Heikles Spiel der Politik mit den Spielen

Die Veranstaltung europa- oder weltweiter Sport-Wettkämpfe ist inzwischen ein Geschäft enormen Umfangs. Den Organisationen fehlt es an Kontrolle, nicht aber an Verbindungen in die Politik und an Kritik.

Die mehr als bedenklichen Nachrichten über das Fehlverhalten nationaler und internationaler Sportverbände (INGOs) und ihrer Funktionäre nehmen kein Ende. Zum einen geht es um die durch den Profi-sport ausgelösten politischen Implikationen, zum anderen um die mangelhafte Kontrolle der Gebarung so mancher INGOs und die damit verbundenen Fälle von Korruption von Sportfunktionären.

Die INGOs beharren stets darauf, sich aus der Politik heraushalten zu wollen. Letztlich müssen sie doch zur Kenntnis nehmen, dass allein das Zustandekommen und die Ausrichtung einer internationalen Sportveranstaltung ein an sich hochpolitisches Ereignis darstellt, im Zuge dessen Unsummen von Geldern manipuliert werden, deren ordnungsgemäße Verwendung von ihnen offensichtlich nicht immer entsprechend kontrolliert werden kann. Die zunehmende Kommerzialisierung des Spitzensports ist ein bedauerliches Faktum geworden.

Verquickung von Sport und Politik

Aktuelle Auslöser der Debatte in Österreichs Medien über die Politik in den Gastgeberländern waren die Vergabe des vierten Formel-1-Grand-Prix im April 2012 an Bahrain durch den Automobil-Weltverband (FIA) sowie jene der Fußball-Europameisterschaft (EURO) 2012 an die Ukraine (und Polen) durch den Europäischen Fußballverband (UEFA).

Nachdem Kommissionspräsident José Barroso UEFA-Präsident Michel Platini hatte mitteilen lassen, dass er die Ukraine aus Anlass der EURO nicht besuchen werde, schloss sich ihm der Präsident des Europäischen Rates, Herman van Rompuy und am 3. Mai die gesamte EU-Kommission an. Auf seiten der Mitgliedstaaten der EU regnete es Absagen hochrangiger Politiker, zu denen neben dem deutschen auch der österreichische Bundespräsident gehörte. Die Bundesregierung beschloss, den Spielen fernzubleiben, sollte die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko nicht freigelassen werden bzw. bessere Haftbedingungen bekommen. Weiters sagten acht europäische Staats- und Regierungschefs ein für den 11./12. Mai 2012 auf der Krim angesetztes Treffen mit dem Ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch ab. Sportminister Norbert Darabos wieder erklärte, dem Länderspiel Österreich - Ukraine am 1. Juni in Innsbruck demonstrativ fernbleiben zu wollen.

Nachdem Timoschenko ihren Hungerstreik am 8. Mai beendete und in ein Krankenhaus in Charkow verlegt wurde, wo sie von einem deutschen Arzt betreut wird, ebbte der Protest ab. Ähnliche Boykottaufrufe hat es bisher nur gegen die Olympischen Spiele 1980 in Moskau und 2008 in Peking gegeben, denen aber massive Gewaltanwendungen der Ausrichterstaaten Russland und China in Afghanistan und in Tibet zugrunde lagen.

Das Problem liegt darin, dass man sportliche Großereignisse nicht an autokratisch regierte Länder vergeben dürfte, die sich aber gerne "meistbietend“ den jeweiligen INGOs dafür andienen. So wurden an Russland nicht nur die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi und die Eishockey-Weltmeisterschaft 2016, sondern auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 vergeben. Die Vergabe der Eishockey-Weltmeisterschaft 2014 an Weißrussland stellt ebenso einen problematischen Vorgang dar, wenngleich der Eishockey-Weltverband (IIHF) im Jänner 2012 die Austragung wieder infrage stellte und auf seiner Homepage die Eishockey-Fans aufforderte, sich darüber Gedanken zu machen.

Einerseits wurde der Profi-Sport von Regimes politisch missbraucht und für eigene Ziele in Dienst genommen, andererseits mischen sich INGOs in innenpolitische Verhältnisse von Staaten ein und machen damit Politik. So verlangt etwa der Weltfußballverband (FIFA) von den Ausrichterländern eigene Gesetze, um die Exklusivitätsrechte seiner Sponsoren abzusichern. In Brasilien, wo 2014 die Fußballweltmeisterschaft gastieren wird, hat das entsprechende Rahmengesetz bereits für heftige Diskussionen gesorgt, verlangte die FIFA doch die Aufhebung des landesweit gültigen Alkoholverbotes in Fußballstadien, um einem ihrer Sponsoren entgegenzukommen.

