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Feuilleton

Horvath mit allen Facetten ist geglückt

1945 1960 1980 2000 2020

Andrea Breth gelang eine der besten Inszenierungen des schwierigen Stücks "Der Jüngste Tag".

1945 1960 1980 2000 2020

Andrea Breth gelang eine der besten Inszenierungen des schwierigen Stücks "Der Jüngste Tag".

Sie sollten, dachte ich auf dem Weg ins Burgtheater, lieber wieder einmal die "Italienische Nacht" spielen, das Stück, in dem Ödön von Horvath zeigt, wie eine Partei die Sturmzeichen der Zeit verschläft. Das wäre aktuell. Aber "Der Jüngste Tag", an dem die Theater mehr oder weniger ehrenhaft zu scheitern pflegen? Ich wurde eines Besseren belehrt. "Der Jüngste Tag" ist nicht nur eine berührende Dichtung und ein psychologisches Dokument, das einiges über Horvath verrät. Er ist auch ein aktuelles politisches Stück, denn anderenfalls ließe er sich nicht so überzeugend als solches inszenieren.

Dies muss sofort relativiert werden. Denn im Burgtheater kann man nicht nur besichtigen, wie "Der Jüngste Tag" inszeniert werden kann, ohne dass sich irgend ein Einwand gegen die Aufführung fände. In der Inszenierung von Andrea Breth findet nicht nur ein perfektes Zusammenspiel subtiler Schauspielkunst statt. Sie ist auch offen für verschiedene Deutungen. Die Regisseurin brachte das Kunststück fertig, sich auf keine der möglichen Sichtweisen festzulegen, dem Zuschauer keine von ihnen aufs Auge zu drücken, sondern es ihm zu überlassen, wie er diesen Horvath verstehen will. Dies, ohne dass der Abend unentschieden wirkt, Andrea Breth in ihren Absichten schwankt.

Der mystische Horvath, der die Toten miteinander und zu den Lebenden reden lässt, freilich nur wenn sie dies selber wollen, der aber nicht da-rauf festgelegt werden kann, weil die Stimmen der Toten ja auch die innere Stimme des Bahnhofsvorstehers Hudetz sein können, kommt hier also genauso zu seinem Recht wie der unbestechliche politische Beobachter. Das Stück entstand bereits in der NS-Zeit und "Der Jüngste Tag" ist auch eine geradezu atemberaubende Studie vom Anpassungszwang in der Kleinstadt.

Nach dem Zugsunglück mit 18 Toten weiß man noch nicht genau, ob die Kleinstädter den Stationsvorsteher Hudetz in der Luft zerfetzen werden. Doch nach Annas Aussage, dass er das Signal rechtzeitig gestellt hat, kehrt er im Triumph aus der Untersuchungshaft heim. Dann wendet sich das Blatt, und Horvaths Meisterschaft erweist sich darin, dass man die politischen Parallelen verstehen oder auch überhören kann, ganz, wie man will. Die Außenseiter bleiben jedenfalls immer Außenseiter. Horvath schrieb das Stück in der Emigration. Er war noch dabei, seinen Sündenfall, den in der Sorge um die nackte Existenz gestellten Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer, zu verarbeiten.

Keine schauspielerische Schwachstelle. Peter Simonischek zeigt, wie man sein Gewissen betäubt und dabei ganz starr wird, fast ein lebender Toter. Johanna Wokalek ist die zerbrechlichste und berührendste Anna, die seit langem gesehen ward. Libgart Schwarz ist eine köstliche Kleinstadt-Tratschen, Elisabeth Orth aber gelingt der Bogen von der düsteren vernachlässigten Ehefrau zur Verkörperung des Prinzips unbedingter Gradheit. Nicholas Ofczarek ist ein erstaunlich vielschichtiger Bräutigam Ferdinand, Wolfgang Gasser beherrscht die subtilen Nuancen eines sehr österreichischen Staatsanwalts.

So gut wie in dieser Inszenierung wurde "Der Jüngste Tag" in Wien noch kaum je gesehen, besser gewiss noch nie. Auch noch nie fast drei Stunden lang - dabei ohne Längen, mit durchgehaltener Spannung. Ohne den Raum von Susanne Raschig, ihre wüste, aber hochästhetische Zwischenwelt zwischen Traum und Wirklichkeit, Welt des Stücks und Welt der dreißiger Jahre, wäre sie trotzdem lang nicht so gut, wie sie ist.

