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Harte Zeiten für Stimme der Unabhängigkeit

Jadranka Kosor ist ein wenig die Chris Lohner Kroatiens – eine Stimme, die jeder und jede kennt. Ganz passt der Vergleich nicht, weil Kosors Stimme an der Adria nie so omnipräsent war, wie es die Lohner Stimme, angefangen bei allen österreichischen Bahnhöfen, immer noch ist. Und im Unterschied zu Lohner hat Kosor immer im politischen Kontext gesprochen:

Als Kroatien Anfang der 1990er Jahre für seine Unabhängigkeit kämpfte, moderierte die Journalistin Kosor eine Rundfunksendung für Flüchtlinge und wurde damit im ganzen Land populär. Nationalistische Propaganda lag ihr fern, sagen diejenigen, die damals das Radio aufgedreht hatten. Kosor ließ die Kriegsopfer erzählen und machte auf deren Schicksal aufmerksam.

Staatsgründer und Kriegsheld Franjo Tu¯djman hörte ebenfalls zu und holte sich die mit Preisen bedachte Stimme in seine „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ (HDZ) – um weitere Stimmen zu gewinnen. Kosor steht seither auf Seiten des weniger nationalistischen Flügels der Regierungspartei HDZ, machte sich neben der Politik auch als Kinderbuchautorin und Lyrikerin einen Namen. Für den strammen Teil des konservativen HDZ-Klüngels ist die Feministin und geschiedene Mutter eines erwachsenen Sohnes mit Abstammung aus einer kroatisch-serbischen Familie deswegen auch gewiss nicht die Wunschnachfolgerin für den letzte Woche völlig überraschend zurückgetretenen Premier Ivo Sanader.

Rückkehr des „Bin schon weg“-Sanader?

Der „Bin schon weg“-Abschied Sanaders mag aber auch Teil der Strategie des gewieften Tu¯djman-Nachfolgers sein. Die ihm weniger gut gesonnenen Parteifreunde konnte er völlig überrumpeln, so hatten sie keine Zeit, gegen Kosor mobil zu machen. Am Wochenende wurde die 56-jährige bisherige Familienministerin jedenfalls mit großer Mehrheit zur HDZ-Vorsitzenden gewählt – den Auftrag zur Regierungsbildung von Präsident Stipe Mesi´c in der Tasche.

Mit Mesi´c verbindet Kosor ihre bislang einzige politische Niederlage: Die HDZ nominierte sie 2005 als Kandidatin für die Präsidentschaftswahl, doch gegen den Amtsinhaber hatte sie keine Chance. Derselbe Mesi´c sagt der Ministerpräsidentin Kosor eine schwierige Amtszeit voraus: „Das wird sehr hart.“ Er halte es nur für möglich, wenn „jeder in diesem Land Verantwortung zeigt und eine tiefgehende Analyse macht, in welcher Situation wir uns befinden“.

Kroatien wäre damit eines der wenigen Länder, in dem Politiker das Staatswohl über das Parteiwohl stellen. Die Oppositionsparteien haben jedenfalls schon Neuwahlen gefordert. Einer am vergangenen Freitag veröffentlichten Umfrage zufolge treten 49,2 Prozent der Kroaten ebenfalls für Neuwahlen ein. Deswegen scheint es nicht ausgeschlossen, dass in Kroatien Ende des Jahres nicht nur der Staatspräsident, sondern auch das Parlament neu gewählt werden.

Und dann könnte sich Ivo Sanader als der „Bin schon wieder da“ präsentieren. Als Grund für seinen Rücktritt hat er die Grenzstreitigkeiten mit Slowenien genannt, die Kroatiens EU-Ambitionen bremsen. Mit einer neuen EU-Kommission im Herbst könnte dieser Konflikt aber eine für Kroatien gute Wendung nehmen. Sanader da oder dort – egal, als graue Eminenz wird er weiterhin im Hintergrund die Fäden ziehen. Und wo die neue Ministerpräsidentin Jadranka Kosor steht, hat sie selbst bereits vor Langem angekündigt: „Wo Sanader hingeht, gehe ich auch hin.“

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