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„Ihr seid eine königliche Priesterschaft“

Das gemeinsame Priestertum im Neuen Testament und die Schritte zu seiner Rückgewinnung: eine katholische Rückbesinnung. Perspektiven für eine neue Sicht anlässlich des Abschlusses des vom Papst ausgerufenen „Jahres des Priesters“ am 11. Juni.

Im Neuen Testament werden nur Christus und die ganze Gemeinschaft der Gläubigen als „Priester“ im üblichen Sinn von (Heils-)Mittlern zwischen Gott und den Menschen (griech. hiereús, lat. sacerdos) bezeichnet (vgl. Hebr 7 zum Priestertum Christi, 1 Petr 2,5.9 und Offb 1,6; 5,10; 20,6 zum Volk Gottes als Priesterschaft). Die leitenden Amtsträger innerhalb des gemeinsamen Priestertums werden „Ältere“ (presb´yteroi) oder „Aufseher“ (epískopoi) genannt. Daher ist nach dem Neuen Testament in der Kirche Jesu das gemeinsame Priestertum das eigentliche und vom Amt der Presbyter und Episkopen wesentlich unterschieden. Letzteres steht im Dienst der priesterlichen Aufgabe des Volkes Gottes.

Legitimierte Fehlentwicklungen

Im Lauf der Kirchengeschichte kam es zu einer Spaltung zwischen Klerus und Volk und erhielt das Wort „Priester“ (dieses geht auf presb´y teros/„Älterer“ zurück) die heutige Bedeutung eines amtlichen Mittlers zwischen Gott und den Menschen. Während also nach dem Neuen Testament das ganze Volk Gottes in der Nachfolge Jesu Christi „Priester“ im Sinn von Heilsbringer (füreinander und für ihre Umgebung) sein soll, stehen nach der derzeitigen kirchlichen Lehre die Amtspriester und Bischöfe als Stellvertreter Christi oder Gottes über dem übrigen Kirchenvolk. Sie leiten es mit göttlicher Vollmacht, bilden eine heilige Herrschaft, eine „Hierarchie“. Alle anderen Gläubigen wurden zu „Laien“ in einem abwertenden Sinn. In der Kirchenkonstitution des letzten Konzils wird das „gemeinsame Priestertum der Gläubigen“ zwar genannt (Artikel 10), aber vom „amtlichen bzw. hierarchischen Priestertum“ dem Wesen nach unterschieden und diesem untergeordnet.

Diese Abkehr vom neutestamentlichen Verständnis der „Priesterschaft“ des Volkes Gottes hatte mehrere Gründe. Von einigen war in einem früheren Beitrag die Rede („‚Ihr werdet wie Gott‘ – sagte die Schlange“ in FURCHE 19/2010, Seite 19). Dazu kam das Beispiel der heidnischen Religionen, in denen ein eigener Priesterstand für den religiösen Kult zuständig war. Aber auch negative innerkirchliche Ursachen führten zur Bildung eines eigenen hierarchischen Priestertums.

Eine solche Fehlentwicklung war die „Vermassung“ und die damit verbundene „Anonymisierung“ der christlichen Gemeinden. Diese waren am Beginn der Kirche überschaubare geschwisterliche Gemeinschaften, in denen alle einander beim Namen kannten und als Brüder und Schwestern liebten. Doch nach dem Ende der Christenverfolgungen und nach der „Konstantinischen Wende“, als das Christentum zur Staatsreligion wurde und auf einmal viele dazugehören wollten, wuchsen die Gemeinden in den Städten gewaltig an, ohne untergliedert zu werden. Es entstanden große und anonyme Massen von Christen (in Rom mehrere Zehntausende in einer Pfarre), die nur mehr „von oben“ durch die Autorität von Amtsträgern zusammengehalten werden konnten. So wurden die brüderlichen „Älteren“ zu „Vätern“, die als Hirten die Gläubigen wie Schafe zu weiden hatten (obwohl in Jesu Kirche nach Mt 23,8f Revisionen in Lehre und Praxis niemand „Vater/Pater“ oder „Heiliger Vater“ genannt werden soll).

Das wurde verstärkt durch eine zweite Fehlentwicklung: Schon auf Grund der Vermassung und des großen Ansturms kam der mehrjährige Katechumenat zur Vorbereitung der Erwachsenen auf die Taufe zum Erliegen. Außerdem wurde die Säuglingstaufe immer mehr zur Normalform der Aufnahme in die Kirche, ohne dass deren Schattenseiten durch einen nachgeholten Katechumenat mit einer persönlichen Tauferneuerung im Erwachsenenalter ausgeglichen worden wären (eine Firmung im Kindes- oder Jugendalter genügt dafür nicht). Eine solche mündige Glaubensentscheidung wurde nur mehr den Mönchen und Ordensleuten bei ihren Gelübden und den Amtspriestern anlässlich der Weihe zugemutet und ermöglicht. Diese gelten deshalb heute noch als die eigentlichen Jünger/ -innen Jesu.

