Digital In Arbeit

Himmelsgesang mit Feuer und Stimme

1945 1960 1980 2000 2020

Die Grazer Choralschola unter Franz Karl Prassl hat sich der Gregorianik verschrieben - und präsentierte unlängst ihre neue CD "Splendor Austriae".

1945 1960 1980 2000 2020

Die Grazer Choralschola unter Franz Karl Prassl hat sich der Gregorianik verschrieben - und präsentierte unlängst ihre neue CD "Splendor Austriae".

Den gregorianischen Choral kann man nicht hören, den muß man singen," ist Sabine Monschein (23) überzeugt. Als eine von vierzehn Stimmen frönt sie in der Grazer Chorschola der hohen Kunst des Chorals. Trotz sommerlicher Hitze wird eifrigst geprobt. Wie aus einer Kehle zu klingen, erfordert mehr als Übung und Gesangstalent. Der Gebetscharakter der Gregorianik braucht besondere Sänger. "Am besten, er kennt sich in Theologie und Liturgie aus, findet spirituell einen Zugang zum gesungenen Wort Gottes, analysiert die Musikhistorie und kann gut singen."

Der Anforderungskatalog, den Franz Karl Prassl an seine Sänger stellt, klingt fast unerfüllbar. Seit 1989 Professor für Gregorianik an der Hochschule in Graz, ist Prassl Perfektionist. Um dem Original nahezukommen, betreibt er Quellenforschung in einer Gesangsgattung, die älter ist als die Notenschreibung. Forschung tut not: Der übliche Letztstand ist etwa hundert Jahre alt. Gängige Editionen stammen aus der vorkonziliaren Zeit zwischen Jahrhundertwende und 1912.

Die Tradition der Gregorianik kommt aus dem frühen Mittelalter. Französische Mönche haben den altrömischen Gesang umgewandelt und so die spirituelle Musikrichtung "erfunden." Bis heute sind die Kompositionen in eigenen Notationszeichen, den Neumen, überliefert. Die Sänger müssen nicht nur Latein, sonder auch das Neumenlesen lernen. Da man früher die Melodien der Choräle kannte, zeichnete man nur ihre Interpretationen auf. Es gibt also keine Urfassungen. Will man den Klang eines alten Werkes rekonstruieren, muß man die Neumen aus verschiedenen Ländern und Epochen vergleichen. "Wir arbeiten in der Forschung mit statistischen Methoden, indem wir ältere Handschriften vergleichen und sie dekodieren," erklärt Prassl. In der karolingischen Epoche, als "die frühesten Aufzeichnungen europaweit aus dem Boden schossen," war die Gedächtnisleistung der Menschen sehr hoch. Es genügte, Interpretationstexte zu hinterlassen. Gesungen wurde einstimmig a capella. Da sich die Gregorianik stark auf die Liturgie ihrer Zeit stützt, und 90 Prozent der Texte aus der Bibel schöpft, erschließt sich ihre Spiritualität erst aus der Religion.

Erfolgserlebnis: wie ein Engelchor klingen Für Franz Karl Prassl das ideale Betätigungsfeld: schon immer zog es ihn zur Kirchenmusik. Mit zehn Jahren wünschte er sich, ins Internat des bischöflichen Gymnasiums zu kommen. Dort begleitete er täglich auf der Orgel die Messe. "So eine Praxisausbildung wünsch ich meinen Studenten." Voraussetzung für den wahren Klang ist für ihn, daß die Musiker sich in den Dienst der Liturgie stellen und auf die Musik und ihre Botschaft einlassen. Notfalls gilt der Leitsatz: "Nicht katholisch, musikalisch!"

