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Feuilleton

"Ich habe trachten müssen zu pactiren"

1945 1960 1980 2000 2020

Sie schrieb Texte mit erstaunlicher Sozialkritik und einem äußerst sensiblen Blick für die Situation von Frauen. Eine Leseausgabe mit Werken Marie von Ebner-Eschenbachs präsentiert nun auch weniger bekannte Texte und neue Zugänge zu ihrem Werk.

1945 1960 1980 2000 2020

Sie schrieb Texte mit erstaunlicher Sozialkritik und einem äußerst sensiblen Blick für die Situation von Frauen. Eine Leseausgabe mit Werken Marie von Ebner-Eschenbachs präsentiert nun auch weniger bekannte Texte und neue Zugänge zu ihrem Werk.

Abgesehen davon, dass es ein reines Lesevergnügen ist, hat sie uns einen unmittelbaren, scharfen, kritischen Blick auf die Welt mitzuteilen. In ihren Texten geht es um Empathie mit allen Kreaturen." Keine Geringere als Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) ist es, der die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl dieses Lob zollt. Bis in die heutige Zeit hinein gilt Ebner-Eschenbach als anerkannte Autorin des 19. Jahrhunderts und schon zu Lebzeiten hat man sie mit großen offiziellen Ehren bedacht.

Sensibler Blick für Frauen

Als schreibende Frau und zugleich Adelige präsentiert sie uns in ihren Texten erstaunliche Sozialkritik und einen äußerst sensiblen Blick für die Situation von Frauen. Ihre Stoffe schöpft sie aus ihrem Umfeld. Da geht es um die Not von Kindern, die vom Schicksal gebeutelt werden, um gesellschaftliche Umbrüche, weil das wohlhabende kapitalistische Bürgertum erstarkt, oder um die konservativen, starren Wert- und Moralvorstellungen der Adeligen, deren Macht sukzessive zu schwinden beginnt.

Dennoch sind heute nur einige ihrer Texte einem breiteren Publikum präsent. Diesem Umstand soll nun eine vierbändige Leseausgabe Abhilfe schaffen, die Evelyne Polt-Heinzl, Daniela Strigl und Ulrike Tanzer im Residenz-Verlag herausgeben. Jeder Band fokussiert einen thematischen Bereich und stellt ein bekanntes Werk neben ein unbekannteres, um damit neue Querverbindungen zu eröffnen und andere Sichtweisen auf die Texte zu ermöglichen, wie es in einem der erhellenden Vorworte heißt, die Einblick in die Forschungslage geben und die jeweiligen Werke in ihrem historischen Kontext profund verorten. Jedem Text folgt außerdem ein Kommentar mit vielen nützlichen Erläuterungen.

Wenn Ulrike Tanzer im ersten Band schreibt, dass Marie von Ebner-Eschenbach zwar "im literarischen Kanon fest verankert" sei, jedoch "eher als harmonisierende Dichterin der Güte, die wenig Interesse weckt", dann macht sie auf einen zentralen Aspekt der Rezeptionsgeschichte aufmerksam. Bekannt ist die "altersweise Frau, als hätte die junge Ebner-Eschenbach nie existiert". Denn ihre oft gelesenen, mitunter auch empfindsamen Geschichten, die sie infolge ihrer "Selbststilisierung" als "versöhnliche Ausgleicherin" festschreiben, bestätigen sie als typische Autorin des österreichischen Realismus. Der Konsens ist ihre Maxime, auch wenn sie es keineswegs bei der Darstellung der Sonnenseiten des Lebens belässt.

Interessant ist dieses Ebner-Eschenbach-Leseprojekt aber auch deshalb, weil es sehr klar verdeutlicht, "in welchem Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand" die Autorin selbst gelebt haben muss. In ihren persönlichen Aufzeichnungen schreibt sie dazu Folgendes: "Ich habe trachten müssen zu pactiren, ich habe suchen müssen mich in zwei Welten zurecht zu finden. Auf diese Weise läßt sich nichts Großes leisten, höchstens hie und da ein wenig Gutes."

Ihrer Familie ist das Schreiben ein Dorn im Auge. Man fürchtet natürlich die Kritik, aber vor allem hält man diese Art von Beschäftigung für nicht standesgemäß. Deshalb greift sie selbst in den Nachlass ein, um zu steuern, was der Nachwelt zugänglich sein soll. Polt-Heinzl verweist auf die "Originaltagebücher", die das Ausmaß der Diskrepanz zwischen "authentischen Aufzeichnungen" und Selbstzensur erst offenbar machen.

