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"Ich sehe FEUER!"

1945 1960 1980 2000 2020

Elie Wiesels entscheidendes Vermächtnis: Wenn die Zeugen sterben, dann schlägt die Stunde der sekundären Zeugen.

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Elie Wiesels entscheidendes Vermächtnis: Wenn die Zeugen sterben, dann schlägt die Stunde der sekundären Zeugen.

Sonntag, 30. September 1928, Sighet (Siebenbürgen). Elie Wiesel wird als drittes von vier Kindern des Ehepaares Schlomo und Sara Wiesel geboren. Damals lebten in Sighet etwa 20.000 Einwohner, die Hälfte davon war jüdisch. Ihrem Geheimnis war die Familie am Schabbat nahe, als sie zusammen war und den heiligen Tag beging, Woche für Woche die Feier des Ewigen Bundes mit Gott.

16 Jahre später: Im April 1944, wenige Wochen vor der Landung der Alliierten in der Normandie, haben die Juden aus Sighet noch keine Kenntnis von den weitverzweigten Wegen zur "Endlösung", schrieb 1995 Elie Wiesel in seiner Autobiografie "Alle Flüsse fließen ins Meer". Plötzlich waren sie da -nicht die Befreier, sondern die Kommandos der SS. Und es war ein Schabbat, der 13. Mai 1944: Der schwarze Samstag Indem der Feind uns seinen Rhythmus aufzwingt, wird er Herr über die Zeit. Uns wird die Zeit zum Feind.

Kein Gott intervenierte im KZ

Damit offenbarte sich in Elie Wiesels Stadt der Judenhass in seiner klarsten Form: Die Zerstörung des Schabbat macht die Zeit zum Feind; die Ruhe, die der Schabbat schenkt, wird zur Hetze, an die Stelle der Gemeinde- und Familienfeiern tritt die Zerstörung von Gemeinden und Familien durch Isolation, Mord an Ort und Stelle und Deportation in Viehwaggons. In der bewussten Zerstörung des Schabbat proklamierten die nationalsozialistischen Akteure das Ende des europäischen Judentums, das sie seit Jänner 1942 auf industrielle Weise vollzogen -und zwar ganz unabhängig vom Zweiten Weltkrieg. Die Juden Sighets und aller anderen Gemeinden im Bereich des NS-Regimes waren nicht Opfer des Krieges, sondern Opfer eines eigenständigen, universalen Vernichtungswillens, der sich selbst ins Werk setzte.

Wer den Schabbat zerstören konnte, wollte dadurch zeigen, dass Gottes Bund mit Israel nichtig ist; die Proklamation dieser Nichtigkeit entstammt einer durch Jahrhunderte gehärteten christlichen Botschaft, die zum kulturellen Bodensatz auch des NS-Staat gehörte und genutzt werden konnte.

Was Elie Wiesel dann im KZ erlebte, wirkte wie eine reale Offenbarung dieser Vorgaben. Kein Gott intervenierte, als sechs Millionen Juden in den KZ vernichtet wurden, unter ihnen auch Elie Wiesels Vater im Jänner 1945. Jeden Tag tat sich der Abgrund auf, in dem Juden verschwanden. Wo also war Gott? Und was war es um Gott in diesen Todeszonen und danach?

In seinem ersten Roman "Die Nacht" hat Elie Wiesel mehr als ein Jahrzehnt später eine Szene von drei Erhängten erzählt, zwei Erwachsenen und einem Buben, der lange lebend im Strick hing; die Blockinsassen mussten an ihm vorübergehen, und Elischa, der Romanprotagonist, hörte eine Frage hinter sich: "Wo ist Gott?" und eine Antwort in sich:"Dort -dort hängt er, am Galgen " Das nun war für manche gelehrten Theologen, von Jürgen Moltmann in den frühen 1970er-Jahren ausgehend, ein gefundenes Fressen, auf das sie sich kreuzestheologisch gestürzt haben. Worauf Elie Wiesel nie eine Antwort gefunden hatte, weil auf der Ebene Gottes alles dem Geheimnis unterliegt, deutete ihm Moltmann aus: Auschwitz gehöre wie das Kreuz Christi ins innere Leben Gottes selbst hinein.

Perverse Deutung durch Christen

Damit findet Auschwitz seine theologische Legitimation - unfassbar, welche Blüten systematischtheologisches Denken manchmal treibt und damit die Vernichtung des europäischen Judentums theologisch geradezu als Heilsereignis absichert und bestätigt. Das ist - ganz wörtlich verstanden - pervers.

