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Historische Neueinstudierung

Am Freitag dieser Woche eröffnet das Wiener Theater in der Josefstadt seine neue Probebühne - unter anderem mit einem Symposion, welches sich mit der Geschichte des traditionsreichen Privattheaters von der Ära Max Reinhardt bis zur NS-Übernahme befasst.

"Es sind die besten Bedingungen gegeben, ein geniales Publikum, ausgezeichnete Schauspieler, ein akustisch unvergleichliches Gebäude, kostbar wie ein altes Instrument", so schrieb Max Reinhardt, als er im Jahr 1923 beschloss, das Theater in der Josefstadt zu übernehmen.

Nun eröffnet das Haus diesen Freitag, den 28. November 2008, (u. a. mit einer Lesung aus unveröffentlichten Dokumenten aus den Nachlässen von Max Reinhardt und Ernst Lothar, die sich beide in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek befinden) die Probebühne als dritten Spielort.

Probebühnen sind prinzipiell nicht für die Öffentlichkeit gedacht, aber im Theater in der Josefstadt soll sie ein öffentlicher Raum sowie Ort der kritischen Selbstbefragung werden. Das hat Geschichte im Theater in der Josefstadt, denn schon 1926 gab es hier ein "Theater des Neuen". So nannte sich die Bühne für "junge Literatur", die der Reinhardt-Schauspieler und Regisseur Herbert Waniek leitete. In Absprache mit Reinhardt spielte er etwa Bertolt Brechts "Baal", die Bandbreite sollte bis hin zu Alexander Lernet-Holenia reichen. Waniek war 1924 ans Theater in der Josefstadt gekommen, das sich unter Reinhardt zu einer ernsthaften Konkurrenzbühne für das Burgtheater entwickelte.

"Theater für Eliten"

Unter der Devise, dass der Blick in die Vergangenheit den Blick für die Zukunft schärfe, sucht das Theater in der Josefstadt nun im Bedenkjahr 2008 Klarheit über die eigene Geschichte vor 70 Jahren. Der designierte Chefdramaturg Gerald M. Bauer und die Theaterwissenschafterin Birgit Peter haben die Eröffnung der Probebühne zum Anlass genommen, jene bedeutende Phase des Theaters, in der es sich zu einem "Theater für Eliten" entwickelte, näher zu betrachten und ein Symposium zur Frage auszurichten, was 1938 mit dem traditionsreichen Wiener Privattheater geschehen war.

"Gerade wegen der starken Tradition der Josefstadt sollte man einmal dort hinsehen, wo noch nicht viel erforscht wurde. So ein Symposium ist wichtig, vor allem weil der Arisierungsvorgang im Theater in der Josefstadt sehr schleichend und speziell erfolgte. Aber es wird auch das Thema Elitenforschung bedient, also die Frage nach Schauspielergrößen, die von den Nazis eingesetzt und gebraucht wurden. Auch kann man am Theater in der Josefstadt ablesen, wie das Netz im Austrofaschismus immer enger wurde und wie die NS-Machtergreifung funktionierte. Und natürlich geht es auch darum, wo Aspekte der Tradition bedeutend sind. Wir wollen einfach endlich mal darüber reden, ohne einen Künstler in seinem Verhalten oder Vorgehen zu pathologisieren, sondern es soll möglich sein, dass man einfach darüber spricht", so Bauer zu den theaterhistorischen Erkundungen.

Wechselnde Spielplanpolitik

Dabei wird es im Symposium auch darum gehen, wie Reinhardt das Theater prägte und wie es unter seinen Subdirektoren aussah, denen er die Leitung des Hauses während seiner langen Abwesenheiten übergab. Unter ihnen wechselte immer wieder die Spielplanpolitik: Während der bis heute unterschätzte Emil Geyer eher im Sinne Reinhardts auf klassisch-literarisches Theater setzte, konzentrierte sich Otto Preminger auf Boulevardstücke und Gesellschaftskomödien und brachte die Kassen zum Klingeln. Was bei dem hochkarätigen Ensemble nicht schwierig war, denn neben Reinhardts Frau Helene Thimig zählten Adrienne Gessner, Anton Edthofer, Attila Hörbiger, Paula Wessely und ab 1933 der aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Wien emigrierte Albert Bassermann zu den Stars. Preminger verließ 1936 Wien, um in Hollywood seine Karriere als Filmregisseur fortzusetzen, und Ernst Lothar, der im Burgtheater durch die Initiation einer Grillparzer-Renaissance aufgefallen war, pachtete die verschuldete Bühne. Nun war er Direktor eines Hauses, das weiter unter dem Titel "Die Schauspieler im Theater in der Josefstadt unter der Führung von Max Reinhardt" geleitet wurde.

Reinhardt hatte sich das Recht auf mindestens zwei Inszenierungen an der Josefstadt pro Saison vorbehalten. Shakespeares "Wintermärchen" war ebenso geplant wie Nestroys "Lumpazivagabundus" oder Goethes "Egmont" mit Paula Wessely, Attila Hörbiger und Albert Bassermann. Dazu kam es - wie so oft bei den vielen Verpflichtungen Reinhardts - nicht. Er verabschiedete sich 1937 mit der Inszenierung von Franz Werfels "In einer Nacht" aus Europa.

Mit Lessing gegen den "Anschluss"

Und auch Ernst Lothar, dessen Direktion trügerisch mit Henry Bernsteins "Hoffnung" begonnen hatte, musste ein halbes Jahr später in die Schweiz emigrieren. Lothar lag mit seinem Spielplan wohl allzu richtig im Kulturkonzept von Schuschniggs Regierung. Mit Laverys Jesuitenstück "Die erste Legion", Grillparzers "Ein treuer Diener seines Herrn" oder Mells "Apostelspiel" hatte er Staat und Kirche auf seiner Seite und affirmierte jene Österreich-Ideologie, die von der Regierung propagiert wurde. Doch Lothar warnte auch über seine Stückauswahl vor dem, was tatsächlich kam: Mit Lessings "Nathan der Weise" wollte er den Aspekt der Toleranz betonen, mit Bruckners "Napoleon I." vor dem "Anschluss" warnen. Schon am 20. März 1938 übernahm der Nationalsozialist Robert Valberg interimistisch die Leitung des Theaters, zahlreiche Stars jüdischer Herkunft wurden vom Dienst suspendiert. Das gesamte Reinhardt-Imperium - mit dem Deutschen Theater Berlin und den Salzburger Festspielen - leitete in der Folge Heinz Hilpert.

Die Bedeutung emigrierter Künstler für die Geschichte des Hauses sowie das Spannungsfeld zwischen Vertreibung und Anpassung schließen das Symposion ab.

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