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Ich bin ganz am Leben

Eine "vernichtende Kampagne gegen den Tod“ plante Elias Canetti und schrieb jahrelang an seinem nun posthum veröffentlichten Werk, ohne ersten Satz, ohne Konzept.

Elias Canetti notiert 1951 folgende Worte über seine Auseinandersetzung mit dem Tod: "Heute, an Allerseelen, gelobe ich mir, daß dieses Stück, allen Toten gewidmet, und allen, die noch sterben müssen, bald und stark fertig werden wird. Es soll so werden, daß jeder es versteht und daß ich mich vor niemand dafür schämen muß. Denn wenn ich dieses Stück, meine erste verbindliche Stellungnahme zum Tod, nicht fertig hinterlasse, habe ich nicht gelebt ... ich anerkenne nicht den Tod.“ Keinesfalls wollte er, dass es zu seinen Lebzeiten publiziert werde. Er wolle nicht rücksichtslos sagen können, was er denke, aber für seine Worte kämpfen, das wolle er nicht mehr.

Sein posthum veröffentlichtes Werk, das gemeinsam mit Canettis Tochter Johanna für diese Edition vorbereitet worden ist, ist kein geschlossenes Stück geworden. Es handelt sich vielmehr um dichte anthropologisch, philosophisch und historisch getränkte Aufzeichnungen, die zu ca. zwei Drittel bislang unveröffentlicht, teilweise aber auch bereits publiziert worden sind, um etwa die Bedeutung gewisser Gedanken herauszustreichen und das abzurunden, was Elias Canetti sein ganzes Leben lang beschäftigt hat. Die erstdatierten gehen auf das Jahr 1942 zurück, die letzten schreibt er 1994, im Jahr seines Todes. Diese Notate wachsen sich aus zu einer Sammlung von Statements mit aphoristischem Charakter, darunter sind Gedanken, Zitate aus verschiedenen Kulturen und Religionen, philosophische Reflexionen über den Tod, wie man ihm in Kultur, Literatur, Geschichte und vor allem auch in der Politik auf der ganzen Welt begegnet. Auf jeden Fall sollte es eine "vernichtende Kampagne gegen den Tod“ werden, ohne ersten Satz, wie Peter von Matt in seinem erhellenden Nachwort verrät. Canetti hat an diesem Werk Jahre seines Lebens geschrieben, ohne je ein "Konzept für das Ganze“ gehabt zu haben. Der Tod war ihm geradezu verhasst, seine Erlegung sollte wie ein "Maskenfest“ sein.

Annäherung an den Tod

In Johann von Tepls frühhumanistischem Werk "Der Ackermann aus Böhmen“ lehnt sich ein Ackermann in einem Streitgespräch heftig gegen den Schnitter auf. Während Tepl einen rhetorischen Disput nach antikem Vorbild präsentiert, in dem der Ackermann einen persönlichen Verlust beklagt, legt Canetti seinen Text breiter an. Wie bei Tepl bestärkt ein individueller Schmerz seinen Wunsch, ein "Buch über den Tod zu schreiben“. Auf jeden Fall will er eine "vollständige Auseinandersetzung“ mit dem Tod, sozusagen "Gerechtigkeit“, kein "parteiisches Gekläff“. Canetti geht es um die allgemeine Rolle des Todes in unserer Gesellschaft und in unserem Leben, um dessen Funktion im Laufe der Geschichte.