Elie Wiesel mischte sich nie in christliche Interna ein. Wenn aber christliches Handeln oder Denken, christliche Symbolik oder Gestik in die Richtung einer Legitimation der Schoa deutete, dann zeigt der Friedensnobelpreisträger von 1986 seine harte Unnachgiebigkeit. Das im Zusammenhang von Moltmanns Deutung ebenso wie im Umkreis der in Auschwitz aufgestellten Kreuze, der halbherzigen Entschuldigung der katholischen Kirche im Jahr 2000 für die Vergehen ihrer Mitglieder, nicht aber der Kirche selbst, oder im Jänner 2009, als Benedikt XVI. die Exkommunikation von Pius-Brüdern aufhob, unter ihnen auch die von Richard Williamson, einem bekannten Schoa-Leugner. Gefragt, ob Benedikt ein Lapsus unterlaufen sei, antwortet Wiesel: Oh nein! Die Kirche weiß, was sie tut, besonders auf der Ebene des Papstes, diesen Mann wieder aufzunehmen. Sie wissen, was sie tun, und sie taten es absichtlich. Ihre Absichten kenne ich aber nicht.

Wer Auschwitz überlebt hat, bleibt von Auschwitz gezeichnet. Wer Auschwitz überlebt hat, dem bleibt eine besondere Sensibilität eingebrannt für alles, was Auschwitz wieder aufleben lässt. Wer Auschwitz überlebt hat, kann nach Auschwitz keine einzige Andeutung über Auschwitz bagatellisieren. Wer Auschwitz überlebt hat, ist Zeuge einer Auslöschung geworden, die man vorher vielleicht nicht für möglich gehalten hatte, die dann aber wirklich geworden ist und wirklich bleibt, unauslöschlich.

Was Zeugen wie Elie Wiesel sehen und hören, hat deshalb wesentlich mehr Bedeutung als das, was sich nicht unmittelbar Betroffene danach alles ausdenken mögen, und sei es in höchster dogmatischer Anstrengung. Angesichts von Auschwitz ist das alles zweideutig, mitunter sogar gefährlich und bedrohlich geworden: als mutmaßliche Kollaboration mit den Mördern von gestern, unfähig oder unwillig, sich von Fesseln einengender, blind machender christlicher Lehrtradition zu befreien, auch rhetorische Blasen aufzugeben und klare Position zugunsten der vernichteten und überlebenden Juden und Jüdinnen zu beziehen.

Verantwortung der Nachgeborenen

Solche christliche Positionierung ist heute wichtiger als gestern. Denn die Zeugen sterben dahin. Wer wird für sie reden, wer für sie einstehen? Im Frühjahr ging Imre Kertész, vergangenen Schabbat, am 2. Juli 2016, Elie Wiesel. Gilt es im Judentum auch als Gnade, an einem Schabbat in die ewige Ruhe hinein zu sterben, so ist damit noch nichts abgetan; vielmehr lässt Elie Wiesel ein entscheidendes Vermächtnis zurück: Wenn die Zeugen sterben, schlägt die Stunde der sekundären Zeugen. Sie sind selbst nicht durch die Vernichtungswelt gegangen, und als Nachgeborene tragen sie auch keine Schuld an ihr. Doch sie sind Zeugen der Zeugen, die sie gehört haben, und als Nachgeborene tragen sie eine unendliche Verantwortung; diese besteht darin: die besondere Sensibilität der Auschwitz-Überlebenden zu erinnern, d. h. von dieser Sensibilität gepackt zu werden, das eigene Leben an ihr auszurichten und selbst schon bei kleinen, kaum sichtbaren Flammen des Judenhasses zu schreien: Ein Feuer! Ich sehe Feuer! Ich sehe Feuer! So schrie im Roman "Die Nacht" Frau Schächter, die im dreckigen, finsteren Viehwaggon scheinbar ihren Verstand verloren hatte.

Doch das ist nicht paranoid, sondern hellsichtig. In dieser hellwachen Verantwortung der sekundären Zeugen wird es schließlich liegen, ob Auschwitz sich wiederholen wird oder nicht. Um Auschwitz zu verhindern, lohnt sich jeder Einsatz zu jeder Zeit, an jedem Ort. In einem solchen Einsatz bleibt Elie Wiesels Vermächtnis lebendig.

|er Autor ist Prof. für Fundamentaltheologie an der Uni Wien

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