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Herbizide, die mehr als nur Unkraut töten

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Die von manchen Unkrautvertilgungsmitteln behauptete Harmlosigkeit ist bei näherer Betrachtung keineswegs gut abgesichert. Der folgende Beitrag legt den Finger auf einen wunden Punkt: mangelndes Wissen über ökologische Folgen von Glyphosaten.

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Die von manchen Unkrautvertilgungsmitteln behauptete Harmlosigkeit ist bei näherer Betrachtung keineswegs gut abgesichert. Der folgende Beitrag legt den Finger auf einen wunden Punkt: mangelndes Wissen über ökologische Folgen von Glyphosaten.

Roundup - für die umweltfreundliche Unkrautbekämpfung!" So zu lesen - in freundlich-grünen Balkenlettern auf Hochglanzpapier - im Katalog "Schutz und Pflege in Haus und Garten 2000" des weltweit erfolgreichen Marktführers Scotts CELAFLOR (Bild). Im kleiner Gedruckten wird dazu ausgeführt: "Roundup ist ein umweltschonendes Mittel zur Unkrautbeseitigung und wirkt sowohl ober- als auch unterirdisch! Es wird ausschließlich über grüne Blätter und Stängel aufgenommen. In der Pflanze verteilt sich das Mittel über den Saftstrom auch bis hinab in die Wurzeln und verhindert die Ausbildung der wichtigen Aminosäuren. Die Pflanze welkt dadurch und stirbt ab."

Bis hierher treffen diese Angaben zu, mit einer Ausnahme: Wo Wurzeln von krautigen Pflanzen, Sträuchern oder Bäumen - sie sollten ja nicht Ziel der Maßnahme zur totalen Unkrautvertilgung sein - frei liegen, werden auch diese Pflanzen vom Gift betroffen, werden kränkeln oder sterben. Sie sind dann nämlich nicht von Humus oder Tonmineralen, die den Wirkstoff adsorptiv binden und so von Wurzeln fern halten, umgeben.

Bereits der nächste Satz im Prospekt betet jedoch eine vom Monsanto-Konzern seit mehr als 25 Jahren suggerierte Formulierung nach, die eine tragische "Nebenwirkung" dieses Herbizids verschleiert: "Gelangt Roundup(r) in den Boden, wird es durch Bodenmikroben in natürlich vorkommende Bestandteile wie Wasser, Kohlendioxyd und Phosphor abgebaut."

Dies ist - wie schlüssig bewiesen werden kann - eine Irreführung des Konsumenten. Es handelt sich bei den Texten in diesem "Milleniums-Katalog" (und in sonstigem Werbematerial dieser und anderer Firmen, die Herbizide mit dem Wirkstoff Glyphosat anbieten) um eine nicht ganz zufällige Mischung von Dichtung und Wahrheit, die es zu sortieren gilt.

Weder die Unschädlichkeit, noch die rasche biologische Abbaubarkeit treffen für Roundup(r), Roundup Ultra(r), Touchdown(r) oder andere glyphosathältige Herbizide so generell zu, wie sie behauptet werden.

Es stimmt, daß der in Herbiziden auf Glyphosat-Basis enthaltene Wirkstoff bei Pflanzen "die Ausbildung der wichtigen Aminosäuren" verhindert. Es stimmt aber auch - und wird von zu vielen "Experten" verschwiegen -, daß dieses Töten durch Hemmung der Aminosäuresynthese genauso die allermeisten Mikroorganismen aus den Gruppen der Algen, Bakterien und Pilze trifft, beziehungsweise betreffen kann.

Die Feststellung, "daß Roundup(r) weder die Fruchtbarkeit des Bodens, noch die Mikroorganismen, die darin leben, schädigt" (wie das auf Seite 17 des angesprochenen Katalogs formuliert wurde), ist - wenn es so allgemein ausgedrückt wird - wissenschaftlich unhaltbar. Ich begründe diese Verurteilung im folgenden in der hier gebotenen Kürze.

Nebenwirkungen Biochemiker haben schon vor Jahrzehnten herausgefunden, daß Glyphosat auf den aromatischen biosynthetischen Aminosäurehaushalt wirkt, indem es ein dafür wichtiges Ferment mit der Kurzbezeichnung EPSPS hemmt. EPSPS steht für die 5-Enolpyruvyl-Shikimat-3-Phosphat-Synthase.

Diesem Ferment kommt im sogenannten "Shikimisäurezyklus" eine zentrale Bedeutung zu: Alle Organismen, die für ihren Bau- und/oder Betriebsstoffwechsel auf Eigenerzeugung der gemeinten aromatischen Aminosäuren angewiesen sind, müssen zugrunde gehen, wenn der betreffende Produktionsprozess durch ein Zellgift blockiert wird.