Kritisches Bild vom Adel

Der erste Band enthält die zu ihren frühesten Werken zählende Satire "Aus Franzensbad. Sechs Episteln von keinem Propheten" und die allseits bekannte Dorfgeschichte "Das Gemeindekind". Mit ihrem Frühwerk kann sich Ebner-Eschenbach später nicht mehr identifizieren. Einerseits erweist sie sich darin als gelehrte Dichterin, die über die Literatur bestens Bescheid weiß, andererseits zeichnet sie hier auch ein äußerst kritisches Bild vom Adel. Ein Arzt verschreibt einer Patientin einen Aufenthalt im böhmischen Franzensbad. Sie schickt ihm Briefe von dieser Kur, in denen sie ein Sittenbild vom "Adel und [der] Geldaristokratie" gibt. Harte Worte hagelt es hier, denn die Dame vermisst "Kopf und Herz, Bildung und Gemüt". Sie stellt ein durchaus "hoffärtiges Auftreten" fest, der Reiche wird verdammt, denn "Mammon hat einen schlechten Geschmack". Aber sie degradiert auch den "mächtigen aristokratischen Leu" zum "kriechenden Katzengeschlecht, das die Füße der Mächtigen leckt und die Schwachen kratzt". Ebner-Eschenbach nimmt sich in dieser anonym veröffentlichten Studie kein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil, so kritisch und offen wird sie später kaum mehr.

"Das Gemeindekind" grundiert eine wahre Geschichte. Es geht um das Schicksal eines Jungen aus zerrüttetem Elternhause, der der "Fürsorge" und Erziehung eines ganzen Dorfes anheimfällt. Pavel geht einen steinigen Weg, fällt immer wieder zurück in alte Muster und kann sich erst am Schluss durch die Unterstützung des Lehrers, der trotz allem an ihn glaubt, selbstbewusst der Gesellschaft stellen. Ebner-Eschenbach leuchtet mit diesem Roman soziale Wunden aus, zeigt große Sensibilität und signalisiert, wie Ulrike Tanzer luzide analysiert, dass sie "nicht auf das Kollektiv, sondern auf den Einzelnen" setzt, "um die Gesellschaft zum Besseren zu verändern".

Der zweite Band vereinigt die Erzählung "Lotti, die Uhrmacherin" und den Roman "Unsühnbar". Mit der Protagonistin Lotti rückt Ebner-Eschenbach eine beruflich erfolgreiche Frau in den Mittelpunkt, die ihr Handwerk beherrscht und die Uhrensammlung ihres Vaters und sein Geschäft übernimmt. Plötzlich irritiert ein Dichter ihr Leben, sodass sie erst nach einer sonderlichen Verirrung merkt, dass ihr Ziehbruder Gottfried schon lange auf ihre Hand wartet. Die starke Position von Frauen auf dem Arbeitsmarkt war damals außergewöhnlich. Ebner-Eschenbach stärkt sie in ihrer Erzählung, die die marktwirtschaftlichen Veränderungen dieser Zeit am Beispiel des Uhrmacherberufs eindringlich widerspiegelt.

Der Roman "Unsühnbar" ruft aufgrund seiner Thematik eine Reminiszenz an die Werke der russischen und französischen Realisten Tolstoi oder Flaubert hervor: "Anna Karenina", "Madame Bovary", aber auch Fontanes "Effi Briest" zeigen das Schicksal von Frauen, die eine verbotene Liebe angesichts des strengen gesellschaftlichen Korsetts ins Unglück stürzt. Ebner-Eschenbach lenkt ihren Blick auf die unnötig rigide Moralvorstellung einer Frau, die mit der Schuld ihres Ehebruchs nicht mehr leben kann, obwohl ihr gesellschaftliches Umfeld sogar Verständnis zeigt. Maria darf den Mann, den sie liebt, nicht heiraten, hat aber die alten Werte so stark verinnerlicht, dass sie später an der Schande zerbricht. In diesem Werk kritisiert Ebner-Eschenbach indirekt auch die herrschende Doppelmoral. Männern ist die außereheliche Liaison erlaubt, für Frauen ist sie tabu.

Feinsinnig und präzise

Der dritte und bislang letzte Band liest sich mit "Bozena" als Hommage an die Redlichkeit, Güte und Herzensbildung einer Magd, die eigene Bedürfnisse völlig hintanstellt und ihren Einfluss zum Wohle der ihr anvertrauten Schützlinge nützt. Ihre Novelle "Der Vorzugsschüler" greift die Thematik eines überforderten Jugendlichen auf, der aus Angst, den Erwartungen des Vaters nicht entsprechen zu können, Selbstmord begeht.

