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Harmonie oder herausgestreckte Zunge?

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Gedanken zu Thomas Klestils Salzburger Ansprache vor dem Hintergrund eines Symposions in Ossiach zum Thema "Kunst und Demokratie"

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Gedanken zu Thomas Klestils Salzburger Ansprache vor dem Hintergrund eines Symposions in Ossiach zum Thema "Kunst und Demokratie"

Hat Bundespräsident Thomas Klestil in Salzburg einen schon längere Zeit schwelenden Kulturkampf offiziell gemacht? Er kritisierte jene, die in der Kunst "Konfrontation statt Harmonie, Provokation statt Gleichklang" suchen und wollte für Salzburg, unter zumindest fragwürdiger Berufung auf Hofmannsthal, "Stil und Geschmack" einfordern. Nun ja, problemorientiert sind Festspiele in der Regel ja nicht. Er sprach dem Publikum aus dem Herzen, das für sein Geld eben Harmonie will. Hätte er für die Kunst gesprochen, wäre vielleicht eine Publikumsbeschimpfung herausgekommen. Die intellektuelle Leistung, beide auf einer höheren Ebene zusammenzubringen, oder zivilisiert voneinander abzugrenzen, wäre angemessener gewesen.

Das von der Galerie Carinthia in Ergänzung zur Ausstellung "Kunst und Demokratie, von Hans Hartung (Verfolgung durch Diktatur) bis Cornelius Kolig (Künstlerhatz in einer Demokratie) initiierte Ossiacher Symposion hatte schon vor Salzburg (vom 22. bis 24. Juli 1999) zum Gedankenaustausch über "Kunst und Demokratie" geladen. Im Gegensatz zu dem oftmals abgehandelten Thema "Kunst und Diktatur" werden wir selbst zu Betroffenen. Kein Zeigen mit dem Finger auf andere in der Gewißheit, bei uns, in einer Demokratie, hätten Kunst und Wissenschaft ihre Freiheit, und alles sei paletti. Hannah Arendt hat auf die amerikanische Tradition von Demokratie verwiesen, die nach außen Einheit, nach innen Vielheit will und die Herrschaft der öffentlichen Meinung als Tyrannei fürchtet. Und genau diese Tyrannei sucht der freiwillig auf, der vergißt, daß Demokratie nicht Herrschaft der Mehrheit ist, weil es weder um Herrschaft geht noch um unwandelbare Mehrheiten. Jeweilige Mehrheiten sind Summen verschiedener, jeweils anderer Minderheiten. Weil einer die Stimmen gewinnt, wenn er den Kinderscheck verspricht, heißt das nicht, daß er mit seiner Stimmenmehrheit über die Kultur drüberfahren kann.

So weit entfernt voneinander sind Kinderscheck und Kultur aber nicht: In beiden Fällen wird versucht, den Betroffenen, weil sie Geld erhalten, auch Vorschriften zu machen.

Der Kulturphilosoph Konrad Paul Liessmann brachte es auf den Punkt: "Wenn von Kunst und Demokratie die Rede ist, geht es nicht um Politik, sondern um das Verhältnis von Markt, Macht und Subventionen". Kunst ist zu allen Zeiten Verschwendung gewesen, Luxus, Großzügigkeit und damit Teil unseres Wohlbefindens. So gesehen, kann auch Luxus bei Festspielen seine Funktion haben. Diese These freilich wirkt provokativ in Zeiten von Sparpaketen. Bei Licht besehen sind Sparen und Luxus nur zwei Seiten derselben Medaille. Jeder Kunstsammler weiß, daß er das, was er für Kunst verschwenden will, woanders sparen muß.

Demokratie ist die Staatsform vieler Ichs. Da diese Ichs sich von traditionellen Gemeinschaftsformen losgelöst haben, brauchen sie den Rechtsstaat zu ihrem Schutz. Das alles funktioniert aber nur auf einer hohen Stufe von Zivilisation und erfordert vor allem rationales Umgehen mit Problemen. Manfred Wagner, Professor an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, setzte hier an: lebenslanges, und zwar ganzheitliches Lernen sei für diese Ichs notwendig, und hier könne die Kunst Wichtiges leisten. Seit Elias Canetti wissen wir aber, wo der Dämon lauert: Schon eine Handvoll Ichs können zur Masse umschlagen, die keinen rationalen Argumenten mehr zugänglich ist, und in der Mitte dieser Masse ist es schwarz, wie dort im Innersten der Erde, wo nach griechischer Vorstellung Demos haust. Und das war kein guter Gott, sondern ein Dämon, der alles verschlucken will. Demos, Dämon und Demokratie haben die gleiche Wortwurzel. Peter Sloterdijk, Philosoph an der Hochschule Karlsruhe und an der Akademie für Bildende Künste in Wien, sprach von der Verachtung der Massen für Kunst, weil sie eben nicht verschluckt, nicht vereinnahmt, sondern aussetzt, zur Erkenntnis ins Licht rückt. Die alte Volksweisheit - nicht mit dem gesunden Volksempfinden zu verwechseln - weiß das: Der Teufel schläft nicht. Mit ihm ist zu rechnen. Vor allem liegt er gut im Detail.