In botanischen und mikrobiologischen Lehrbüchern ist nachzulesen, daß der Shikimisäurezyklus nicht nur bei grünen Pflanzen vorherrscht, sondern auch bei Bakterien, Pilzen und anderen heterotrophen Mikroorganismen.

Aus diesem Umstand ergibt sich unter anderem folgendes: * Die für die Bodenfruchtbarkeit wichtigen Mikroorganismengesellschaften der vom Spritzmittel getroffenen land- und forstwirtschaftlichen Böden werden geschädigt.

* Regenwürmer, Insekten und andere Bodentiere, die für ihre jeweilige Zellulose- oder Chitinverdauung auf Enzymlieferung durch symbiontische Bakterien und/oder Pilze in ihrem Verdauungstrakt angewiesen sind, schädigen ihre lebenswichtige Darmflora unausweichlich, wenn sie beim Fressen von Bodenpartikeln daran haftendes Glyphosat in den Verdauungstrakt bringen.

Grundwasser bedroht * Glyphosat, das über Gleiskörper(sie werden regelmäßig mit Unkrautvertilgungsmitteln behandelt) ins Grundwasser vordringt, muß dem vorwiegend mikrobiellen Biofilm, der Schottersteine und Sande von Grundwasser führenden Schichten überzieht, Schaden bringen. Diese stellen aber eine wichtige Voraussetzung für die Selbstreinigung des Wassers dar und bedingen damit die Qualität des Grundwassers.

* Pflanzenfressende Wild- und Nutztiere als "non-target-organisms" (Organismen, auf die das Gift nicht einwirken soll) sind einem hohen Schädigungsrisiko ausgesetzt. Sie werden nämlich allesamt nur durch eine vielfältige Gesellschaft von Mikroorganismen, die in Pansen, in spezifischen Blinddärmen oder sonstwo im Verdauungstrakt ihre "Arbeit" tun, in die Lage versetzt, pflanzliches Material zu verdauen und auf Basis dieser Nahrung zu gedeihen.

Es ist eine Tatsache, dass in Weinbergen, Aufforstungsgebieten oder Christbaumkulturen, in Gärten oder auf Industrieflächen, an Straßenrändern oder in den Rigolen des Schönbrunner Schloßparks Unkraut weggespritzt (also mit Glyphosaten imprägniert) statt mechanisch bearbeitet wird.

Und man versäumt es, den Bauern und Förstern, den Gartenliebhabern und Wegrandpflegern auch nur zu sagen, was sie sich und anderen Menschen mit diesen "Arbeitserleichterungen" antun. Schon gar nicht verbietet man solche Anwendung und nimmt damit die Verantwortung für die Störung ökologischer Wirkungsgefüge in Böden und Gewässern, für Tierleid und Tod in Wald und Feld, Fischteich und Kuhstall nicht wahr.

Das Risikopotential beziehungsweise die überaus hohe Schädigungswahrscheinlichkeit von Glyphosat für die Verdauungsphysiologie von Wiederkäuern und anderen Pflanzenfressern, die "weggespritztes" Unkraut erwischen oder die aus Nichtwissen mit Glyphosat-imprägnierten Futtermitteln versorgt (de facto aber belastet) werden, ist nie untersucht und quantifiziert worden. Dabei wären bisher mehr als 100 nationale Prüfbehörden aufgerufen gewesen, diesbezügliche Fragen an den jeweiligen Antragsteller für die staatliche Zulassung dieser Mittel zu stellen und wissenschaftlich haltbare Beweise für Art, Umfang und Vermeidbarkeit potenzieller Schäden einzufordern.

Behörden gefordert Als Limnologe, dem das Denken in aut- und synökologischen Wirkungsgefügen zur Routine gehört, war und bin ich schon sehr überrascht, daß ich beim Ansprechen von mehr als ein Dutzend beamteten Akademikern in einschlägig beauftragten Behörden Deutschlands und Österreichs keine einzige Person gefunden habe, die sich die Frage gestellt hatte, ob Futtermittel, die zur Unkrautvernichtung oder Ernteerleichterung mit einem EPSPS-Synthase-Hemmer imprägniert wurden, nicht etwa einen Einfluss auf die Zellulose-Verdauung von Pflanzenfressern haben.

In keinem Fall konnten sie auch von einer Risikoabschätzung berichten. Dabei handelt es sich um jene Beamten, die per Gesetz zu Wachsamkeit und seriöser Prüfung von Risken und zur Verhinderung von Schäden eingesetzt sind.

Die federführende Verantwortlichkeit für entsprechende Maßnahmen gegen vermeidbare Schäden und Risken für unsere Umwelt, die als Folgen chemischer Unkrautbekämpfung drohen, liegt in der neuen Bundesregierung im Molterer-Ministerium, das zum Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft angeschwollen ist.

Der Autor ist emeritierter Professor für Limnologie der Universität Innsbruck.

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