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Herr Karl als Physiker

1945 1960 1980 2000 2020

Mit dem Buch "Hier irrte Einstein" des Physikers Sallhofer schiebt der Universitas-Verlag die Schamgrenze für antisemitische Untertöne wieder einmal ein großes Stück weiter hinaus.

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Mit dem Buch "Hier irrte Einstein" des Physikers Sallhofer schiebt der Universitas-Verlag die Schamgrenze für antisemitische Untertöne wieder einmal ein großes Stück weiter hinaus.

Der Rezensent bekennt, daß er von Mathematik genausoviel versteht wie von Physik, nämlich von beidem nichts. Trotzdem erfrecht er sich, ja, er sieht sich leider gezwungen, sich über ein Buch zu äußern, das von Physik, schlimmer, von Quantenphysik und Relativitätstheorie, handelt. Der Anlaß dazu sind jene Stellen, die zwar von Physikern, nicht aber von Physik handeln. Der Rezensent wird sich daher über die wissenschaftlichen Ansichten Hans H. Sallhofers nicht äußern. Über einige andere aber sehr wohl.

Stellen wie diese lassen es geboten erscheinen: "Wie jüdisch waren beide Seiten? 114 Sallhofer: Die Quantenseite war gänzlich jüdisch. Born, Bohr und Jordan sind Juden. Heisenberg wurde von der nationalsozialistischen Zeitschrift ,Der Stürmer' als ,weißer Jude' eingestuft. Spaß beiseite, Heisenberg dürfte sich damals durch Unterstützung und Inschutznahme jüdischer Kollegen zu weit vorgewagt haben. - Die Deterministenseite hatte zwar den jüdischen Sprecher Einstein, aber die anderen Granden, Planck, von Laue und Schrödinger, waren Nichtjuden."

Selbstverständlich ist es auch nur ein Spaß, wenn Sallhofer weiter hinten sagt: "Da Einstein einer solchen Verallgemeinerung von der Absolutkonstanz der Lichtgeschwindigkeit nachhing, die ihn in die Welt der krummen Geometrie wies, drängte es ihn, Gaußens Weltvermessung nachzuvollziehen. Aufgrund seiner Neigung zur Schürzenjägerei wählte er hierfür den letzten Tag im April, denn für die folgende Nacht, die Walpurgisnacht, versprach er sich viele, viele Begegnungen auf dem Brocken ... Da trieb es Einstein so arg und so wahllos, daß er die Lichthexe Luxa verfehlte. Sie hätte ihn, mit ihren Erfahrungen aus ihren Ritten auf dem Licht, noch am ehesten von seiner Obsession erlösen können."

Wer das bloß ein bißchen geschmacklos findet, kann es deutlicher haben - viel deutlicher: "Wenn in Deutschland irgendwo, irgendwann die Judenpogrome zur Debatte stehen, kann man, neben Worten der Zerknirschung, hören, daß die Juden niemals eingeladen wurden, nach Deutschland zu kommen; daß sie einen Sinn dafür entwickelt hätten, dort aufzutauchen, wo es ihnen besserginge als zu Hause; daß sie den Intellekt mitbrächten, in den Gesellschaftssystemen der Wirtsvölker rasch aufzusteigen, sonnige Plätze einzunehmen und dominierende Rollen zu spielen; daß sie bis 1933, dem Jahr der Machtergreifung durch Hitler, bereits die Hälfte von Berlins erster Adresse, dem illustren Prominentenvorort Babelsberg, in ihren Besitz gebracht hatten", und so weiter und immer ärger.

All das darf man heute wieder sagen - wenn man es als Zitat ausgibt und wenn es ein Verleger durchgehen läßt.

Das Buch heißt "Hier irrte Einstein" und macht seine Leser mit Sallhofers offenbar etwas zurückliegenden Versuchen bekannt, das Weltbild, das die Wissenschaft Einstein verdankt, zu erschüttern. Darum wurde das Buch wohl vor allem geschrieben. Es ist als Abfolge von fünf Gesprächen (nebst einem Appendix über Quantentheorie, Relativitätstheorie und "Teilchenphysik heute") konzipiert, wobei Fragen und Antworten säuberlich durchnumeriert sind und ein Koautor die Rolle des Interviewers und Stichwortgebers spielt. Er heißt Radharose (Denis Rose) und studierte laut Klappentext Philosophie, Psychologie und buddhistische Philosophie, lebte als buddhistischer Mönch in Sri Lanka und betätigt sich derzeit als "Managementberater und Coach".

