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"Heute mehr Märtyrer als im 1. Jahrhundert"

1945 1960 1980 2000 2020

Im Rahmen des Jubiläumsjahres fand am 7. Mai im Kolosseum in Rom eine Gedächtnisfeier für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts statt. Sie seien so zahlreich wie in keinem Jahrhundert zuvor, stellte Papst Johannes Paul II. in seiner Predigt fest. Im Gespräch mit dem Eichstätter Bischof Walter Mixa geht es im folgenden Gespräch um den Stellenwert des Martyriums in unserer Zeit.

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Im Rahmen des Jubiläumsjahres fand am 7. Mai im Kolosseum in Rom eine Gedächtnisfeier für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts statt. Sie seien so zahlreich wie in keinem Jahrhundert zuvor, stellte Papst Johannes Paul II. in seiner Predigt fest. Im Gespräch mit dem Eichstätter Bischof Walter Mixa geht es im folgenden Gespräch um den Stellenwert des Martyriums in unserer Zeit.

Die Furche: Da sagt jemand: "Ich war heute auf dem Arbeitsamt, den ganzen Vormittag hat man mich herumgeschickt, jedes Mal musste ich warten, es war ein richtiges Martyrium." So sprechen wir heute von Martyrium bei allen möglichen Misshelligkeiten, die uns zustoßen. Was ist "Martyrium" für die Kirche, wer ist für die Kirche ein "Märtyrer"?

Bischof Walter Mixa: Das Beispiel zeigt deutlich, wie Worte aus der kirchlichen Bekenntnissprache oft unbewusst in alltägliche Erfahrungen übertragen werden. Man weiß, dass Märtyrer etwas zu erleiden hatten und wendet das auf eigene Lebenssituationen an. Die griechischen Worte "martyros" oder "martyroi" bedeuten im innersten Kern "Bekenner". Der Evangelist Matthäus berichtet, dass Jesus seine Apostel aussendet, die Botschaft von der Liebe Gottes allen Menschen weiterzugeben. Er schickt sie aus als "martyroi", als Zeugen, als Bekenner. Das gilt auch heute noch für jeden getauften und gefirmten Christen. Jeder von uns hat von Christus her die Aufgabe, seinen Glauben in einer Welt mit vielen anderen weltanschaulichen Meinungen zu bezeugen und freimütig zu bekennen, warum er zu Recht an Christus und an die Gemeinschaft der Kirche glauben kann.

Die Furche: Aber nicht jeder, der Zeugnis für Christus ablegt, ist auch ein Märtyrer in dem Sinn, wie es die Kirche heute versteht.

Mixa: Das ist richtig. Heute gebrauchen wir den Begriff meist in einem engeren Sinn und fassen darunter nicht jeden, der um Christi willen verfolgt wurde, sondern nur die Menschen, die für ihren Glauben getötet worden sind.

Die Furche: Spricht man von christlichen Märtyrern, denken die meisten an die ersten frühchristlichen Jahrhunderte, an Filme über von Löwen gefressene Christen im Kolosseum.

Mixa: Im heutigen Sprachgebrauch ist das Wort Märtyrer in der Tat weitgehend verbunden mit dem frühchristlichen Glaubenszeugnis von Jugendlichen, Frauen und Männern, die bereit waren, für ihren Glauben in den Tod zu gehen. Aber gerade im 20. Jahrhundert - vergessen wir nicht, dass wir gerade noch im letzten Jahr dieses Jahrhunderts leben - hat es unwahrscheinlich viele christliche Märtyrer gegeben. In Deutschland gehörten Katholiken zu den ersten, die in die Konzentrationslager gehen mussten. Unglaublich viele Priester, Bischöfe und Laienchristen sind um ihres Glaubens, um ihrer Treue zur Kirche willen, getötet worden. Mich hat es erschüttert, als ich jetzt die Nachricht gelesen habe, dass im Jahr 1999 weltweit 164.000 Christen ihres Glaubens wegen getötet worden sind. Die heutige Zahl von Märtyrern ist weit höher als in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten.

Die Furche: Und doch waren die ersten Christen nach den Worten des Gründers von "Kirche in Not/Ostpriesterhilfe", Werenfried van Straaten, "erfüllt von Ehrfurcht für ihre Brüder, die um Christi willen Verfolgung erlitten". Pater Werenfried stellt fest: "Von dieser Verbundenheit ist heute leider nur noch wenig zu spüren."

Mixa: Mit dieser Feststellung hat er leider recht. Das ist mir aufgefallen, als ich vor wenigen Tagen bei einem Vortrag auf diese ungeheure Zahl christlicher Märtyrer im 20. Jahrhundert und besonders auch im letzten Jahr zu sprechen kam. Da war das Erstaunen überaus groß, mancher dachte wohl: Ist diese Zahl nicht überzogen? Ihre Anfrage macht mir Sorge: Ich frage mich selber oft, ob wir Katholiken uns in den Jahren von Freiheit und Wohlstand seit dem Zweiten Weltkrieg nicht zu sehr angepasst haben. Es ist für uns die ganz große Herausforderung, dass wir uns nicht an die rein innerweltliche Denk- und Lebensweise anpassen. Als 1960 Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil angekündigt und das Wort "aggiornamento" gebraucht hat, hat er mit diesem Wort nicht gemeint, dass sich die Kirche verweltlichen soll. Vielmehr meinte er, dass die Kirche die Anfragen des heutigen Menschen, seine Zweifel, Sorgen und Nöte, ernst nehmen und auch mit Verantwortlichen aller Bereiche im Gespräch bleiben muss, um dann zu versuchen, aus der Kraft des christlichen Glaubens eine helfende Antwort zu geben. Mit den Worten Jesu möchte ich sagen: Wir sind zu wenig Sauerteig in der Welt, um das Leben "schmackhaft", also sinnvoll zu machen. Und wir sind zu wenig Licht auf dem Leuchter, das anderen leuchtet und den Weg weist. Beides, Sauerteig und Licht zu sein, heißt für mich: "martyroi" sein, Zeuge, Bekenner, für Gott und für ein sinnerfülltes Leben, das über den Tod hinaus in Gott aufgehoben ist und Erfüllung finden wird.

