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Im kalten Regen von Krise und Krankheit

Wie wirkt sich die aktuelle Rezession auf die psychische Gesundheit aus? Berichte aus Krisenländern zeigen ein teils dramatisches Bild.

Während die Wirtschaftskrise Teile Europas weiterhin im Würgegriff hält, ergibt sich heute bereits ein vollständigeres Bild ihrer Folgekosten - auch im Hinblick auf die psychische Gesundheit. In Spanien und Griechenland hat die Krise besonders hart zugeschlagen. Gesundheitsberichte aus diesen Ländern sind daher exemplarisch, um die Auswirkungen eines krisengeschüttelten psychosozialen Umfelds, geprägt durch Arbeitslosigkeit, Verschuldung und Delogierung, nachzuvollziehen. Die Erfahrung mit vorangegangenen Krisen wurde anhand der letzten Jahre in teils dramatischer Weise bestätigt. Beim Internationalen Weltkongress für Psychiatrie, der letzte Woche in Wien stattfand, wurden erstmals längerfristige Daten zum Zusammenhang zwischen der aktuellen Wirtschaftskrise und dem Status der psychischen Gesundheit in Europa präsentiert.

Anstieg der Suizide

Sowohl in Griechenland als auch in Spanien nahm die Häufigkeit psychischer Störungen in den Jahren von 2006 bis 2010 signifikant zu, am meisten bei den Depressionen. Die Arbeitslosigkeit in Spanien war in diesem Zeitraum von 8,5 Prozent auf über 20 Prozent geklettert und betraf insgesamt 4,5 Millionen Menschen im Land. "Bei den spanischen Allgemeinmedizinern war im Vergleich zur Boom-Zeit vor der Krise ein markanter Anstieg der Patienten mit Depressionen, Angststörungen und Alkohol-bezogenen Störungen zu verzeichnen“, berichtete Miguel Roca, Psychiatrie-Professor an der Balearen-Universität in Palma de Mallorca. "Der größte Anstieg zeigte sich bei der Alkoholabhängigkeit, mit einem Plus von zwölf Prozent.“

Eine Studienauswertung ergab, dass das erhöhte Depressionsrisiko nicht nur mit Arbeitslosigkeit, sondern auch mit Zwangsräumungen und Schwierigkeiten bei der Rückzahlung von Wohnungskrediten assoziiert war. Und Männer waren von der Zunahme depressiver Erkrankungen deutlich stärker betroffen als Frauen.

Die Zahl der Suizide bei Personen unter 65 Jahren ist seit Beginn der Krise im Jahr 2007 in der ganzen EU angestiegen, in Griechenland sogar um 60 Prozent. In Irland wurde innerhalb nur eines Jahres (2010-2011) eine Zunahme der Selbsttötungen um sieben Prozent dokumentiert.

Hitzige Diskussionen

Gemäß EU-weiten Daten geht ein Anstieg der Arbeitslosenrate um ein Prozent mit einem Anstieg der Suizide bei den Unter-65-Jährigen um 0,79 Prozent einher, wie Georg Psota, Chefarzt des Psychosozialen Dienstes in Wien, erläuterte: "Steigt die Arbeitslosenrate um mehr als drei Prozent an, nimmt die Suizidrate in dieser Gruppe sogar um rund 4,5 Prozent und die Zahl der Alkohol-bedingten Todesfälle um 28 Prozent zu.“ Ein noch umfassenderes Bild zu Suizidalität und psychischer Gesundheit zeigt sich gemäß Studien, die davon ausgehen, dass jeder vollzogene Suizid mit etwa zehn gescheiterten Suizidversuchen und bis zu 1.000 Fällen einer schweren Depression korrespondiert.

Die gesundheitlichen Folgen von Massenarbeitslosigkeit sind bei alleinstehenden Männern, Menschen ohne sozialen Rückhalt und in Ländern mit schwachen Arbeitsmarktprogrammen am stärksten ausgeprägt. Der große Nexus zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Gesundheit wird unter den Forschern allerdings hitzig diskutiert: Einige Studien wiesen einen Anstieg der Sterblichkeit während Phasen wirtschaftlicher Expansion nach und verdeutlichten somit, dass auch prosperierende Zeiten bei kurzfristiger Betrachtung mit erhöhten Gesundheitsrisiken einhergehen können - etwa durch verstärkte Arbeitsbelastung, erhöhten Stress oder weniger Freizeit im Sinne eines gesunden Lebensstils. Ökonomische Krisenzeiten sind generell abträglich für die Gesundheit, aber nicht immer mit einem Anstieg der Mortalität verbunden, wie Miguel Roca erklärte.

Gefahr des Sparstifts

Hinzu kommt, dass die Wirtschaftskrise infolge von Budgetkürzungen auch institutionelle Auswirkungen hat - und damit auch besonders jene Menschen trifft, die bereits an psychischen Erkrankungen leiden. Beim Verlust von Arbeitsplätzen in den EU-Staaten nimmt die Arbeitslosigkeit unter psychisch Erkrankten wesentlich stärker zu als in der Allgemeinbevölkerung. "Das zeigt, dass sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die soziale Exklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen intensiviert, was sich wiederum negativ auf den Krankheitsverlauf auswirkt“, so Psota, der auch auf die indirekte Rentabilität von Investitionen in die soziale Absicherung und psychische Gesundheit verwies. "Für je 100 US-Dollar, die pro Person für aktive Arbeitsmarktprogramme ausgegeben werden, reduzierten sich etwa die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Suizidrate um 0,38 Prozent. Leider werden aber gerade solche Investitionen im Zuge der Sparmaßnahmen in vielen Ländern eingeschränkt.“

Auch in Österreich steigt die Inanspruchnahme psychiatrischer Leistungen. Verstärkter wirtschaftlicher Druck gilt als einer der Gründe dafür. Psychische Erkrankungen sind heute die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit bei den 15-50-Jährigen. Die Zahl der Krankenstände aufgrund psychischer Symptome stieg in den letzten zwölf Jahren beachtlich - von rund 17 auf 28 pro 1.000 Erwerbstätige.

Angesichts dieser Entwicklung bot der Welt-Psychiatriekongress den Experten mehr denn je Anlass, auf die Dringlichkeit von Prävention, Früherkennung und breiten Behandlungsangeboten hinzuweisen. Die Planung von psychiatrischen Versorgungseinrichtungen sollte in den nächsten Jahren an eventuelle Bedarfssteigerungen angepasst werden, betonte Roca. Denn die ganzen Auswirkungen der Krise werden sich wahrscheinlich erst verzögert zeigen.

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