Wer also von der Kunst Harmonie, Gleichklang (den es auch gibt, die Frage ist, auf welcher Ebene) verlangt, statt den Stachel, um uns wachzuhalten, geht irgendwie an der Realität vorbei. Bazon Brock (Künstler und Professor für Ästhetik an der Universität in Wuppertal) bringt schon seit Jahren seine These beredt und fundiert vor, Kunst/Kultur sei Konflikt, nicht Harmonie. Wer in einer Kultur drinnen ist, läuft Gefahr, diese zu verabsolutieren. Wenn dann diese Kulturkugeln zusammenstoßen, kracht's. Das läßt eben multikulturelle Gesellschaften so brisant sein. Da eine Verschmelzung verschiedener Kulturen ohne Gewalt nicht möglich und daher irgendwie nicht kultiviert wäre, müssen wir etwas anderes kultivieren: nämlich den Umgang miteinander, die Fähigkeit also, den "verbotenen Ernstfall" zu vermeiden.

Was aber ist das? Rudolf Buchbinder, seit Jahren Stargast beim Carinthischen Sommer, brachte es bei seiner Eröffnungsrede (des Festivals, nicht des Symposions) auf den Punkt: der Musikantenstadel in der Stiftskirche. Die mit dieser Vision verbundene gähnende Langeweile ist deckungsgleich mit einer, die Kunst brav, harmonisch, nach dem größten gemeinsamen Nenner des Geschmacks erwartet. Kunst setzt auf Differenz, Abgrenzung. Ist sie deshalb "elitär"? Was heißt das in einer offenen Gesellschaft, in der jeder selbst entscheiden kann, wo er dazugehören und von wo er sich abgrenzen will? Das Ich hat die Wahl.

Sind Kunst und Demokratie inkompatibel, weil die eine auf Differenzierung, die andere auf Egalität baut? So fragte der Politologe Anton Pelinka. Die Frage ist: Egalität auf welcher Stufe und Differenzierung mit welchen Mitteln?

Zivilisation ist, laut Bazon Brock, die Entwicklung von Strategien, die den verbotenen Ernstfall, nämlich daß wir einander wieder die Schädel einschlagen oder auch in differenzlosem Harmonisierungsdusel einlullen, verhindern. Es gibt verschiedene Kulturen und innerhalb jeder Kultur starke Differenzierungen - das macht auch Lebendigkeit aus. Das ist Realität - insofern war der Vorwurf von Verlogenheit in Salzburg richtig.

Demokratie ist so gesehen ein schwebendes Gleichgewicht verschiedener Kräfte, und das zu halten, ist anstrengend. Der feste Boden fehlt. Da die Sehnsucht danach da ist, wie groß auch immer, läßt sie sich instrumentalisieren. Eine Politik, die einer Demokratie angemessen wäre, würde ihre Bürger zu Gleichgewichtsübungen anhalten, statt sie von einer sogenannten öffentlichen Meinung terrorisieren lassen. Wachheit ist die Strategie gegen den Teufel, der nicht schläft. Übungen in "Schwerelosigkeit" auch für den Alltag, nicht nur für Flüge ins All.

Jedes kleine Ich hat für sich Balance zu halten. Es kann sich, so Elisabeth von Samsonow von der Kunstakademie Wien, zurücklehnen (Reflexion), oder es kann sich wehren (Subversion). Beides bedeutet Differenzierung, nicht Verschmelzung. Wer Macht ausüben will, wird beides verhindern wollen. Der Künstler Raimer Jochims aus Frankfurt zeigte an der Kunst und am Leben Piet Mondrians, daß Haltung eben Abgrenzung ist. Auch Gunter Damisch aus Wien forderte vom Künstler, mit seiner Arbeit auch Haltung in die Gesellschaft einzubringen, nicht im Sinne von Moralisierung.

Von Asger Jorn, Mitbegründer der Gruppe COBRA, kennen wir die Maxime, Kunst habe die Aufgabe, möglichst viel aus dem Bereich des Mythos in den der Erkenntnis überzuführen. Das forderte in einer Zeit, als ein Reich dabei war, den Mythos von 1.000 Jahren unter Niederknüppelung von Individualität und Intellektualität festzuschreiben. Der aufklärerische Impetus, den Kunst will, ist derzeit auch nicht gerade groß in Mode.

Aber er wohnt Kunst immer noch inne, ob es paßt oder nicht. Wenn populistische Politik einschläfern will, um Macht auszuüben, kann Kunst aufstören und ein Stachel sein. Man muß weder die Menge verachten noch die Kunst auf den Sockel heben. Ein kühler Kopf wäre schon ganz gut. Von den COBRA-Künstlern kennen wir als Bild von Subversion die herausgestreckte Zunge. Auch eine Art von Akrobatik, die Festspielgesellschaften an künstlerischen Darbietungen so schätzen.

Wenn Thomas Zaunschirm, Kunsthistoriker an der Universität Essen, einleitend meinte, das gestellte Thema hätte zuerst nur eine diffuse Vorstellung von Opposition zwischen den Vielen (Demokratie) und den Wenigen (Künstlern) provoziert, so entfaltete dieses Symposion nach und nach viele Facetten. Und es erwies sich aktuell. Denn die Tyrannei der öffentlichen Meinung durch den Boulevard und das Ducken politischer Vertreter aller Couleurs, und wie es scheint, auch des Bundespräsidenten, vor ihr sind eine Gefährdung der Demokratie. Nachdenken ist gut, reflektieren ist gut, subversieren auch. Es gilt jedenfalls, den verbotenen Ernstfall zu verhindern.

Dr. Irmgard Bohunovsky-Bärnthaler ist Zeithistorikerin, Publizistin und Leiterin der Galerie Carinthia.

Die Texte des Ossiacher Symposions erscheinen im Oktober 1999 gesammelt im Verlag Ritter, Klagenfurt und können über die Galerie Carinthia, 9020 Klagenfurt, Villacher Straße 1D/3, Tel. 0463/ 593 206 bestellt werden.

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