Digital In Arbeit

"Ich wusste ja nicht, was da kommt ..."

1945 1960 1980 2000 2020

Am Sonntag gingen die Tage der deutschsprachigen Literatur zu Ende: Ferdinand Schmalz erhielt den Bachmannpreis, John Wray den neuen hochdotierten Deutschlandfunkpreis. Beide Autoren wurden von Sandra Kegel eingeladen. Die Jurorin im Gespräch. | Das Gespräch führte Brigitte Schwens-Harrant

1945 1960 1980 2000 2020

Am Sonntag gingen die Tage der deutschsprachigen Literatur zu Ende: Ferdinand Schmalz erhielt den Bachmannpreis, John Wray den neuen hochdotierten Deutschlandfunkpreis. Beide Autoren wurden von Sandra Kegel eingeladen. Die Jurorin im Gespräch. | Das Gespräch führte Brigitte Schwens-Harrant

Jeder Juror, jede Jurorin lädt zwei Autoren zum Bachmannpreis-Bewerb nach Klagenfurt ein. Sandra Kegel, auf deren Vorschläge bereits die Bachmannpreisträgerinnen der letzten beiden Jahre zurückgehen, bewies auch heuer wieder viel Gespür.

Die Furche: Ferdinand Schmalz ist als Dramatiker bekannt. Wie kamen Sie auf die Idee, dass er als Prosaautor beim Bachmann-Bewerb erfolgreich sein könnte?

Sandra Kegel: Ich finde die jungen Dramatiker im Moment sehr interessant, vor allem jene, die in Wien im Schauspielhaus waren. Ferdinand Schmalz' "am beispiel der butter" wurde auch in Deutschland rauf und runter gespielt, so bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Dann las ich einen Text von ihm, "schlammland. gewalt", er wurde beim MDR-Literaturpreis eingereicht. Ich fand ihn sensationell. Ferdinand Schmalz hat damals nicht gewonnen, aber ich habe gemerkt, dass er auch Prosa schreibt. Als ich das erste Mal nach Klagenfurt kam, fragte ich ihn, ob er sich das vorstellen könnte, ob er noch einen Text hätte. Aber er war damals mit Aufträgen für das Theater eingedeckt. Letztes Jahr bekam ich wieder eine Absage von ihm, ich habe ihn aber weiter verfolgt, geguckt, was er macht. Und dann kam auf einmal die Mail von ihm, er hätte da etwas, das würde er mir schicken. Das sei der Anfang von etwas Größerem, es würde sich mit Bestattungsritualen, der Frage, wie wir sterben, beschäftigen. Aus dieser längeren Prosaarbeit hat er mir diesen Ausschnitt geschickt. Da war ich schlagartig begeistert. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sich so ein Text in Klagenfurt entfaltet, weil er dieses Performative hat, die Figuren, dieses Setting.

Die Furche: Die Sprache hat in der Diskussion eine besondere Rolle gespielt ...

Kegel: Es ist klar, dass so ein Text niemals in Berlin Mitte entstehen könnte, wo die deutschen Schriftsteller wohnen. Das ist für mich von außen auch so faszinierend. Ich habe ein Jahr in Wien studiert und bin Wien und Österreich sehr zugetan. Dieses Österreichische, das ganz nah am Regionalen, aber gleichzeitig eine Kunstsprache ist (denn das ist ja kein Dialekt, sondern etwas Künstliches), das ist etwas, das österreichische Autoren seit jeher machen. Denken Sie an Johann Nepomuk Nestroy oder Ferdinand Raimund. Ödön von Horváth spielt auch eine wichtige Rolle, auf ihn wird im Text direkt angespielt, wenn es heißt, auf der Straße vom Baum erschlagen zu werden. Da gibt es so eine Todesfantasie, das ist eine Referenz. Aber natürlich auch Elfriede Jelinek, Marlene Streeruwitz und Werner Schwab. Deswegen habe ich in der Diskussion gesagt: Der Text ist makellos. Damit wollte ich dem widersprechen, dass das verschlampt sei. Nein, jedes Wort sitzt -und zwar nicht unbedingt an der Stelle, wo man es erwartet. Diese Satzverstellungen sind sehr interessant. Der Text hat etwas von einem Märchen, hat etwas vom 19. Jahrhundert. Es sind Figuren, die sprechen, und die Sprache meint nicht immer dasselbe wie der Sprechende. Man darf bei Ferdinand Schmalz nicht inhaltlich denken, man darf die Figuren nicht als Psychogramme einer Figur lesen. Er beschreibt das auch selbst im Text. Wenn es an einer Stelle heißt, der Charakterzug ist abgefahren, dann will das auch etwas darüber sagen, wie dieser Text gemacht ist. Es geht nicht mehr um Charakterzüge, Charakterzüge werden über Sprache hergestellt, nicht über Psychologie.