Es lohnt sich, die Werke Marie von Ebner-Eschenbachs wieder zu lesen. Man staunt über ihr Einfühlungsvermögen und darüber, wie feinsinnig und präzise sie die damalige Gesellschaft konturiert und einschätzen kann. Mehr als ein halbes Jahrhundert Leben spiegelt sich in ihrem Werk. Und so trifft das Wort, das sie über Goethes Italien-Verse schreibt, auf ihr Werk selbst zu: "Welche Fülle in dieser Einfachheit!"

Abgesehen davon, dass es ein reines Lesevergnügen ist, hat sie uns einen unmittelbaren, scharfen, kritischen Blick auf die Welt mitzuteilen. In ihren Texten geht es um Empathie mit allen Kreaturen." Keine Geringere als Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) ist es, der die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl dieses Lob zollt. Bis in die heutige Zeit hinein gilt Ebner-Eschenbach als anerkannte Autorin des 19. Jahrhunderts und schon zu Lebzeiten hat man sie mit großen offiziellen Ehren bedacht.

Sensibler Blick für Frauen

Als schreibende Frau und zugleich Adelige präsentiert sie uns in ihren Texten erstaunliche Sozialkritik und einen äußerst sensiblen Blick für die Situation von Frauen. Ihre Stoffe schöpft sie aus ihrem Umfeld. Da geht es um die Not von Kindern, die vom Schicksal gebeutelt werden, um gesellschaftliche Umbrüche, weil das wohlhabende kapitalistische Bürgertum erstarkt, oder um die konservativen, starren Wert- und Moralvorstellungen der Adeligen, deren Macht sukzessive zu schwinden beginnt.

Dennoch sind heute nur einige ihrer Texte einem breiteren Publikum präsent. Diesem Umstand soll nun eine vierbändige Leseausgabe Abhilfe schaffen, die Evelyne Polt-Heinzl, Daniela Strigl und Ulrike Tanzer im Residenz-Verlag herausgeben. Jeder Band fokussiert einen thematischen Bereich und stellt ein bekanntes Werk neben ein unbekannteres, um damit neue Querverbindungen zu eröffnen und andere Sichtweisen auf die Texte zu ermöglichen, wie es in einem der erhellenden Vorworte heißt, die Einblick in die Forschungslage geben und die jeweiligen Werke in ihrem historischen Kontext profund verorten. Jedem Text folgt außerdem ein Kommentar mit vielen nützlichen Erläuterungen.

Wenn Ulrike Tanzer im ersten Band schreibt, dass Marie von Ebner-Eschenbach zwar "im literarischen Kanon fest verankert" sei, jedoch "eher als harmonisierende Dichterin der Güte, die wenig Interesse weckt", dann macht sie auf einen zentralen Aspekt der Rezeptionsgeschichte aufmerksam. Bekannt ist die "altersweise Frau, als hätte die junge Ebner-Eschenbach nie existiert". Denn ihre oft gelesenen, mitunter auch empfindsamen Geschichten, die sie infolge ihrer "Selbststilisierung" als "versöhnliche Ausgleicherin" festschreiben, bestätigen sie als typische Autorin des österreichischen Realismus. Der Konsens ist ihre Maxime, auch wenn sie es keineswegs bei der Darstellung der Sonnenseiten des Lebens belässt.

Interessant ist dieses Ebner-Eschenbach-Leseprojekt aber auch deshalb, weil es sehr klar verdeutlicht, "in welchem Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand" die Autorin selbst gelebt haben muss. In ihren persönlichen Aufzeichnungen schreibt sie dazu Folgendes: "Ich habe trachten müssen zu pactiren, ich habe suchen müssen mich in zwei Welten zurecht zu finden. Auf diese Weise läßt sich nichts Großes leisten, höchstens hie und da ein wenig Gutes."

Ihrer Familie ist das Schreiben ein Dorn im Auge. Man fürchtet natürlich die Kritik, aber vor allem hält man diese Art von Beschäftigung für nicht standesgemäß. Deshalb greift sie selbst in den Nachlass ein, um zu steuern, was der Nachwelt zugänglich sein soll. Polt-Heinzl verweist auf die "Originaltagebücher", die das Ausmaß der Diskrepanz zwischen "authentischen Aufzeichnungen" und Selbstzensur erst offenbar machen.