Dadurch wurde das Bild des Amtspriesters als eines übergeordneten Heilsmittlers scheinbar legitimiert. Denn die vielen Christen, die wegen dieser Umstände nicht zu einer persönlichen und kirchlich besiegelten Glaubensentscheidung gelangen (können), werden eben deshalb von der amtlichen Kirche als erst zu bekehrende oder im Glauben unmündige Getaufte angesehen, die von den geweihten Hirten, die als Stellvertreter Christi gelten, betreut werden müssen. Die Defizite – der Mangel an Gemeinden und an Mündigkeit im Glauben – wurden also nicht behoben, sondern durch das hierarchische System kompensiert und damit sanktioniert.

Eine Rückkehr der Kirche zum neutestamentlichen gemeinsamen Priestertum der Gläubigen, innerhalb dessen das interne und das ordinierte Leitungsamt (Presbyterat) im Dienst an der Einheit fungieren, würde also große Änderungen sowohl in der Lehre als auch im Leben erfordern. An die Stelle der hierarchischen, stufen- und pyramidenförmigen Kirchenstruktur mit dem Papst an der Spitze müsste eine geschwisterliche treten ohne eine heilige Herrschaft von Amtsträgern.

Revisionen in Lehre und Praxis

Das erfordert ein anderes, nämlich ein egalitär-kollegiales Verständnis zunächst des internen Leitungsamtes in der Kirche: Der interne Leiter oder die interne Leiterin in den Gemeinden, in den Gremien der Teilkirchen und der Gesamtkirche (es kann auch ein kleines Team sein) hat dann nicht allein die letzte Entscheidung zu treffen, sondern ist in der Gemeinschaft das Zeichen und Werkzeug der Einmütigkeit, unter deren Anspruch sich alle stellen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, hat er oder sie aber nicht nur eine Stimme unter den anderen, sondern steht in einer verfahrensbedingten Gleichrangigkeit mit allen übrigen in der Gemeinde oder in den kollegialen Gremien. Er oder sie kann demnach die Letztentscheidung nicht vorgeben, aber auch nicht überstimmt werden, sondern muss sich mit allen anderen einigen wie diese mit ihm oder ihr. Nur so werden alle zu einer gemeinsamen Letztverantwortung herausgefordert, können sich nicht hinter einer Mehrheit verstecken.

Das interne Leitungsamt ist aber schon in der jetzigen Kirchenstruktur nicht mit dem ordinierten Presbyterat identisch. Das zeigt sich unter anderem daran, dass es in den „Laienorden“ Gemeindeleiter/-innen gibt (etwa Äbtissinnen), die nicht ordiniert sind; jetzt auch in Gemeinden ohne eigenen Priester, die von „Laien“ geleitet werden. Daher ist das Amt der internen Leitung von dem des ordinierten („geweihten“) Presbyters zu unterscheiden, auch wenn beide oft von derselben Person ausgeübt werden. Während aber in der hierarchischen Kirchenstruktur der geweihte Priester Christus im Gegenüber zur Gemeinde repräsentiert und durch sein Priesteramt über dieser steht, liegt der Sinn der Ordination in einer geschwisterlichen Kirche darin, Männer und Frauen als authentische Verbindungsglieder in den Gemeinden und Teilkirchen (hier als Bischöfe) einzusetzen, damit sie für deren Einbindung in die Gesamtkirche und dadurch für ihre Rückbindung an Jesus Christus sorgen und sie sichtbar machen.

Eine geschwisterliche Kirche

Diese ordinierten Presbyter unterscheiden sich vom gläubigen Volk nicht im Priestertum als solchem, sondern durch ein Amt innerhalb desselben: Sie werden durch die Ordination von der Kirche bevollmächtigt, in ihren Gemeinden und Teilkirchen Zeichen und Werkzeug der Einmütigkeit mit allen anderen Gemeinden und Diözesen der Kirche zu sein. Daher leiten sie die Feiern der Sakramente, weil diese eine gesamtkirchliche Relevanz haben und deshalb nicht in die alleinige Kompetenz der einzelnen Gemeinden/Teilkirchen fallen. Denn wer getauft wird, wird in die ganze Kirche aufgenommen, Eucharistie kann nur in der Gemeinschaft mit allen Gläubigen gefeiert werden usw.

Eine solche Revision der Kirchenstruktur und des Priesterbildes müsste nicht nur in der Theorie – durch eine Korrektur der geltenden Lehre –, sondern vor allem in der Praxis erfolgen und sich hier bewähren: durch die Bildung überschaubarer Gemeinden, in denen alle Christen im Glauben mündig werden und dann priesterlich einander als Hirten und Hirtinnen begleiten sowie gemeinsam in ihrer Umgebung wirken; verbunden mit der Einführung eines Erwachsenenkatechumenats samt einer abschließenden persönlichen Tauferneuerung für jene, die als Kinder in die Kirche aufgenommen wurden. Nur durch überzeugende Beispiele des gemeinsamen Priestertums wird sich die im II. Vatikaum nicht realisierte Vision von einer geschwisterlichen Communio-Kirche in einem neuen „Apostelkonzil“ durchsetzen können.

* Der Autor ist Dozent für Pastoraltheologie an der Uni Innsbruck

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