Die Furche: In einem Gespräch haben Sie bemerkt, dass der US-amerikanische Autor John Wray, dessen Mutter aus Kärnten ist, gut Deutsch kann. Allerdings ist es das eine, gut Deutsch zu sprechen, das andere, auch literarisch schreiben zu können. Woher dieses Zutrauen? Haben Sie sich eine Textprobe kommen lassen oder sind Sie einfach mutig darauf los?

Kegel: Das war ein großes Risiko. Für mich und für ihn noch viel mehr. Ich bin ein Fan seiner Bücher. Der letzte Roman "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" ist fantastisch. Aber eben übersetzt. Erst haben wir uns einfach unterhalten. Er hat so klug auf Deutsch gesprochen. Dann hat er gesagt, er sei immer wieder in Kärnten. Da war ich gedanklich schon in Klagenfurt, das war dann nur noch ein Schritt. Da habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen. Er ist wirklich ein großer Autor und ich weiß, dass berühmte Autoren es oft abgelehnt haben, nach Klagenfurt zu gehen, weil sie viel zu verlieren haben. Er hat aber gesagt, das sei etwas, worüber er nachdenken könnte. Er fahre jetzt erst einmal zurück nach Amerika, sei dann auf Lesereise, aber er würde mir innerhalb von zwei Wochen Bescheid geben, ob er es macht oder nicht. Ich ging dann das Wagnis ein, wusste ja nicht, was kommt, denn er sagte, er habe noch nie auf Deutsch geschrieben. Ich habe mehrere Monate gezittert, dann kam die Trump-Wahl und ich wusste, die amerikanischen Autoren sind im Aufruhr und am Demonstrieren und haben jetzt vielleicht nicht unbedingt die Zeit für so einen Text. Es dauert ja auch einige Wochen, bis man so etwas geschrieben hat, in einer anderen Sprache dann noch einmal länger. John Wray ist ein Schriftsteller, der sehr lange an seinen Büchern sitzt. Ich kam ziemlich ins Schwitzen, doch ich wollte dann auch nicht mehr zurück hinter diese Entscheidung. Dann kam der Text. Ich war krank, lag mit Fieber im Bett, da kam diese E-Mail. Mit zitternden Händen habe ich den Anhang aufgemacht und den Text in einem durchgelesen - und dachte: Sensationell.

Die Furche: Hatte er Lektoratshilfe?

Kegel: Die Lektorin von Rowohlt war zu dieser Zeit in New York und hat sich mit ihm über diesen Text verständigt und mit ihm ein wenig gearbeitet. Er hat das tatsächlich aus sich herausgeholt. Seine Mutter, die ich jetzt in Klagenfurt kennengelernt habe, hat mir berichtet, dass sie ihrem Sohn, als er ihr das erzählte, sagte: Du bist ja wahnsinnig, auf Deutsch zu schreiben. Jetzt war sie überglücklich. Er ist offenbar schon vor Jahren angesprochen worden, nach Klagenfurt zu kommen, damals hat er es abgelehnt und gesagt: Ich bin nicht sicher genug im Deutschen, um das zu können. Das heißt, ich hatte einfach Glück, dass der Moment bei ihm der richtige war. Er wollte da auch etwas zu sich selbst herausfinden. Er hat eine große Liebe zu Österreich, ist nach Wien gegangen um zu studieren, hat dann aber festgestellt, dass er doch zu sehr Amerikaner ist, um in die andere Kultur zu emigrieren. Diese Zerrissenheit hat ihn die letzten Jahre immer umgetrieben und es war für ihn deswegen so ein toller Moment, im Österreichischen nun auch literarisch anzukommen.

FURCHE-Navigator Vorschau