Sie sollten, dachte ich auf dem Weg ins Burgtheater, lieber wieder einmal die "Italienische Nacht" spielen, das Stück, in dem Ödön von Horvath zeigt, wie eine Partei die Sturmzeichen der Zeit verschläft. Das wäre aktuell. Aber "Der Jüngste Tag", an dem die Theater mehr oder weniger ehrenhaft zu scheitern pflegen? Ich wurde eines Besseren belehrt. "Der Jüngste Tag" ist nicht nur eine berührende Dichtung und ein psychologisches Dokument, das einiges über Horvath verrät. Er ist auch ein aktuelles politisches Stück, denn anderenfalls ließe er sich nicht so überzeugend als solches inszenieren.

Dies muss sofort relativiert werden. Denn im Burgtheater kann man nicht nur besichtigen, wie "Der Jüngste Tag" inszeniert werden kann, ohne dass sich irgend ein Einwand gegen die Aufführung fände. In der Inszenierung von Andrea Breth findet nicht nur ein perfektes Zusammenspiel subtiler Schauspielkunst statt. Sie ist auch offen für verschiedene Deutungen. Die Regisseurin brachte das Kunststück fertig, sich auf keine der möglichen Sichtweisen festzulegen, dem Zuschauer keine von ihnen aufs Auge zu drücken, sondern es ihm zu überlassen, wie er diesen Horvath verstehen will. Dies, ohne dass der Abend unentschieden wirkt, Andrea Breth in ihren Absichten schwankt.

Der mystische Horvath, der die Toten miteinander und zu den Lebenden reden lässt, freilich nur wenn sie dies selber wollen, der aber nicht da-rauf festgelegt werden kann, weil die Stimmen der Toten ja auch die innere Stimme des Bahnhofsvorstehers Hudetz sein können, kommt hier also genauso zu seinem Recht wie der unbestechliche politische Beobachter. Das Stück entstand bereits in der NS-Zeit und "Der Jüngste Tag" ist auch eine geradezu atemberaubende Studie vom Anpassungszwang in der Kleinstadt.

Nach dem Zugsunglück mit 18 Toten weiß man noch nicht genau, ob die Kleinstädter den Stationsvorsteher Hudetz in der Luft zerfetzen werden. Doch nach Annas Aussage, dass er das Signal rechtzeitig gestellt hat, kehrt er im Triumph aus der Untersuchungshaft heim. Dann wendet sich das Blatt, und Horvaths Meisterschaft erweist sich darin, dass man die politischen Parallelen verstehen oder auch überhören kann, ganz, wie man will. Die Außenseiter bleiben jedenfalls immer Außenseiter. Horvath schrieb das Stück in der Emigration. Er war noch dabei, seinen Sündenfall, den in der Sorge um die nackte Existenz gestellten Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer, zu verarbeiten.

Keine schauspielerische Schwachstelle. Peter Simonischek zeigt, wie man sein Gewissen betäubt und dabei ganz starr wird, fast ein lebender Toter. Johanna Wokalek ist die zerbrechlichste und berührendste Anna, die seit langem gesehen ward. Libgart Schwarz ist eine köstliche Kleinstadt-Tratschen, Elisabeth Orth aber gelingt der Bogen von der düsteren vernachlässigten Ehefrau zur Verkörperung des Prinzips unbedingter Gradheit. Nicholas Ofczarek ist ein erstaunlich vielschichtiger Bräutigam Ferdinand, Wolfgang Gasser beherrscht die subtilen Nuancen eines sehr österreichischen Staatsanwalts.

So gut wie in dieser Inszenierung wurde "Der Jüngste Tag" in Wien noch kaum je gesehen, besser gewiss noch nie. Auch noch nie fast drei Stunden lang - dabei ohne Längen, mit durchgehaltener Spannung. Ohne den Raum von Susanne Raschig, ihre wüste, aber hochästhetische Zwischenwelt zwischen Traum und Wirklichkeit, Welt des Stücks und Welt der dreißiger Jahre, wäre sie trotzdem lang nicht so gut, wie sie ist.