Sallhofer selbst ist "Mathematiker und Physiker, Teilhaber eines Unternehmens in Österreich, begann seine Laufbahn im Zyklotronenlabor der McGill University in Kanada. Er wies Ende der siebziger Jahre die Identität von Elektrodynamik und Quantentheorie nach und führt bis heute die Erforschung dieser Kongruenz weiter." Was gewiß ein ehrenwertes Unterfangen ist, und zwar unabhängig davon, ob er sich durchsetzt oder untergeht, recht hat oder auf dem Holzweg ist, was der Rezensent nicht beurteilen kann und was ja wohl auch in erster Linie die Naturwissenschaftler angeht. Antisemitische Untertöne (fast durchgehend!) und Ausfälle (zahlreich!) in einer wissenschaftlichen Publikation gehen hingegen keinesfalls nur die Physiker und Mathematiker an.

Von Sallhofer erfahren wir, "daß bei dem hohen Intellektualpotential der Deutschen die Dominanzjuden besonders heftigen Widerwillen erweckt hätten; daß die Juden nicht nur damals und in Deutschland, sondern schon immer und weltweit verwünscht wurden; daß das erste Ghetto nicht in Warschau, sondern zur letzten Jahrtausendwende in Rom eingerichtet wurde".

Genüßlich zitiert er den "national eingestellten Atomisten" und Nobelpreisträger P. Lenard, dessen "besonderes Bedauern war, daß Max Planck eine so sehr fördernde Rolle um den Juden Einstein spielte", Planck habe sich so "rassenunkundig" gezeigt, "daß er Einstein als richtigen Deutschen nahm". Der rassenkundige Lenard "war erstaunt über diese damals teils schon überwundene Blindheit einem so ganz besonders jüdischen Juden gegenüber."

Selbstverständlich geht nach Sallhofers Meinung "der Hiroshima-Nagasaki-Holokaust ... letztlich zu Lasten des Humanisten Einstein", er versteigt sich sogar zu dem ebenso verquollenen wie niederträchtigen Satz, Einstein habe nach dem Zweiten Weltkrieg die Einladungen nach Deutschland aus folgendem Grund zurückgewiesen: "Und nun frage ich Sie: Würden Sie jemanden besuchen wollen, dem Sie, vielleicht berechtigt, aber gänzlich unberufen nach dem Leben getrachtet haben und der das auch weiß?"

Auch über die Frauengeschichten Schrödingers läßt er sich aus. Vielleicht, weil Schrödinger, wie "wohlwollende Biographen" (Sallhofer) meinten, "tief empört über das neue Regime und die skandalöse Entlassung qualifizierter Wissenschaftler" war? Sallhofer zufolge floh er vor privaten Verwicklungen. Auf daß man ihn selbst nur ja für keinen Langweiler halte und das Ganze ins Lächerliche kippe, verbreitet sich Sallhofer zuletzt noch eingehend und nicht sehr appetitlich über Sexualität, die eigene mit dem afrikanischen Teenager Eghosa inklusive.

"Hier irrte Einstein" erschien im Universitas-Verlag, einem eher weit rechts angesiedelten Unternehmen jenes Verlagsimperiums Herbig, zu dem auch der angesehene Verlag Langen-Müller gehört. Gefragt, warum er immer wieder nationale Literatur verlege, antwortete Verlagsinhaber Fleißner vor einiger Zeit in Anwesenheit des Rezensenten, er sei eben neugierig und interessiere sich für fremde Meinungen, die seiner nicht entsprechen müssen, was aber "Hier irrte Einstein" betreffe, jedes Buch aus einem seiner Verlage könne er schließlich nicht lesen.

Wozu leider gesagt werden muß: Hans H. Sallhofer setzt in "Hier irrte Einstein" neue Maßstäbe dafür, was man heute wieder frei heraus sagen darf. Er schiebt die Schamgrenze für jene Ansichten, die sich lange Zeit hinter Herrn Karls Spruch "I hab ja gar nix gegen die Juden" verbargen, ein gutes Stück weiter hinaus. Und das im selben Verlagsimperium, in dem nicht nur seriöse zeitgeschichtliche Werke wie "Der Madagaskarplan" von Hans Jansen (Furche 49/1997), sondern auch Bücher von Ephraim Kishon und Simon Wiesenthal erscheinen.

Gewiß kann der Herr eines solchen Verlagsimperiums nicht jedes Buch lesen. Man darf aber doch wohl annehmen, daß jeder in einer solchen Firmengruppe tätige Lektor und Manager seine Grenzen kennt und weiß, was er darf. Und was er besser läßt, wenn ihm sein Job lieb ist.

Offenbar zählt ein Buch wie "Hier irrte Einstein" nicht zu dem, was den Inhaber der Verlagsgruppe, zu der Langen-Müller und Amalthea, Herbig und Universitas und noch einige gehören, zu Tobsuchtsanfällen und Hinauswürfen veranlaßt, falls es ihm unter die Augen kommt.

Das sollte es aber!

HIER IRRTE EINSTEIN Von Sallhofer/Radharose Universitas Verlag, München 1997 180 Seiten, geb., öS 277,

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