Bei der Mannschaft der Grazer Choralschola trifft beides zu. Den Eindruck humorloser Betschwestern machen Sabine Monschein (23), Christina Geßlbauer (29) und Schwester Vera nicht, wenn sie an einem heißen Sonntag zur Probe nach Stift Rein fahren. "Ich wäre heute lieber im Schwimmbad", gibt Sabine, Studentin der Kirchenmusik, zu. Sie ist in ein kurzes, rotes Sommerkleid gekleidet. Passend dazu hat sie ihre Haare färben lassen. Die dürfen bleiben, das Kleid wird für den Konzertabend gewechselt.

Das Auftrittsgewand ist feierlich schwarz, genau wie die Kutte der Schwester, die sich nach der weißen Tracht der Mission sehnt. Für ein Video haben sich einmal alle in Kutten geworfen. "Die Sabine hat am besten ausgeschaut," macht Vera der Fahrerin ein Kompliment. "Ich halte die Proben nur aus, weil die Gruppe so lässig ist", meint Sabine. "Brems dich ein," mahnt die Schwester. Sabine fährt mehr als flott. Alle lachen. Vorfreude auf die Probe kommt auf.

Gregorianischen Choral zu singen, kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Geprobt wird lang und intensiv. Blockweise vor den Konzerten. Das Erfolgserlebnis, wie ein Engelchor zu klingen, belohnt für "geopferte" Wochenenden. "Es macht schon Spaß, sonst täte man sich das nicht an," meint Christina. "Wir sind nicht die Gruppe, wo man sich als Zaungast wohlfühlt. Man muß sich schon ganz einlassen" ergänzt Sabine. "Der Choral wird erst interessant, wenn man seine Gesetze begriffen hat." Christina ist von Anfang an dabei. Auch sie hat Kirchenmusik studiert. Bei der Neugründung eines gregorianischen Chorals war sie gleich Feuer und Stimme. "Ich wollte wissen, ob wir das überhaupt zusammenbringen." Das erste Konzert im Advent 1992 hat es bewiesen.

Viereinhalb Stunden vor Konzertbeginn steht der Chor vollzählig in einem modrig riechenden Raum des Stiftes Rein. Zuerst werden Tische beiseite gerückt. "Wir haben alle unser ältestes Gewand an, weil wir sonst so nach Gruft riechen," lacht Ulkrike Prassl, die auch stimmlich harmonierende Ehefrau des Chorleiters. "Panem et circenses," scherzt sie akademisch beim Aufbau von Brot, Saft und Aufstrich für die Pause.

Zuerst wird aber noch am Stück gefeilt. "Bei ,Scripsit', da ist oben keine Bremse!" Wort für Wort, Silbe für Silbe unterbricht Prassl, singt vor und gibt Anweisungen. ",Nullus' hat eine flotte, lockere erste Note!" Die Sänger ergänzen die mittelalterlichen Neumen in ihren Blättern durch individuelle Anmerkungen. Es geht um Johannes, den Täufer. "Er war schon a schöne Leich, jetzt ist er tot!" Ein Prassl-Kommentar zur Bibel, dieser ist ein Lacherfolg. "Raufschwingen müssen wir uns zum Zacharias!" Noch klingt die Stelle nicht leicht genug, bald haben es die 14 Stimmen begriffen. "Jawohl, jetzt hammas!" Chorleiter Prassl lobt, motiviert, deutet, singt vor und legt eine Pause ein, wenn alle erschöpft sind.

Die Arbeit zahlt sich aus, die Qualität des Chores hat sich herumgesprochen. Auch die Ohren von Hubert Gaisbauer, dem Chef der Abteilung Religion im Hörfunk, erfreuten sich am Gesang. Die Idee zur CD - der neuen, "Splendor Austriae", ging bereits erfolgreich "Introitus" voraus - entstand, wie viele gute Ideen, bei einem gemütlichen Bier. So können nun alle, die ein Stück Himmel hören möchten, mit dem Kauf einer CD ins ahnungsvolle Schwingen kommen.

Die CD "Splendor Austriae" ist im ORF-Shop in der Argentinierstraße und im ausgesuchte Fachhandel um 249 Schilling erhältlich.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau