Höchst prominent an Bizets Meisterwerk vorbei

Mit Bizets "Carmen“, die bei den Sommerfestspielen wiederholt wird, verabschiedeten sich die Berliner Philharmoniker von den Salzburger Osterfestspielen. Ein enttäuschend-mäßiges Finale.

Nach 45 Jahren machen sie Schluss. Egal ob der seinerzeitige Finanz-skandal dafür der Grund war oder nur willkommener Anlass: die Berliner Philharmoniker haben sich entschieden, künftig zu Ostern nicht mehr in Salzburg, sondern in Baden-Baden aufzutreten. Sie ziehen sich damit von diesem von ihrem einstigen Chefdirigenten Herbert von Karajan 1967 eigens für sie initiierten Salzburger Festspiel zurück. Die Osterfestspiele gehen selbstverständlich weiter - nur eben mit neuen Namen und Akzenten, die nicht ganz zufällig an ihre Anfänge erinnern. So wie Karajan seinerzeit mit Wagner, der "Walküre“, begonnen hatte, startet auch das künftige Residenzorchester der Osterfestspiele, die Staatskapelle Dresden, mit einem Werk des Bayreuther Meisters: "Parsifal“.

Schließlich ist 2013 ein Wagner-Jahr - und an der Spitze des Dresdner Orchesters steht mit Christian Thielemann einer der führenden Interpreten dieses Komponisten. Er wird auch zwei der (wie bisher drei) Orchesterprogramme - eines mit dem Brahms-Requiem, ein weiteres mit einer Henze-Uraufführung - leiten und mit dem Ersten Gastdirigenten der Dresdner, Myung-Whun Chung, ein "Konzert für Salzburg“ mit Wagner und Verdi dirigieren.

Kammermusikalische Ambitionen

Diese Salzburger Ostern aber gehörten noch einmal den (vom Wiener Staatsopernchor und Salzburger Festspiele Kinderchor vokal assistierten) Berlinern und ihrem Chef, Sir Simon Rattle. Zum Abschied fiel seine Wahl auf Bizets "Carmen“. Nicht das einzige Bühnenwerk des französischen Komponisten, aber jenes, das ihn berühmt gemacht hat und zu den am meisten aufgeführten Opern zählt. Schwierig zu interpretieren, nicht nur wegen der Popularität.

Alleine die Frage, welche der Fassungen man wählen soll, lässt sich unterschiedlich beantworten. Wenigstens das hat man bei dieser Koproduktion mit den Sommerfestspielen und dem Madrider Teatro Real überzeugend gelöst: nämlich eine mit gesprochenen Dialogen. Damit wird deutlich, dass Bizet diesen Vierakter zu Recht als Opéra comique bezeichnet hat - was nicht der Fall gewesen wäre, hätte er sich für Rezitative anstelle von Dialogen entschieden. Kammermusikalisch, ließ Rattle im Vorfeld verlauten, wolle er diese Oper interpretieren. Dafür hätte er von seinen Musikern einen transparenteren und flexibleren Klang fordern müssen, der auch auf die unterschiedlichen Sängercharaktere Rücksicht nimmt. Aber die Berliner sind nun einmal in der Hauptsache ein exzellentes Konzertorchester, auch Rattle fühlt sich im Konzert mehr zu Hause als im Musiktheater, wo es gilt, auf ein immer wieder wechselndes Bühnengeschehen Rücksicht zu nehmen. Gerade wenn sich eine Inszenierung - wie diese von Aletta Collins, die auch für die unpassenden Balletteinlagen vor Stückbeginn verantwortlich zeichnete - vor allem auf Bilder konzentriert, weit weniger auf die Charakterisierung der Personen und deren Entwicklung, sollte dies durch eine spannungsvolle musikalische Regie ausgeglichen werden. Das blieb diesmal Wunschdenken.

Aber auch, dass Don José im Laufe des Geschehens vielfältige Wandlungen durchmacht, kam in der - nicht selten mit unterschiedlich passender Kopfstimme bewältigten - Gestaltung durch Jonas Kaufmann nicht heraus. Magdalena Koˇzená in der Titelpartie blieb, abgesehen von ihrer dafür zu kleinen Stimme, die mit dieser Rolle sonst verbundene packende Leidenschaft ebenso schuldig wie verführerisches Raffinement. Rundum überzeugend dafür die anfangs unerwartet als eine Art Sanitäterin (Kostüme: Gabrielle Dalton) auftretende Micaëla von Genia Kühmeier. Sie beeindruckte durch Natürlichkeit im Auftreten, geschmeidige Phrasierung, klare Artikulation - ganz wie man es sich auch von den übrigen Festspielkünstlern erwartet hätte.

In der U-Bahn-Passage

Was Kostas Smoriginas für den Escamillo prädestiniert hat, vermochte man wenigstens am Premierenabend nicht zu erkennen - sicherlich nicht stimmliche Durchschlagskraft. Christian Van Horn als (in dieser Inszene offensichtlich getöteter) Zuniga mangelte es ebenso an gestalterischem Eigenprofil wie Andrè Schuen, der als Moralès gleichermaßen farblos blieb. Frasquita und Mercédès (rollendeckend Christina Landshamer und Rachel Frenkel) durften sich, offensichtlich eine Pointe, im Zwillingsschwestern-Outfit präsentieren. Ebenso rätselhaft, was die Bühnenbildnerin Miriam Buether, die grundsätzlich immer nur einen Ausschnitt der Bühne des Großen Festspielhauses nutzte, dazu inspiriert hat, den dritten "Carmen“-Akt in einer Art U-Bahn-Passage spielen zu lassen - noch dazu im Gegensatz zu den übrigen, realistisch-konventionell bebilderten Akten …

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