Georg Heym war ein Visionär der modernen Großstadt und Wegbereiter des Expressionismus. Er verunglückte tödlich am 16. Jänner vor 100 Jahren - im Alter von nur 24 Jahren.

"Baudelaire. Verlaine. Rimbaud. Keats. Shelley. Ich glaube wirklich, daß ich von den Deutschen allein mich in den Schatten dieser Götter wagen darf, ohne vor Blässe und Schwachheit zu ersticken.“ Diese kühne Selbsteinschätzung vertraute am 5. November 1910 Georg Heym, 23 Jahre alt und Student der Jurisprudenz, seinem Tagebuch an. Zu diesem Zeitpunkt war von ihm noch nicht ein einziges Gedicht im Druck erschienen, und nur einige wenige Eingeweihte wussten um seine dichterische Begabung.

Nach schwierigen Lehr- und Wanderjahren wieder in Berlin, der Stadt seiner Kindheit, angelangt, fand er hier Anschluss an einen Kreis gleichaltriger Studenten, der unter dem Namen "Neuer Club“ eine streng antibürgerliche Haltung verfocht und sich schon bald zu einer der Keimzellen des literarischen Expressionismus in Deutschland entwickelte. Dort lernte er Jakob van Hoddis kennen, den Dichter des berühmten Gedichts "Weltende“; dort begegnete er aber auch so gegensätzlichen Denkern wie Kurt Hiller und Erwin Loewenson, von denen er wichtige intellektuelle Impulse empfing. Hiller erinnerte sich Jahrzehnte später folgendermaßen an Heym: "Er war ein, für mein Auge jedenfalls, außerordentlich schöner Mensch: frisch, herb, kraftvoll, schnittig, blond, zwar nicht allzu hoch gewachsen, eher gedrungen, aber musklig wie ein Panther, sehr straff in der Haltung, mit mächtigem Brustkorb, die breiten Schultern ohne Künstlichkeit und Krampf, vielmehr mit lockrer Selbstverständlichkeit nach hinten getragen. Er kleidete sich unauffällig-elegant, machte den Eindruck eines Berufs-Athleten oder eines jungen Offiziers in Zivil.“ Loewenson wiederum, der Heyms Nachlass 1933 mit in die Emigration nahm und dadurch der Nachwelt bewahrte, sagte in der Rückschau über den Dichter: "Dieser bis zur Bewußtlosigkeit Vitalisierte war uns ein offenbarter Aufbruch radikaleren Lebens. In unserem Siechtum […] erschien er wie das abrupte Vorzeichen einer Renaissance.“

"Neopathetisches Cabaret“

Die führenden Mitglieder des "Neuen Clubs“ veranstalteten unter dem etwas irreführenden Titel "Neopathetisches Cabaret“ einmal im Monat Gemeinschaftslesungen. War Heym bei der ersten Veranstaltung dieser Art lediglich Zaungast, so hatte er bereits bei der zweiten, am 6. Juli 1910, Gelegenheit, eigene Verse zum Vortrag zu bringen. Tags darauf stand im Berliner Herold zu lesen: "Georg Heym brachte in robuster Form Proben einer neuen Lyrik, die zwischen Keulenschlägen und fein besaiteten Stimmungen herumspielt.“ Ausführlicher war der Bericht, den der Rezensent des Berliner Tageblatts von Heyms erstem Auftritt vor Publikum gab: "Seine Reime sind erlesen, und in jedem neuen Vers hat er ein neues dichterisches Bild mit klangvollen Worten. Da drängen sich Würmer flügelschlagend unter den roten Stirnen toter Schädel. Da wird der Wolkentanz zum Totentanz. Tausend Blumen fallen auf unsere brave Spree, der das eine Lied gewidmet ist. Talent! Talent! Aber wo bleibt der frische, junge Klang? Wo das neue Pathos, das uns versprochen war?“

Zwischen Selbsthass und Daseinsfreude

Nicht wesentlich erfreulicher ist das Resümee, das sich in Heyms Tagebuch findet: "Ich las gestern im Neo-Pathetischen Cabaret einige Gedichte vor, die sehr beklatscht wurden. Aber wenn das der Ruhm ist. Ich weiß, plötzlich schien es mir, als sähen mich aus dem Dunkel des Saals lauter Tiere an und die Ochsen saßen ganz vorn und blökten mich an. Ich dachte, sind zu gut für Euch, viel zu gut. Wenigstens ging es ohne Sprachfehler ab, wovor ich die größte Sorge hatte.“

