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„Ich sehe es als meine Pflicht, vom Krieg zu schreiben“

Die Bregenzer Festspiele erinnern an den vergessenen polnisch-russischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, einen Freund und Weggefährten von Dmitri Schostakowitsch.

In manchen Musiklexika sucht man seinen Namen vergeblich, in anderen finden sich nur spärliche Informationen zu seiner Person – dabei gehörte Mieczyslaw Weinberg zu den produktivsten Komponisten seiner Zeit. Geboren am 1919 in Warschau, erhielt er seine musikalische Ausbildung zuerst in seiner Heimatstadt, setzte seine Studien ab 1941 in Minsk fort und lebte ab 1943 als freischaffender Komponist und Pianist in Moskau, wo er 1996 verstarb – dies die Eckdaten seines Lebens, hinter denen sich jedoch weit mehr verbirgt als die bloßen Zahlen auszudrücken im Stande sind: Als Sohn jüdischer Eltern geboren, studierte Weinberg zunächst Klavier. Unmittelbar nach seiner Abschlussprüfung 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus; dem jungen Musiker gelang es zwar Polen vor dem Anrücken der deutschen Armee in Richtung Russland zu verlassen, die Nazis töteten aber seine Eltern und seine Schwester. Doch die Sicherheit, in der sich Weinberg nach seiner Flucht wähnte, war nur eine kurze: Dem Zugriff der Häscher des einen Diktators entkommen, fiel er bald in die Hände eines anderen. Denn ab 1948 bedeutete das Leben unter Stalins Regime für den Juden Weinberg eine neue Gefahr derselben Art. Im Februar 1953 wurde er im Zuge von Stalins antisemitischen Pogromen festgenommen – der absurde Vorwurf lautete, er sei an einem Komplott zur Gründung einer jüdischen Republik auf der Krim beteiligt. Zwar setzte sich sein Freund Dmitri Schostakowitsch für Weinbergs Freilassung ein, doch erst Stalins Tod im März 1953 öffnete die Gefängnistore für ihn und viele andere aus vorgeblichen Gründen Inhaftierte.

Lichtschein am Horizont

Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, des Holocausts und der antisemitischen Pogrome unter Stalin hatten Mieczyslaw Weinbergs Schaffen wesentlich beeinflusst: „Viele meiner Werke befassen sich mit den Themen des Krieges“, so der Komponist. „Dies war leider nicht meine eigene Wahl. Es wurde mir von meinem eigenen Schicksal diktiert und vom tragischen Schicksal meiner Familie. Ich sehe es als meine moralische Pflicht, vom Krieg zu schreiben, von den Gräueln, die der Menschheit in unserem Jahrhundert widerfuhren.“ Andererseits hat Weinberg diese Themen mit einer erstaunlichen Gelassenheit behandelt, wie er auch der Zeit seiner Haft relativ gleichgültig gegenüberstand. Ihn zeichnet aus, dass er die schrecklichen Dinge seines Lebens einerseits mit starker Emotionalität, andererseits aber auch mit großer Ruhe reflektiert: Seine Musik ist voller Leidenschaft und Deutlichkeit, aber auch voller Schönheit und Frieden – so, als sei er stets in der Lage gewesen, auch in schwersten Zeiten den Lichtschein am Horizont wahrzunehmen. Und dies ist auch der größte Unterschied zu seinem Freund Dmitri Schostakowitsch, ein ihm eng verbundener Kollege, der sich von Weinbergs Schaffen ebenso beeinflussen ließ, wie er mit seinen Werken die Kompositionen des Freundes inspirierte. Weinberg deshalb den „kleinen Schostakowitsch“ zu nennen, führt aber zu falschen Assoziationen: Er komponierte zwar wie Schostakowitsch Musik voller großer Gesten und langer Melodiebögen, seine Werke sind aber auch voller Ironie – und er gestaltete seine musikalischen Angriffe gegen das Regime weitaus zurückhaltender als sein weltbekannter Kollege. Alles Aufwühlende und Trostlose mündet bei Weinberg in Optimismus; nicht Resignation und Tod stehen bei ihm häufig am Ende, sondern Frieden, wobei prinzipiell Weinberg romantischer veranlagt war als Schostakowitsch. Neben einer Vielzahl von Orchesterwerken und Kammermusik schrieb er vor allem Ballette und Opern, der immense Bogen seines Schaffens reicht vom Requiem bis zur Zirkusmusik.

Requiem, 22 Symphonien, Kammermusik

Unter dem Motto „In der Fremde“ stehen die Bregenzer Festspiele – abseits der spektakulären „Aida“-Show auf der Seebühne – ganz im Zeichen des polnisch-russischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Als szenische Uraufführung wird im Festspielhaus viermal die bereits 1968 vollendete, von den kulturellen Autoritäten aber lange Zeit unterdrückte, erst 2006 konzertant erstmals gespielte Oper „Die Passagierin“ geboten (Inszenierung: David Pountney) – ein Werk, basierend auf einem Roman der polnischen Ausschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz, in dem sich auf einem Ozeandampfer zwei junge Frauen begegnen: die eine eine Diplomatengattin und einstige SS-Aufseherin in Auschwitz, die andere eine ehemalige Inhaftierte, der es vergönnt war, die Schrecken der NS-Zeit überlebt zu haben. Im Theater am Kornmarkt steht dreimal Weinbergs satirische Oper „Das Porträt“ (nach Nikolai Gogol) auf dem Programm – ein Dreiakter rund um einen Künstler in Existenz- und Gewissensnöten, in dem das Bild einer korrupten Kunstgesellschaft gezeichnet wird. Neben diesen Bühnenproduktionen bieten die Konzerte der Bregenzer Festspiele einige der 22 Symphonien des Komponisten, sein Requiem, sein Trompeten- und Flötenkonzert, Kammermusik und Lieder – und schließlich rundet auch noch ein Weinberg-Symposium den einzigartigen Programmschwerpunkt ab: Ein in unseren Breiten weitgehend vergessener Komponist kann bei den Bregenzer Festspielen 2010 wiederentdeckt werden.

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