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Hier ist die Kunst zu Hause

1945 1960 1980 2000 2020

Die Gugginger Künstler - die bedeutendsten noch lebenden Vertreter der "Art brut".

1945 1960 1980 2000 2020

Die Gugginger Künstler - die bedeutendsten noch lebenden Vertreter der "Art brut".

Schon die Fassade verrät es: Hier ist die Kunst zu Hause. Zehn Jahre lang haben die Gugginger Maler die Außenwände ihres Domizils kontinuierlich in ein zweidimensionales Paradies verwandelt. Oswald Tschirtners Vogel und Kopffüßer, ein Liebespaar in Bäumen von Johann Koreth, Gott und Teufel von August Walla, eine Schlange des kürzlich verstorbenen Johann Hauser, dem ab dieser Woche eine umfassende Retrospektive in der Kunsthalle Krems gewidmet ist (Die furche berichtet in ihrer nächsten Ausgabe).

Vielerlei Gestalten bevölkern dieses Stück Wand, wuchern aus, rühren an das Wesen der Dinge. "Ewigkeitsende" ist hier unter anderem zu lesen, in August Wallas charakteristischem Schriftzug. Lateinische, aramäische Zeichen, Wortschöpfungen, Hammer und Sichel für die Männlichkeit, ein linkes Hakenkreuz für das Weibliche, Gott, der Teufel, Kreuze: Wallas Werk ist von Symbolen und Text durchsetzt, assoziativ vielschichtig zwingt es zur Auseinandersetzung mit den großen Themen der Menschheit: Mann, Frau, Ursprung, Ende, gut und böse.

Ein Besuch des Niederösterreichischen Landeskrankenhauses Gugging ist ein intensives Erlebnis, die Anballung hochwertiger Kunst im "Haus der Künstler" weltweit einzigartig. Seit 1981 können die Gugginger Künstler hier leben und arbeiten, entdeckt hat das kreativ-produktive Potential seiner Patienten der Psychiater Leo Navratil, der sie zum Malen und Zeichnen anregte. Ihre Werke freilich betrachtete er in Zusammenhang mit dem Krankheitsverlauf als "zustandsgebundene Kunst".

Spontan, unreflektiert Künstler und Kunstverständige teilen diese Meinung nicht: Arnulf Rainer oder Sammler Karlheinz Essl schätzen ihre Arbeiten sehr, ebenso tat dies Jean Dubuffet, der den Begriff der Art brut als das spontan und unreflektiert Gestaltete einführte. Dass die Krankheit einen hohen Anteil an der Kunst einnehme, bestreitet auch Navratils Nachfolger, Johann Feilacher: "Solche Kopffüßer wie der Tschirtner zeichnet niemand. Zwar hat die Krankheit inhaltlich und formal Auswirkungen auf die Bilder, sie macht aber kein Talent. Ein Krankheitssymptom entscheidet nicht über Kunst. Navratil sah beispielsweise Johann Hauser nur in der Manie zeichnen. Mit der richtigen Medikation gab es weder Manie noch Depression. Trotzdem waren die Bilder Hausers um nichts schlechter."

Feilacher trat 1986 Navratils Nachfolge an, er ist nicht nur Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, sondern selbst seit 20 Jahren Bildhauer. "Die Einmaligkeit des Ausdrucks, die eine Person findet, bestimmt die Kunst. Ob jemand krank ist oder nicht, macht diesbezüglich keinen Unterschied." Krankheit und Anleitung zum Malen reichen noch lange nicht aus, um Kunst entstehen zu lassen, ist Feilacher überzeugt. Er sieht sich neben seiner Funktion als Psychiater vor allem als künstlerischer Kollege und Helfer, der darauf achtet, dass die Gugginger qualitativ hochwertiges Material verwenden, ihre Werke in guten Galerien hängen und zu angemessenen Preisen verkauft werden.

Zehn Personen bewohnen momentan das Haus. Die räumlichen Verhältnisse sind immer noch beengt, ein Sechsbettzimmer wie zu Zeiten der Gründung gibt es keines mehr. Johann Garber, mit Wollhaube und Schlafrock bekleidet, begrüßt Besucher mit einem freundlichen: "Kommt's mit!" Er hat nichts dagegen, sein Zimmer zu zeigen. Er teilt es mit Heinrich Reisenbauer und Johann Korec, seine Privatsphäre beschränkt sich auf Bett, Kasten und das Stück Wand darüber. Trotzdem ist die Atmosphäre ruhig und friedlich, die drei wollten zu dritt in ein Zimmer, ihre Produktivität ist an Türrahmen, Wänden und vielen Bildern zu sehen. Abgesehen von der Gruppenstruktur, arbeitet jeder nach seinem eigenen Rhythmus. Johann Fischer zeichnet kontinuierlich nach dem Frühstück bis kurz vor dem Mittagessen, nur an Feiertagen pflegt er statt dessen zu baden. Johann Garber ist ein Nachtarbeiter. Wenn die anderen schlafen, nimmt er sein Radio und verzieht sich in den Gruppenraum, um zu zeichnen. Ganze Universen wie "Menschen im Paradies", eingebettet in eine Unzahl von Tieren, Blattwerk, Pflanzen und Mustern, oder fantastische Städte zaubert er akribisch kleinteilig auf ein Blatt. Untertags macht er Kleinformate. August Walla besteht auf einer Anzahlung, bevor er ein Werk beginnt, dann malt er alleine. Arnold Schmidt arbeitet am liebsten in der Galerie.

International gesehen haben die Gugginger den Gipfel erreicht: Neben Valie Export und Roland Rainer sind sie die einzigen Österreicher, die im Museum of Modern Art in New York hängen. In über 200 Ausstellungen waren sie bisher vertreten, weltweit sind sie die berühmtesten, noch lebenden Vertreter der Art brut. Auf dem Areal des Landeskrankenhauses ist eine Galerie untergebracht, in der Werke der Gugginger gezeigt und verkauft werden. Neben der Freude an der Kunst mit Sicherheit eine Investition in die Zukunft.

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