulde sich ohne Zutun oder Willkür ausprägenden, alteingeführten ebenso wie frischgebildeten Wegmaßen - ,einen Steinwurf weit weg', ,im Steinbocksprungabstand', ,in Fernglastiefe', usw. - stellten sich für das jetzt in Kraft stehende Zeitmaß keinerlei besondere Bezeichnungen ein, auch nicht etwa ,in einem Halbschlafaugenblick' oder ,nach einer zweiten Traumnacht'; denn es handelte sich um keinen Traum. Höchstens kam vielleicht einmal ,einen Windstoß später' oder ,und nach wieder einem Hammerschlag' oder ,vor dem nächsten Umblättern' oder das zwar ausgeleierte, für die Hondaredazeit aber wieder etwas besagende ,im Handumdrehen' oder ,nach einem langen Augenblick'"

Und so weiter, in feierlich getragenem Ton gleichmäßig immer weiter fort, in endloser Suada, bis endlich Seite 759 und damit das Ende erreicht ist. Handkes jüngste Prosa wirkt zwanghaft immer weiter aufquellend, immer formloser mit dem Fortgang der rudimentären und immer rudimentäreren und sowieso etwas inferioren Handlung. Der Autor kann offenbar die Worte nicht mehr halten und auf keine Arabeske verzichten und verliert sich in der eigenen bedeutungsschweren, von Pseudobedeutung schweren Beliebigkeit. Die Geschichte spielt in einer unbestimmbaren Zukunft. Die reale Sierra de Gredos wird zum mythischen Land, in dem manches, etwa der Ort Nuevo Bazar, ans verwüstete Jugoslawien erinnert. Die obligaten Ausfälle gegen jene, die über die Rolle Serbiens anderer Meinung als Handke sind, fehlen auch in diesem Buch nicht. Doch sie wirken nur noch wie eine müde Pflichtübung.

Eine Weile folgt man mit Interesse, bis zur Mitte kann man mit dem Text noch rechten, zuletzt macht man sich nur noch Sorgen um Handke. Es fehlen zwar nicht die Aufschwünge, die großen Sätze, Stellen, an denen man den einst Sprachgewaltigen erkennt. Doch sie sind spärlich. Vielleicht die erhellendste Stelle: "Jeder hat seinen Wahnsinn in sich ... Und der Wahnsinn ist auch schon einmal ausgebrochen, oder mehrmals. Jeder hat seinen Wahnsinnsausbruch hinter sich. Nur tun wir alle, oder die meisten von uns, als sei nichts gewesen."

DER BILDVERLUST oder Durch die Sierra de Gredos.

Roman von Peter Handke

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2002

760 Seiten, geb., e 30,80