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Ich will Politik für Frauen machen

dieFurche: Wie wollen Sie angesprochen werden, falls Sie tatsächlich in die Hofburg einziehen?

Gertraud Knoll: Als Frau Bundespräsidentin.

dieFurche: Gibt es für Sie Unterschiede in der Art und Weise, wie Frauen und Männer Politik machen können?

Knoll: Natürlich gibt es Unterschiede. Die Pluralität des Lebens besteht ja aus der Verschiedenheit der Geschlechter. Wenn allerdings nur eine Sichtweise dominiert, nämlich die männliche, dann ist das eine Verarmung. Die Fülle des Lebens kommt erst dann in der Politik vor, wenn auch die Frauen ihre Sichtweise öffentlich und strukturell einbringen können.

dieFurche: Wie werden Sie das tun?

Knoll: Der Ton, der in diesem Land gespielt wird, soll von Respekt und Würdigung des Menschen geprägt sein, von Dialogfähigkeit und Phantasie. Auch vom Mut, das Leben neu zu gestalten.

dieFurche: Sie waren Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens. Stehen Sie noch voll hinter diesen zum Teil doch umstrittenen Forderungen?

Knoll: Selbstverständlich stehe ich voll dahinter. Da ist noch unglaublich viel zu tun. Viele Punkte sind nach wie vor offen. Es geht darum, die Anliegen weiter einzufordern. Es muß deutlich gemacht werden, daß Frauen irgendwann einmal die Geduld verlieren, wenn sie immer nur zurückgestellt und vertröstet werden.

dieFurche: Wie würden Sie als erste Frau an der Spitze Österreichs diesen Anliegen Nachdruck verleihen?

Knoll: Ich habe als Kandidatin immer wieder die eine Frage gestellt bekommen, die alle Frauen zu hören bekommen: "Was glauben Sie eigentlich, wie Sie das mit Ihren drei Kindern schaffen? Das geht doch nicht!" Das klingt immer so, als dürften Frauen nur dann aktiv im öffentlichen Leben mitwirken, wenn die Wechseljahre bereits zurückliegen. Das ist eben diese Verkürzung, diese Verarmung, die ich meine. Ich möchte als Bundespräsidentin mit dem Finger darauf zeigen und sagen: Bitte Leute, da ist etwas zu tun. Da ist Gravierendes zu verändern. Daß es geht, seht ihr an mir. Und was dabei herauskommen kann, das seht ihr auch an mir - an meinen eigenen, positiven Erfolgen.

dieFurche: Wenn Sie in Zukunft - wie im Fall Frauenvolksbegehren - eindeutig für etwas Stellung beziehen wollen, werden Sie wohl zwangsweise auch gegen etwas sein. Wie läßt sich dieser Spagat schaffen, wenn die Bundespräsidentin Repräsentationsfigur aller Österreicherinnen und Österreicher sein soll?

Knoll: Das ist gar kein Spagat. So ist das Leben. Das ist die Lebendigkeit einer Demokratie. Es wäre ja nicht demokratisch, alle Menschen auf eine Linie bringen zu wollen. Wenn ich für etwas einstehe, dann wird es immer andere geben, für die das nicht so wichtig ist. Das ist das Spiegelbild dessen, was jeder Mensch in seinem eigenen Leben erfährt.

dieFurche: Sehen Sie keine Gefährdung für sich, im politischen Tagesgeschäft doch hin und wieder Ihre hohen moralischen Ansprüche opfern zu müssen?

Knoll: Gefährdet ist man im Leben immer. Ich glaube, es gibt keine Position der Sicherheit, die es mir zugesteht, in einer ewigen, glücklichen Seßhaftigkeit zu verharren. Und das ist auch wieder eine Frucht meines Glaubens. In der Bibel gibt es ein Prinzip des Exodus. Das heißt, man muß immer wieder aus seiner Behausung hinaus. Leben heißt Veränderung. Leben heißt Aufbruch. Und alles was sich bewegt und ändert, ist mit Risiko verbunden. Wenn ich das Risiko nicht in Kauf nehme, dann werde ich irgendwann zwar leben, aber nimmer lebendig sein. Und so geht es momentan in der Politik auch zu.

dieFurche: Es gibt evangelische Theologen, die sagen: Wer mit Politik zu tun hat, läßt sich mit dämonischen Kräften ein. Ist Politik überhaupt möglich, ohne sich die Finger schmutzig zu machen?

Knoll: Diese kritische Haltung habe ich in den letzten Tagen auch vernommen und war darüber ganz erschüttert. Viele empfinden es als Ungeheuerlichkeit, daß ich ein geistliches Amt mit einem politischen Auftrag tausche. Das wird so empfunden, als würde jemand, der sich mit etwas Heiligem beschäftigt, plötzlich in etwas Unheiliges flüchten. Von etwas Sauberem in etwas Unsauberes. Das hat mich wirklich erschüttert, und ich habe mir gedacht, wer soll dann eigentlich noch die Arbeit machen, diese Welt zu gestalten? Was ist daran denn so schmutzig??

Die verantwortungsvollste Aufgabe ist es, darüber nachzudenken, wie unsere Welt so erhalten wird, daß unsere Kinder sich noch an ihr erfreuen.

dieFurche: Sie haben gesagt, Ihre Stärken liegen im Krisenmanagement und im Verbreiten von Wärme in der Politik. Haben Sie auch Schwächen?

Knoll: Ja, meine unbändige Ehrlichkeit ist meine große Schwäche. Ich gehe viel zu direkt auf die Dinge zu, vielleicht mit zu wenig Vorsicht. Ich bin auch den bösartigsten Dingen gegenüber offen. Aber vielleicht ist das im Endeffekt gar keine Schwäche? Ich weiß es nicht.

Das Gespräch führten Elfi Thiemer und Monika Kunit.

Zur Person: Gertraud Knoll: Von der Kanzel in die Hofburg Gertraud Knoll wurde 1958 in Linz geboren, maturierte dort 1977 am Bundesrealgymnasium. Danach studierte sie Theologie an der Universität Wien und beendete 1983 ihre kirchliche Ausbildung. Sie heiratete 1977, hat drei Kinder.

Der berufliche Werdegang umfaßt folgende Stationen: 1983 Vikariat in Stoob, Lutzmannsburg, Weppersdorf.

1985 Ordination durch Superintendent Gustav Reingrabner in Weppersdorf.

1985 Amtseinführung als erste Pfarrerin der Diözese Burgenland.

1994 Wahl zur ersten österreichischen Superintendentin der Diözese Burgenland.

27. Februar 1998 Bekanntgabe ihrer Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten.

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