Das "Totenbuch“ zu Beginn führt zu den "Sternenfriedhöfen“ und zum Zählen von Toten, das Peter von Matt anschaulich analysiert: "Canetti erkennt vielleicht als erster die Inhumanität, die im Akt des Zählens selbst liegt. Dieser Akt vernichtet die Würde des einzelnen Todes, er bringt jeden Gefallenen ein zweites Mal um. Der tote Soldat wird zur Stelle einer Statistik. Als ein Individuum mit Namen und Schicksal gibt es ihn nicht mehr.“ Die Aufzeichnung vom 26. August des Jahres 1942 nimmt Bezug auf Stalingrad, auf den Kampf und die unzähligen Leichen. Die Feldverbrennungsöfen sollen Feldküchen geähnelt haben. Der Tod "panzert sich. Er ist explosiv.“ "Waggonweise“ werden Menschen "in den Tod geschickt“. Schon damals schreibt der Pazifist und Atheist Canetti, dass es sein ernsthaftes Ziel sei, "die Unsterblichkeit für die Menschen“ zu erlangen. "Wer könnte dann noch aufs Morden verfallen, wenn nichts umzubringen wäre?“

Wie umfassend er sich dem Thema nähert, zeigt auch die Auseinandersetzung mit dem alten Tantaliden-Mythos: Elektra, Klytämnestra, Orest - der Mord in der Tragödie des Sophokles, in der "alle Elemente des Sterbens und des Todes enthalten“ sind. Canetti erwähnt Andenken, Rache, Unerschrockenheit, Ergebung und Angst vor dem Tod. Sein hartes Urteil gegen Kleist, den Selbstmörder: "Die Schuld des Mörders oder gar des Selbstmörders ist für mich unermeßlich und durch nichts je abzubüßen.“

Zuwendung zum Leben

Dann sind da auch noch Scham und Schmerz des jüdischen Überlebenden. Canetti hat anders als unzählige andere die Chance zur Emigration gehabt. Dazu heißt es bei ihm: "O Schande, Schande, dass ich alle Opfer überlebt habe. War ich im geschlagenen Madrid, war ich in der Pariser Flucht, war ich in Auschwitz? Hab ich genug getan, hab ich gerechtfertigt, daß ich nur Zeuge, nicht Opfer war, darf ich am Leben sein, und wird das Ergebnis dieses Lebens an den künftigen Schrecken das Geringste ändern?“

Persönliches fließt ein, der Tod der Mutter, deren "Worte er wiederhaben“ will oder die Erinnerung an seine erste Frau Veza, dann wieder Bestattungsriten wie beispielsweise das "Himmelsbegräbnis in Tibet“, die Erinnerung Else Gebels an die letzte Nacht vor der Hinrichtung ihrer Mitgefangenen Sophie Scholl, die "tief und fest schläft“ und ihr in der Früh den Traum von ihrem Kind, ihrer Idee, erzählt. Seuchen wie die Pest in Byzanz, die unzählige Menschen hinweggerafft hat, die Todesaffinität der Romantiker, die ihm suspekt ist, die Religionen, Heiligenlegenden, deren Figuren "durch keine Moderne auflösbar“ seien, die Rolle Saddam Husseins, der seine Macht nährt, indem er "massenhaft andere tötet“ und die daraus resultierende Frage, ob er sich selbst als Opfer bringen müsse. Die Aspekte, die Canetti hier bietet, sind vielfältig und seine Zuwendung zum Leben ist dabei so dominant, dass er sagen kann: "Ich bin ganz am Leben.“

Canettis Aufzeichnungen sind nicht geeignet zur schnellen Lektüre, sondern fordern vielmehr zum Nach- und Weiterdenken auf; sie zeigen sich zum Teil feinsinnig, dann aber auch durchaus radikal. Auf jeden Fall präsentiert Canetti interessante Denkanstöße. Seine Reflexionen bestechen vor allem durch ihren immensen Facettenreichtum. Canetti macht deutlich, wie viel mit dem Tod verbunden und wie präsent er in unserem Leben eigentlich ist. "Die einzigen, denen der Tod nicht so viel antut, sind die absoluten Dichter, den unverwüstlich sind ihre Figuren.“

Das Buch gegen den Tod

Von Elias Canetti, mit einem Nachwort von Peter von Matt, Hanser 2014.

352 Seiten, gebunden, E 25,60

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