Heym schwankte in dieser Zeit zwischen Selbsthass und Daseinsfreude, zwischen dem Gefühl, aller Welt überlegen zu sein, und der für ihn trostlosen Zukunftsperspektive, als Jurist im Staatsdienst zu versteinern. Mit seinem Übermaß an Vitalität und Enthusiasmus wähnte er sich in die falsche Zeit hineingeboren; die "Ereignißlosigkeit des Lebens“, die er Tag für Tag konstatierte, machte ihm schwer zu schaffen. Er reagierte darauf mit maßlosen Todes- und Untergangsszenarien, etwa in seinen Gedichten "Schwarze Visionen“, "Die Dämonen der Städte“, "Der Krieg“, aber auch in Novellen wie "Das Schiff“ und "Die Sektion“. Von einer Zertrümmerung der Form, der Syntax und des Verses, wie sie manche seiner Alters- und Gesinnungsgenossen einforderten, sah er dabei ab, hielt stattdessen am Reim und an der Strophe fest, handhabte sie jedoch allmählich immer freizügiger und souveräner.

Schon in seiner ersten Berliner Zeit gelang es ihm, sich der Realität der Großstadt, dem Alltag Berlins, seiner Industrieviertel und seiner schmutzigen Peripherie, mit offenen, schmerzwachen Augen zu stellen und sie in ebenmäßige jambische Verse zu übersetzen, in wohlgedrechselte Gedichte reich an unverbrauchten Bildern wie etwa jenem der im Kreis durch den Gefängnishof marschierenden Gefangenen, von denen es heißt: "Wie in den Mühlen dreht der Rädergang, / So dreht sich ihrer Schritte schwarze Spur. / Und wie ein Schädel mit der Mönchstonsur, / So liegt des Hofes Mitte kahl und blank.“ In dieser Zeit ungehemmten Schaffens entstand auch sein wohl berühmtestes Gedicht "Der Gott der Stadt“. Mit ihm tat er den entscheidenden Schritt vom Visuellen zur Vision: "Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. / Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. / Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit / Die letzten Häuser in das Land verirrn.“

Unter Heyms lyrischem Zugriff verwandelt sich Berlin in eine mythische Stadt, liegt nicht mehr an der Spree, sondern am Styx und ist eine Totenstadt, in der es keine Zeit mehr gibt, in der sich statische Szenen abspielen wie diese: "Eine Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein, / Die Toten schaun den roten Untergang / Aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein. / Sie sitzen strickend an der Wand entlang, / Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein, / Zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.“

"Schatten sind viele“

Das erste Gedicht, das von Heym im Druck erschien, war ein Berlin-Gedicht. Es erschien in der kurzlebigen, doch einflussreichen Zeitschrift Der Demokrat und erregte die Aufmerksamkeit des Leipziger Verlegers Ernst Rowohlt. In einem Brief vom 30. November 1910 lud er den jungen Lyriker ein, ihm Manuskripte zu schicken; von da an erhielt er wöchentlich poetische Post aus Berlin, bis schließlich im Frühjahr 1911 Heyms erstes Buch, "Der ewige Tag“, eine Sammlung von vierzig Gedichten, erscheinen konnte. Es wurde viel besprochen und fand weitgehend positives Echo. Der damals sehr bekannte Schriftsteller Herbert Eulenberg schloss seine Rezension für die BZ am Mittag mit dem Appell: "Wir wollen uns den Namen Georg Heym merken! Und laßt uns hoffen, daß wir ihm noch oft gut begegnen werden.“

Diese Zeilen erschienen am 5. Jänner 1912 im Druck; elf Tage später ertrank der Dichter beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, gemeinsam mit seinem Schulfreund Ernst Balcke (der sich gleichfalls als Lyriker versucht hat).

Posthum erschien noch im selben Jahr, auf Betreiben der Weggefährten aus dem "Neuen Club“, der Gedichtband "Umbra vitae“. Darin zeichnet Heym ein fast surreal anmutendes Bild vom Ende seiner Epoche. Sich und seine Zeitgenossen sieht er als Schlafende erstarrt an einer Schwelle stehen, hinter der ein anderes Leben beginnt: "Schatten sind viele. Trübe und verborgen. / Und Träume, die an stummen Türen schleifen, / Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen, / Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.“

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