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Identitätspolitik

DISKURS
Sklavenhandel - © Foto: picturedesk.com / akg-images

Identitätspolitik: Anfechtung der Aufklärung

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Warum linke Identitätspolitik Gefahr läuft, einst Kolonisierte zu Gefangenen ihrer Zugehörigkeit zu machen – und individuelle Rechte sowie die Demokratie zu verhöhnen. Ein Essay.

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Warum linke Identitätspolitik Gefahr läuft, einst Kolonisierte zu Gefangenen ihrer Zugehörigkeit zu machen – und individuelle Rechte sowie die Demokratie zu verhöhnen. Ein Essay.

Im Jahr 1987 erschienen zwei Bücher – Allan Blooms „The Closing of the Amer­ican Mind“ und Alain Finkielkrauts „La défaite de la pensée“ –, welche die Nerven der Zeit trafen und als Kritiken linker Identitätspolitik heute wieder treffen. Und das, obwohl sie schon damals ergraute Debatten aus den 1950er und 60er Jahren um die „Black Power“-Bewegung und den Antikolonialismus wiederaufnahmen. Der publizistische Erfolg des kulturkonservativen Leo-Strauss-Schülers Bloom war unwahrscheinlich, jener des Starphilosophen Finkielkraut, der heute – ohne Änderung seiner Ansichten – als islamophob verfemt wird, geplant. Bloom und Finkielkraut einte die altmodische Verteidigung des universalen Anspruchs westlicher Werte der Aufklärung. Ebenfalls ihre Warnung, dass die von ihnen kritisierten Bewegungen den Ausgang der Menschheit aus fremd- und selbstverschuldeter Unmündigkeit vereiteln und dem Kampf gegen Rassismus und Unter-
drückung das Fundament entziehen.

Sich selbst separierende Schwarze

Allan Blooms Klage über den Niedergang amerikanischer Universitäten war umfassend, doch am bittersten klagte er die „Black Power“-Bewegung an: Der Abbau rassistischer Diskriminierung habe nicht zur Integration der Mehrzahl schwarzer Studierender geführt. Während Egalitarismus sonst aus Studierenden verschiedener Herkunft gleiche Personen gemacht habe, seien die schwarzen sich selbst separierende Schwarze geworden. Die „Black Power“-Bewegung habe Integration zur weißen Ideologie erklärt, Universitäten zu Lehranstalten nicht der Wahrheit, sondern von Mythen des Systems weißer Dominanz, akademisches Scheitern schwarzer Studierender damit begründet, dass man sie zum unnatürlichen Imitieren weißer Kultur gezwungen habe, einem demütigenden „White­facing“. Marxismus und Kulturrelativismus hätten auf diese Art einer Bewegung Glaubwürdigkeit verschafft, welche ein schwarzes Imperium am Campus begründet habe, das seine Unterworfenen schütze, aber in dem geschlossenen Raum der Black Culture zugleich kaserniere.

Alain Finkielkraut kritisierte am Antiimperialismus, einst Kolonisierte zu Gefangenen ihrer eigenen Zugehörigkeit zu machen, erstarrt in einer kollektiven Identität, die sie vom tyrannischen Europa gelöst habe, damit aber auch von dessen Werten, insbesondere dem des Vorrangs des Individuums vor der Gesellschaft. In der Koloniallogik sei zwar kein Platz für die kollektiven Subjekte außereuropäischer Kulturen gewesen – in deren wiedergefundener Authentizität aber keiner für das Individuum, das als Instrument des Imperialismus denunziert werde.

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