Die Furche: Führt die Verweltlichung der Christen auch dazu, dass man für das Martyrium gar kein richtiges Verständnis mehr hat, dass man sich fragt: Muss denn jemand so halsstarrig sein, dass er bis zum Äußersten geht? Ist so jemand nicht ein "Fundamentalist"?

Mixa: Hier wird fälschlicherweise das Wort Fundamentalist mit Fanatiker gleichgesetzt. Wenn ich etwa als Christ am Sonntag das Glaubensbekenntnis spreche, dann bekenne ich mich zu dem einen Herrn und Gott, zu dem Mensch gewordenen Gottessohn, zu seinem Tod am Kreuz und zu seiner Auferstehung. Jedes klare Bekenntnis im Glauben oder zum christlichen Leben könnte als Fundamentalismus ausgelegt werden. Mit der Bezeichnung "Fundamentalist" will man den Menschen Angst machen, sie könnten vielleicht auch dann als Fundamentalist bezeichnet werden, wenn sie in der Öffentlichkeit zu ihrer christlichen Lebensgestaltung stehen. Wir müssen als Christen, wie es Petrus gesagt hat, vor der Welt ein klares Zeugnis für die Hoffnung ablegen, die wir zu Recht haben und die uns sinnerfüllt leben lässt.

Die Furche: Dann ist also die fast reibungslose Integration der Christen in die Gesellschaft etwa der deutschsprachigen Länder gar kein so gutes Zeichen für die innere Verfassung der Kirche?

Mixa: Ich gehe einen Schritt weiter und sage: Wir müssen sehr aufpassen. Bei einer solchen Haltung ist es ja fast unmöglich, unseren Kindern und Jugendlichen den Wert unseres Glaubens überzeugend weiterzugeben. Es braucht Leidenschaft und positiv-kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben. Zu mir kommen immer verschiedene Jugendgruppen ins Bischofshaus, was mich sehr freut. Da und dort bin ich auch ins Gymnasium eingeladen und junge Leute diskutieren dann mit ihrem Bischof durchaus kontrovers zu bestimmten Glaubens- und Lebensfragen. Das ist mir sehr recht. Mir ist es viel lieber, wenn jemand mich nach dem eigentlichen Grund meines Glaubens fragt, danach, wie ich das bis zu einem gewissen Grad etwa auch verstandesmäßig begründen kann, als wenn jemand sagt: Ach, das ist doch im Grunde alles gleichgültig, das spielt gar keine Rolle. Der Mangel an Priestern und Ordensleuten, den wir hierzulande beklagen, hat meines Erachtens einen ganz tiefen Grund darin, dass in unseren Pfarrgemeinden zu wenig an leidenschaftlicher Gläubigkeit spürbar ist, die dann auch junge Menschen auf den "verrückten" Gedanken bringen könnte, sich gegebenenfalls als Priester oder Ordensfrau für Christus und für die Menschen in der Gemeinschaft der Kirche und darüber hinaus einzusetzen.

Die Furche: Nun sind die Märtyrer uns heute auch deshalb ein wenig fremd, weil man denkt, das müssten ja ganz außergewöhnliche Persönlichkeiten sein, die bis zum Tod für ihren Glauben einzustehen. Was waren, was sind denn die Märtyrer für Menschen?

Mixa: Wir dürfen die Märtyrer auf keinen Fall hochstilisieren. Denken Sie an Pater Rupert Mayer, an Maximilian Kolbe, an die Lehrerin Edith Stein oder den Jugendlichen Karl Leisner. Das waren Frauen und Männer, die gerade auch in unserer Zeit aus einem normalen, alltäglichen Leben heraus versucht haben, ihr Leben zu gestalten, die sich aber, als es zum Entscheidungsprozess kam, zum Glauben an den Dreifaltigen Gott und zur Gemeinschaft der Kirche bekannt haben und dann bis zur letzten Konsequenz, bis zur Hingabe ihres Lebens, diesen Glauben auch bezeugt haben. Gerade auch im Einsatz für andere Menschen. Märtyrer sterben nicht nur in dem Bekenntnis zu Gott - das könnte vielleicht zu abstrakt klingen -, sondern, weil sie aus Gott heraus versuchen, die Liebe zu leben, auch in dem sie sich einsetzen für sozialen Ausgleich, für mitmenschliche Gerechtigkeit, für Frieden, für Versöhnung, wie wir das etwa bei Erzbischof Romero in Nicaragua erlebt haben.

Das Gespräch führte Michael Ragg.

ZUR PERSON Bischof der Universitätsstadt Eichstätt Dr. Walter Mixa wurde am 25. April 1941 in Königshütte, das heute zur Erzdiözese Kattovice gehört, geboren. Nach seinem Studium wurde er am 27. Juni 1970 zum Priester der Diözese Augsburg geweiht. Am 24. Februar 1996 erfolgte seine Ernennung zum Bischof von Eichstätt und am 23. März desselben Jahres fand seine Bischofsweihe statt. Als Wahlspruch wählte Mixa "Jesus Hominis Salvator" - "Jesus, der Retter des Menschen". Im Rahmen der Deutschen Bischofskonferenz ist er Mitglied der Kommission für Seelsorgefragen, der Kommission für liturgische Fragen sowie der Kommission für Erziehung und Schule und der Unterkommission für Frauenfragen.

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