Die Schweizer Kunst ist anders: 18 Positionen sind in der Sammlung Essl zu sehen.

Ich als Schweizer Ikone und du als Schweizer Künstler, wir bedienen uns beide der Unterhaltung in unserer Arbeit", lässt der Zürcher Lukas Beyeler seine Heidi in einem fiktiven Dialog sagen. Beyelers Kunst ist unterhaltsam - genauso wie die seiner Schweizer Kollegen Christian Gonzenbach oder Barbarella Maier. In dem Video Heidi-Oh-! geht Beyeler gängigen Schweiz Klischees nach, indem er eine Asiatin in einer virtuellen Rundreise durch seine Heimat führen lässt. Das Video ist nicht nur humorvoll, sondern es spricht auch Fragen nach der Identität eines Landes an: Wie schaut es mit der vermeintlich heilen Schweizer Bergwelt wirklich aus? Was hat es mit dem Schweizer Reichtum auf sich - und kennen sich Asiaten in Europa mittlerweile besser aus als die Europäer selbst?

Schweizer Identität ...

Beyelers Video-Installation ist derzeit in einer erfrischenden Ausstellung der Sammlung Essl zu sehen. Den Rahmen für die Zusammenschau Schweizer Gegenwartskünstler bietet die Ausstellungsreihe emerging artists. Sie wurde vor sechs Jahren ins Leben gerufen - mit dem Ziel, noch nicht auf dem Kunstmarkt etablierte Kunst zu zeigen. Ursprünglich zur Präsentation von Einzelpositionen gedacht, erfuhr die Reihe 2005 eine Umorientierung in Richtung Gruppenausstellungen.

Nach hotspots 2005 mit 70 Protagonisten aus den europäischen Kunstszenen in Amsterdam, Berlins, London, Paris und Wien richtet man in Klosterneuburg jetzt das Augenmerk auf ein Land, das Österreich zwar nahe liegt, dessen junge Kunstszene aber abgesehen von "Altstars" wie Fischli & Weiss und der erfolgreichen Videokünstlerin Pipilotti Rist zu wenig bekannt ist, so die Kuratoren Daniela Balogh und Andreas Hoffer: "Abseits des Hypes um die britische Kunst, um Leipzig, China oder den so genannten Balkan gibt es natürlich auch in der Schweiz eine lebendige Kunstszene. Gerade unser Nichtwissen hat uns gereizt, völlig unbelastet von Erwartungen und voller Neugierde Schweizer ,emerging artists' zu entdecken."

Aus 500 Einreichungen hat man sich nach 40 Atelierbesuchen für nur 18 Positionen entschieden, zeigt dafür aber von jedem Künstler gleich mehrere Werke. Beim Gang durch die angenehm locker präsentierte Zusammenstellung wird man positiv überrascht. Zugleich bekommt man den Eindruck, dass die Schweizer Gegenwartskunst ein unverkennbares Gesicht hat. Vielleicht ergeben sich die Gemeinsamkeiten durch den Geschmack der Kuratoren - vielleicht aber ist die Schweizer Kunst doch ein wenig anders als die anderer europäischer Länder. Die in Deutschland und Österreich wieder stark aufstrebende Malerei findet man in dieser Ausstellung kaum vertreten, dafür jede Menge Fotos, Videos und dreidimensionale Objekte. Angesichts der Aussage der Kuratoren, es hätten sich besonders viele Künstler mit konzeptionellen Ansätzen in Nachfolge der geometrischen Abstraktion und der Tradition eines Max Bill beworben, verwundert es allerdings, dass gegenständliche Positionen in der Ausstellung überwiegen.

Sympathisch, dass alle vorgestellten Künstler nichts von dem großen Gestus halten. Vielmehr dominieren poetische Zugänge, die aufgrund ihrer Bescheidenheit und dem Witz auffallen. Der Fokus ist meist auf die alltäglichen Details des Lebens gerichtet. Erst auf den zweiten Blick werden hintergründige Themen und existenzielle Fragestellungen erkennbar. So lässt der in Genf lebende Christian Gonzenbach in einem Video bewegte Gurken die eigene Spezies wie menschliche Museumsbesucher in Vitrinen betrachten - und thematisiert so auf amüsante Weise die gerade in Zusammenhang mit Nahrungsmitteln oft fragwürdige Grenze zwischen Objekt und Subjekt.

... total vergurkt

Um Natur und Kunst geht es auch in den beinahe schon verdächtig schönen Plastiken der Berner Künstlerin Sylvia Hofstettler. Die vegetabilen Wachs-Skulpturen wie die fleischfarbene Purpurschnecke (2004) überzeugen gerade aufgrund der anachronistischen Arbeitsweise. Hier verfolgt eine Künstlerin jenseits von Zeittendenzen und "neuen Medien" konsequent eine künstlerische Spur - und bringt trotz der Verwendung des traditionellen Materials Wachs unverkennbare Objekte hervor, in denen ästhetische und ethische Anliegen aufeinander treffen: "Mit meinem Werk möchte ich mich für die Nachhaltigkeit einsetzen, damit uns ein Nährboden als Lebensgrundlage erhalten bleibt, aus dem Zauberhaftes und Kostbares entstehen kann."

EMERGING ARTISTS 06: SCHWEIZ

Sammlung Essl

An der Au 1, 3400 Klosterneuburg

Bis 25. 2. Di-So 10-18, Mi 10-21 Uhr

Katalog 144 Seiten, Euro 23,-

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