Hexenjagd auf einen Zauberlehrling

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Wenn Christen Harry-Potter-Bücher verteufeln, offenbaren sie Mängel an Literaturverständnis, Phantasie und Toleranz.

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Wenn Christen Harry-Potter-Bücher verteufeln, offenbaren sie Mängel an Literaturverständnis, Phantasie und Toleranz.

Um es rasch auf den Punkt zu bringen: Ich bin Harry-Potter-Fan. Und ich weiß, wovon ich rede. Nach ständig steigendem Druck meines 13-jährigen Sohnes habe ich alle vier bisher erschienenen Bände gelesen. Was heißt gelesen - verschlungen, viele Stunden des letzten Weihnachtsurlaubs und der darauf folgenden kargen Freizeit wurden dafür verwendet. Die Autorin Joanne K. Rowling bietet viel Spannung und ein hohes Niveau, dem die Übersetzung nicht immer gerecht wird. Ich halte sie für eine würdige Nachfahrin großer Meister der angelsächsischen Jugendliteratur und erlaube mir dieses Urteil, weil ich Anglistik studiert habe und daher dieses Gebiet kenne.

Bei jenen, die heute in Harry-Potter-Büchern antichristliche Elemente wittern, habe ich den leisen Verdacht, dass Literatur nicht ihr Fach ist und dass Toleranz und Phantasie nicht zu ihren Stärken zählen. Nur so kann ich mir erklären, dass sie aus Harrys Abenteuern Gotteslästerung und Hinführung zu Schwarzer Magie und Geisterbeschwörung herauslesen.

Dass Autoren der Wirklichkeit in Form einer Phantasiewelt einen kritischen Spiegel vorhalten, scheint den Kritikern fremd zu sein. Auch Jonathan Swift wollte in "Gullivers Reisen" nicht Riesen und Liliputaner und Lewis Carroll in "Alice im Wunderland" nicht Spielkarten lebendig machen - beide erwiesen sich nur als besonders kreativ, um abseits von nüchterner Realität Spannung zu erzeugen und menschliche Schwächen aufzuzeigen. Wenn in einer solchen Phantasiewelt, ob von J. R. R. Tolkien oder Michael Ende, der christliche Glaube nicht vorkommt, wird deshalb noch lange nicht "Gott gelästert". Vorsicht, solche Worte hielten jüngst in Afghanistan zur Zerstörung uralter Buddhastatuen her!

Wenn Christen, unter anderem aus dem evangelikalen Lager und aus dem Umfeld von Opus Dei und Engelwerk, nun Harry Potter wie seinerzeit schon "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler als bedenklich einstufen, drängt sich mir folgender Verdacht auf: Joanne Rowling wird attackiert, weil sie Hexen und Magier literarisch verwertet, also Personen, die für fundamentalistische Gruppen absolut real und nicht Bestandteile einer Phantasiewelt sind.

Der ständige Kampf zwischen Licht und Dunkel, hier zwischen guten und bösen Zauberern, entspricht dem dualistischen Weltbild solcher Gruppen in so hohem Maß, dass sie es nicht als Jugendbuch-Thema tolerieren können.

In Harry Potters Gegenspieler, Lord Voldemort, liest man dann den leibhaftigen Satan hinein und folgert: So Böses darf man Jugendlichen nicht vorsetzen. Die Kritiker denken vermutlich viel magischer als die Autorin.

Deren Verdienst ist, dass sie eine schwierige Altersstufe wieder zum Buchlesen begeistert hat. An Qualität schlägt Harry Potter dank des Einfallsreichtums und des blendenden Stils der Autorin die übrige Unterhaltungsindus-trie sowieso um Längen. Die Auswahl jedes Namens wirkt überlegt, nie kommt der Humor zu kurz, nie gleitet die Sprache ins Vulgäre.

Der Reiz der Potter-Bücher liegt darin, dass sie "unheimlich spannend" (beides!) und im Grunde Detektivgeschichten sind: Das sich stets neu tarnende Böse muss aufgedeckt und bekämpft werden. Bis jetzt nahm jeder Band, trotz Teilerfolgen der Schwarzmagier, zuletzt ein gutes Ende. Die Bücher schärfen klar den Sinn für Gut und Böse, für Freundschaft, Solidarität und Wahrheit gegen Bosheit, Falschheit, Machtdenken, Standesdünkel und Intrigen. Vieles regt massiv zum Nachdenken über das Alltägliche hinaus an.

Statt glücklich zu sein, dass es auch noch solche Literatur gibt, liefern gegen Harry Potter wetternde Christen ihre Kirche(n) unnötig dem Ruf geis-tiger Rückständigkeit aus. Dafür fehlt mir das Verständnis.

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