Kritisches Bild vom Adel

Der erste Band enthält die zu ihren frühesten Werken zählende Satire "Aus Franzensbad. Sechs Episteln von keinem Propheten" und die allseits bekannte Dorfgeschichte "Das Gemeindekind". Mit ihrem Frühwerk kann sich Ebner-Eschenbach später nicht mehr identifizieren. Einerseits erweist sie sich darin als gelehrte Dichterin, die über die Literatur bestens Bescheid weiß, andererseits zeichnet sie hier auch ein äußerst kritisches Bild vom Adel. Ein Arzt verschreibt einer Patientin einen Aufenthalt im böhmischen Franzensbad. Sie schickt ihm Briefe von dieser Kur, in denen sie ein Sittenbild vom "Adel und [der] Geldaristokratie" gibt. Harte Worte hagelt es hier, denn die Dame vermisst "Kopf und Herz, Bildung und Gemüt". Sie stellt ein durchaus "hoffärtiges Auftreten" fest, der Reiche wird verdammt, denn "Mammon hat einen schlechten Geschmack". Aber sie degradiert auch den "mächtigen aristokratischen Leu" zum "kriechenden Katzengeschlecht, das die Füße der Mächtigen leckt und die Schwachen kratzt". Ebner-Eschenbach nimmt sich in dieser anonym veröffentlichten Studie kein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil, so kritisch und offen wird sie später kaum mehr.

"Das Gemeindekind" grundiert eine wahre Geschichte. Es geht um das Schicksal eines Jungen aus zerrüttetem Elternhause, der der "Fürsorge" und Erziehung eines ganzen Dorfes anheimfällt. Pavel geht einen steinigen Weg, fällt immer wieder zurück in alte Muster und kann sich erst am Schluss durch die Unterstützung des Lehrers, der trotz allem an ihn glaubt, selbstbewusst der Gesellschaft stellen. Ebner-Eschenbach leuchtet mit diesem Roman soziale Wunden aus, zeigt große Sensibilität und signalisiert, wie Ulrike Tanzer luzide analysiert, dass sie "nicht auf das Kollektiv, sondern auf den Einzelnen" setzt, "um die Gesellschaft zum Besseren zu verändern".

Der zweite Band vereinigt die Erzählung "Lotti, die Uhrmacherin" und den Roman "Unsühnbar". Mit der Protagonistin Lotti rückt Ebner-Eschenbach eine beruflich erfolgreiche Frau in den Mittelpunkt, die ihr Handwerk beherrscht und die Uhrensammlung ihres Vaters und sein Geschäft übernimmt. Plötzlich irritiert ein Dichter ihr Leben, sodass sie erst nach einer sonderlichen Verirrung merkt, dass ihr Ziehbruder Gottfried schon lange auf ihre Hand wartet. Die starke Position von Frauen auf dem Arbeitsmarkt war damals außergewöhnlich. Ebner-Eschenbach stärkt sie in ihrer Erzählung, die die marktwirtschaftlichen Veränderungen dieser Zeit am Beispiel des Uhrmacherberufs eindringlich widerspiegelt.

Der Roman "Unsühnbar" ruft aufgrund seiner Thematik eine Reminiszenz an die Werke der russischen und französischen Realisten Tolstoi oder Flaubert hervor: "Anna Karenina", "Madame Bovary", aber auch Fontanes "Effi Briest" zeigen das Schicksal von Frauen, die eine verbotene Liebe angesichts des strengen gesellschaftlichen Korsetts ins Unglück stürzt. Ebner-Eschenbach lenkt ihren Blick auf die unnötig rigide Moralvorstellung einer Frau, die mit der Schuld ihres Ehebruchs nicht mehr leben kann, obwohl ihr gesellschaftliches Umfeld sogar Verständnis zeigt. Maria darf den Mann, den sie liebt, nicht heiraten, hat aber die alten Werte so stark verinnerlicht, dass sie später an der Schande zerbricht. In diesem Werk kritisiert Ebner-Eschenbach indirekt auch die herrschende Doppelmoral. Männern ist die außereheliche Liaison erlaubt, für Frauen ist sie tabu.

Feinsinnig und präzise

Der dritte und bislang letzte Band liest sich mit "Bozena" als Hommage an die Redlichkeit, Güte und Herzensbildung einer Magd, die eigene Bedürfnisse völlig hintanstellt und ihren Einfluss zum Wohle der ihr anvertrauten Schützlinge nützt. Ihre Novelle "Der Vorzugsschüler" greift die Thematik eines überforderten Jugendlichen auf, der aus Angst, den Erwartungen des Vaters nicht entsprechen zu können, Selbstmord begeht.

Es lohnt sich, die Werke Marie von Ebner-Eschenbachs wieder zu lesen. Man staunt über ihr Einfühlungsvermögen und darüber, wie feinsinnig und präzise sie die damalige Gesellschaft konturiert und einschätzen kann. Mehr als ein halbes Jahrhundert Leben spiegelt sich in ihrem Werk. Und so trifft das Wort, das sie über Goethes Italien-Verse schreibt, auf ihr Werk selbst zu: "Welche Fülle in dieser Einfachheit!"