Aber auch die Finanzkontrolle von INGOs liegt im Argen. Als hätte es erst einer publizistischen Aufarbeitung bedurft - im April 2012 erschien das Sachbuch des Sportjournalisten der Süddeutschen Zeitung Thomas Kistner, FIFA-Mafia - Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball - sprechen plötzlich viele Journalisten von der FIFA als dem "Sepp-Blatter-Komplex“ (der Schweizer Sepp Blatter war seit 1981 Generalsekretär und ist seit 1998 Präsident der FIFA) und dem Milliardengeschäft der FIFA, die als steuerbegünstigter Verein nach Schweizer Vereinsrecht in Zürich domiziliert ist.

Neuerdings wird aber auch der Europarat in Sachen Kontrolle der FIFA aktiv. Auf der Basis eines Berichts des französischen Abgeordneten François Rochebloine zu den Aktivitäten der FIFA forderte die Parlamentarische Versammlung des Europarates am 25. April 2012 von der FIFA eine Aufarbeitung der internen Skandale sowie Einsicht in die Unterlagen der früheren Bestechungsaffaire um das 2001 in Konkurs gegangene Schweizer Marketing-Unternehmen ISL.

Unklare Geldflüsse für Marketing

Dieses hatte bis dahin die TV-Übertragungsrechte der Fußball-Weltmeisterschaften vermarktet. Laut Angaben des damaligen Chef-ermittlers, des Schweizer Staatsanwalts Thomas Hildebrand, sind zwischen 1989 und 2001 mehr als 122 Millionen Franken Bestechungsgelder an hohe Sportfunktionäre im Umfeld der FIFA gezahlt worden. Weitere 37,4 Mio Schweizer Franken sind zwischen 1999 und Jänner 2001 an unbekannte Personen geflossen.

In Österreich wird wiederum die Gebarung einer anderen NGO, nämlich des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC), diskutiert, dessen Ex-Generalsekretär Heinz Jungwirth seit 7. Mai vor dem Wiener Straflandesgericht wegen des Vorwurfs der Untreue in Höhe von 3,43 Mio Euro unter Anklage steht: Er soll zwischen 2003 und 2009 Gelder des IOC über ein Schwarzgeldkonto manipuliert haben. Das ÖOC schloss sich diesem Verfahren an und brachte parallel dazu gegen seinen Langzeitpräsidenten Leo Wallner (1968-2007) eine Schadensersatzklage in Höhe von 850.000 Euro wegen mangelnder Aufsicht ein. Beide bestreiten die Vorwürfe, belasten aber einander gegenseitig. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Was haben nun alle diese Sport-Verbände, aber auch Greenpeace, amnesty international, Oxfam, Human Rights Watch und andere mehr gemeinsam? Sie sind im Gegensatz zu regierungsamtlichen und hoheitlich tätigen "International Governmental Organizations“ (IGOs) - wie UNO, Europarat, OECD - nicht-regierungsamtliche "International Non-Governmental Organizations“ (INGOs) im Sinn von Privatrechtssubjekten, die nach dem Vereinsrecht ihres Sitzstaates gegründet wurden. Sie stellen in der Regel die (internationale) Dachorganisation über die einzelstaatlichen nationalen Verbände (Non-Governmental Organizations, NGOs) ihrer Verbandsorganisation dar. In diesem Sinne ist das "Österreichische Olympische Comité“ (ÖOC) eine nationale, österreichische NGO, über der weltweit der Dachverband des "Internationalen Olympischen Komitees“ (IOC) als INGO steht.

NGOs müssen sich aber nicht immer über eine INGO als Dachverband international zusammenschließen, sondern können ihre grenzüberschreitenden Aktivitäten auch transnational ausrichten. Dafür vernetzen sie sich mit NGOs aus anderen nationalen Rechtsordnungen und bilden sogenannte Netzwerke aus, die entweder vertikal - zwischen NGOs unterschiedlicher Themenbereiche - oder horizontal - zwischen NGOs mit gleichen Tätigkeitsbereichen - ausgestaltet sein können.

Die Zahl der regierungsamtlichen IGOs beträgt an die 300, jene der INGOs schwankt je nach Zählweise zwischen 15.000 und 20.000. Allein das zeigt ihre Bedeutung als internationale Akteure im globalen Spitzensport.

FIFA-Mafia

Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball

Von Thomas Kistner, 2012

Vlg. Droemer, 426 S, geb., e 19,99

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