Heiß-kalte Klimakapriolen

Zwei jüngst publizierte Klimastudien prognostizieren eine massive globale Erwärmung. Eine Untersuchung warnt vor nicht wieder gutzumachenden Folgen in zehn Jahren. Wie geht es weiter mit dem Klima?

Es kann passieren, was will: Es gibt immer einen, der es kommen sah." Es klingt, als hätte der französische Schauspieler Fernandel ("Don Camillo") damit die Klimaforschung gemeint. Eine eben im britischen Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Studie beispielsweise sagt voraus, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts die durchschnittliche Temperatur auf der Erde bis zu 11,5 Grad Celsius höher sein könnte als noch vor Beginn der Industrialisierung. Es könnte aber laut derselben Studie auch nur um 1,9 Grad wärmer werden. Eine andere internationale Untersuchung, ebenso erst jüngst publiziert, kommt zu dem Ergebnis, dass die Temperatur zwar "nur" um bis zu 5,8 Grad steigen werde, dafür legt sie einen Zeitpunkt fest, an dem es kein Zurück mehr geben wird: In zehn Jahren, behaupten die Forscher des britischen Institute for Public Policy Research (ippr) und des Center for American Progress, werde die Kohlendioxid-Konzentration (co2) in der Atmosphäre ein Maß erreicht haben, bei dem eine Erwärmung um zwei Grad unvermeidlich und durch nichts mehr zu stoppen sei. Die prognostizierten Folgen: verbreitetes Waldsterben, Dürre und Überschwemmungen sowie eine Zunahme extremer Wetterphänomene.

Der Klimaforscher Gottfried Kirchengast vom Institut für Geopyhsik, Astrophysik und Meteorologie der Universität Graz hält dagegen schon jetzt einen Temperaturanstieg um zwei Grad für unausweichlich, eine geringer Erwärmung sei fast ausgeschlossen. "Die globale Erwärmung ist ein Faktum, das sich nicht wegdiskutieren lässt." Schon jetzt ist es um 0,6 Grad wärmer als es noch 1860 war. Und selbst, wenn man von der de facto unmöglichen Variante ausgeht, dass sämtliche - also die natürlichen und die vom Menschen verursachten - Treibhausgasemissionen sofort gestoppt würden, würde die Temperatur eine gewisse Zeit lang weitersteigen, denn "das passiert ja alles zeitverzögert. Jetzt wirken noch die Treibhausgase, die zwischen 1970 und 2000 ausgestoßen wurden", stellt Kirchengast klar.

Alles möglich, nichts fix

Zwei Grad durchschnittliche Erwärmung seien daher so gut wie sicher, wenn auch die Klimaforschung noch mit vielen Unbekannten und Unsicherheiten konfrontiert ist, die für die große Schwankungsbreite in den Prognosen sorgen. So können etwa Wolken den Treibhauseffekt verstärken oder ihn abschwächen. Daher ließen sich immer nur Wahrscheinlichkeiten für verschiedene Szenarien errechnen.

Die Folgen der prognostizierten Erwärmung um zwei Grad: "Solche Sommer wie im Jahr 2003 werden bis 2030 nicht ungewöhnlich sein, ab 2050 werden vielleicht die kühleren Sommer so sein." Zur Erinnerung: 2003 starben aufgrund der großen Hitze in Europa etwa 30.000 Menschen. Dazu kommt noch, dass bisher die Ozeane und die Fauna etwa die Hälfte des co2 aufgenommen haben. "Es deutet einiges darauf hin, dass die Natur den Grad der Sättigung erreicht hat, dass also auch bei stagnierenden Emissionen künftig mehr Treibhausgase in der Atmosphäre verbleiben", befürchtet der Forscher.

Schon jetzt ist der Temperaturanstieg spürbar: Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der weltweiten Temperaturmessungen vor 150 Jahren waren zwischen 1990 und 2004. Allein in den Jahren 2003 und 2004 ist die Schneedecke auf dem größten Gletscher Österreichs, der Großen Pasterze, um insgesamt zehn Meter dünner geworden. Und die Wüsten wie die in der Inneren Mongolei (siehe Seite eins) dehnen sich jährlich um einige Quadratkilometer aus.

Deadline bei vier Grad

Trotz dieser massiven Veränderungen sieht Kirchengast noch Chancen, sofern innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte ein Umdenken in Richtung Klimaschutz erfolgt. Jedoch müsse mit allen Mitteln eine Erwärmung um mehr als vier Grad verhindert werden. "Sonst steigt die Wahrscheinlichtkeit für das Abschmelzen des Grönlandeises, und das ist wahrscheinlich nicht mehr zu stoppen." Es werde dann zwar rund tausend Jahre dauern, bis die Hälfte des Eises geschmolzen ist, was zu einem Anstieg des Meeresspiegels um vier Meter führen werde. Viel früher verliere jedoch voraussichtlich der Golfstrom seine Wirksamkeit, da durch das viele Schmelzwasser die Meerestemperatur sinken wird, von der der Golfstrom abhängt.

Dadurch lässt sich auch erklären, warum es in Nord- und Mitteleuropa voraussichtlich kälter werden wird als heute, obwohl die globale Durchschnittstemperatur ansteigt: Die Region nördlich der Alpen, die stark von Westwindströmungen beeinflusst ist, wird ohne Golfstrom abkühlen. Gleichzeitig wird sich südlich davon wegen der globalen Erwärmung die mediterrane Klimazone bis an den Alpenrand verschieben. Kirchengast: "In vielen Gebieten Österreichs wird Obst- und Weinbau ohne massive künstliche Bewässerung nicht mehr möglich sein, aber dafür wird es voraussichtlich zu wenig Wasser geben."

Durch die vielen Wechselwirkungen zwischen Erd-, Wasser- und Lufttemperatur treten jetzt schon extreme Wetterphänomene öfter auf. Kirchengasts Befürchtungen: Große Dürre wird künftig noch häufiger als heute Ernten vernichten und die Böden austrocknen, kurz darauf werden starke Regenfälle zu Überschwemmungen führen.

Fataler Kreislauf

Bei höheren Temperaturen wird auch ein fataler Kreislauf in Gang gesetzt: Beispielsweise könnte der Permafrostboden in Sibirien auftauen. Dadurch würden die in diesem Boden in hoher Konzentration enthaltenen Methangase an die Luft abgegeben, die wiederum den Treibhauseffekt verstärken. Außerdem enthält wärmere Luft mehr Wasserdampf, der ebenfalls als Treibhausgas wirkt.

Während jedoch zwei Grad Erwärmung nicht mehr zu verhindern seien, könne den folgenschweren vier Grad noch entgegengewirkt werden. "Spätestens 2050 muss die weltweite Emission der Treibhausgase in die Atmosphäre wieder eindeutig sinken, um die Erwärmung wirksam unter Kontrolle zu bringen", betont Kirchengast. "Wir müssen also jetzt mit gut durchdachten und beherztenKliaschutzmaßnahmen beginnen, dann kann es gelingen."

Treibhauseffekt

Treibhausgase in der Atmosphäre absorbieren Teile der Wärmestrahlung, die von der Erdoberfläche abgegeben wird. Dadurch wird eine Abstrahlung in den Weltraum verhindert, die mittlere Temperatur auf der Erdoberfläche und in der unteren Atmosphäre steigt.

Kohlendioxid (co2) ist eines der wichtigsten Treibhausgase, es entsteht vor allem bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas. Pflanzen assimilieren durch die Photosynthese einen Teil des co2. Weitere Treibhausgase sind Methan, Lachgas und Wasserdampf.

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