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Feuilleton

"Ich bin wirklich nicht in der Verfassung"

1945 1960 1980 2000 2020
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Im deutschen Feuilleton spricht man vom Reich-Ranicki-Effekt: Vor sieben Jahren verweigerte der legendäre Literaturkritiker, angewidert von dem sich ihm bietenden Spektakel, vor laufenden Kameras spontan die Annahme des Deutschen Fernsehpreises. Ähnliches tat nun der Rockmusiker Andreas Kümmert bei der deutschen Vorausscheidung zum kommenden Eurovisions Song Contest: Vom Publikum mit großem Vorsprung zum Sieger gekürt, lehnte er die Lorbeeren mit den lapidaren Worten ab: "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen." Normalerweise wäre die Tatsache, dass ein deutscher Kandidat sein Land nicht am Eurovision Song Contest vertreten wird, in Österreich keine Meldung wert. Doch der ESC findet am 23. Mai in Wien statt. Vor allem aber ist es bemerkenswert, dass ein Musiker auf dem bisherigen Gipfelpunkt seiner Karriere dem Showbusiness eine derartige Ohrfeige verpasst. Es mag andere Gründe für Kümmerts Rückzug geben: In den alten und neuen Medien jedoch wurde sofort der Mythos geboren von einem, der im grellen Scheinwerferlicht jäh erkannte, dass er da nicht hingehört, und der daraus sofort und ohne Rücksicht auf Verluste die Konsequenz zog. Der 28-Jährige, der seit seiner Schulzeit als Sänger, Schlagzeuger und Gitarrist in verschiedenen Bands tätig war, kann tatsächlich auf eine bescheidene Musikerlaufbahn zurückblicken: Seit 2010 veröffentlichte er drei professionell produzierte CDs. 2013 gewann er die dritte Staffel der Gesangs-Castingshow "The Voice of Germany" und stieß in die Charts vor, auch in die österreichischen. Der Auftritt beim ESC schien der nächste logische Schritt zu sein. Doch das ist offenbar nicht Kümmerts Welt. Seine musikalischen Wurzeln liegen in der Rockmusik der 1960erund 1970er-Jahre, er sieht sich also vermutlich als Art Rebell, der nichts mit dem Establishment zu tun haben will. Auch dem Äußeren nach - Übergewicht, Glatze, Rauschebart, schlabbrige Kleidung - entspricht er nicht den Normen des Popgeschäfts. "Er ist kein einfacher Mensch, er lebt in seinen Liedern, aber die Musikindustrie ist ihm zuwider", gab der Produzent von Kümmerts zweitem Album zu Protokoll. Dieser Ekel, so die Mär, scheint ihn bei der deutschen Vorausscheidung überkommen zu haben: Eigentlich möchte er ernsthafte Rockmusik machen, konnte aber die geballte Oberflächlichkeit der Veranstaltung und den ganzen Glitzer plötzlich nicht mehr ertragen. ESC ist auch die Abkürzung für "Escape" - Flucht.

Im deutschen Feuilleton spricht man vom Reich-Ranicki-Effekt: Vor sieben Jahren verweigerte der legendäre Literaturkritiker, angewidert von dem sich ihm bietenden Spektakel, vor laufenden Kameras spontan die Annahme des Deutschen Fernsehpreises. Ähnliches tat nun der Rockmusiker Andreas Kümmert bei der deutschen Vorausscheidung zum kommenden Eurovisions Song Contest: Vom Publikum mit großem Vorsprung zum Sieger gekürt, lehnte er die Lorbeeren mit den lapidaren Worten ab: "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen." Normalerweise wäre die Tatsache, dass ein deutscher Kandidat sein Land nicht am Eurovision Song Contest vertreten wird, in Österreich keine Meldung wert. Doch der ESC findet am 23. Mai in Wien statt. Vor allem aber ist es bemerkenswert, dass ein Musiker auf dem bisherigen Gipfelpunkt seiner Karriere dem Showbusiness eine derartige Ohrfeige verpasst. Es mag andere Gründe für Kümmerts Rückzug geben: In den alten und neuen Medien jedoch wurde sofort der Mythos geboren von einem, der im grellen Scheinwerferlicht jäh erkannte, dass er da nicht hingehört, und der daraus sofort und ohne Rücksicht auf Verluste die Konsequenz zog. Der 28-Jährige, der seit seiner Schulzeit als Sänger, Schlagzeuger und Gitarrist in verschiedenen Bands tätig war, kann tatsächlich auf eine bescheidene Musikerlaufbahn zurückblicken: Seit 2010 veröffentlichte er drei professionell produzierte CDs. 2013 gewann er die dritte Staffel der Gesangs-Castingshow "The Voice of Germany" und stieß in die Charts vor, auch in die österreichischen. Der Auftritt beim ESC schien der nächste logische Schritt zu sein. Doch das ist offenbar nicht Kümmerts Welt. Seine musikalischen Wurzeln liegen in der Rockmusik der 1960erund 1970er-Jahre, er sieht sich also vermutlich als Art Rebell, der nichts mit dem Establishment zu tun haben will. Auch dem Äußeren nach - Übergewicht, Glatze, Rauschebart, schlabbrige Kleidung - entspricht er nicht den Normen des Popgeschäfts. "Er ist kein einfacher Mensch, er lebt in seinen Liedern, aber die Musikindustrie ist ihm zuwider", gab der Produzent von Kümmerts zweitem Album zu Protokoll. Dieser Ekel, so die Mär, scheint ihn bei der deutschen Vorausscheidung überkommen zu haben: Eigentlich möchte er ernsthafte Rockmusik machen, konnte aber die geballte Oberflächlichkeit der Veranstaltung und den ganzen Glitzer plötzlich nicht mehr ertragen. ESC ist auch die Abkürzung für "Escape" - Flucht.