Digital In Arbeit
Feuilleton

Im Korsett der Traditionen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Von den Hürden, die auch der Schmerz nicht überspringt

Die Handlung ist so karg wie die Landschaft. Irgendwo in Afghanistan ist der alte Mann Dastagir mit seinem Enkel Yassin unterwegs zu seinem Sohn, um diesem das Schwert des Schmerzes ins Herz zu stoßen und ihm zu berichten, dass ihr Dorf vernichtet und die schwangere Frau des Sohnes mit der gesamten übrigen Familie umgekommen ist. Nur der alte Mann und das Kind haben überlebt. Sehr viel mehr erfahren wir auch nicht. Doch die Lobeshymnen der französischen Zeitungen sind berechtigt. "Erde und Asche" von Atiq Rahimi ist tatsächlich "ein Meisterwerk", ist "große Literatur, wie es sie seit Jahren nicht gegeben hat ... von ungeheurer Intensität" (L'Express), ist "ein Buch, wie es nur wenige gibt: Karg und berauschend, erschütternd, tieftraurig und unvergleichlich" (Le Monde), auch wenn gerade hier das Wort "berauschend" befremdet. Rahimi kann ohne weiteres jene "neue Stimme der Weltliteratur" werden, die "Le Nouvel Observateur" in ihm vernahm.

Und 90 Seiten lang ist "Erde und Asche" auch jene Parabel von zeitloser Gültigkeit auf das Leid aller, die unter Gewalt und Verfolgung leiden, die viele in diesem Buch sehen. Bloß komme ich mit dem Kritiker von La Quinzaine Littéraire nicht ganz mit, der, nachdem er das Buch geschlossen hatte, meinte, "noch die beschwörende Stimme zu hören wie die eines Gebets". Bis zu den letzten Seiten des Werks kann man tatsächlich meinen, mit der beschwörenden Stimme, mit der dieses Buch geschrieben ist, werde es auch nachhallen. Doch dann kommt ein harter, befremdender, verstörender Schluss - und das abrupte Ende der Allgemeingültigkeit.

Mit einem wahnwitzigen Überschlag, ohne aus der distanzierten, beschwörenden Stimmlage zu fallen, zerschlägt der Autor am Ende die Erwartungen des Lesers, springt aus der Allgemeingültigkeit ins Besondere und lässt das Buch so enden, wie es nur in Afghanistan enden kann.

Nach dem Erscheinen der französischen Ausgabe im Sommer 2000 kaum beachtet, wurde das Buch mit seinen 100 Seiten in großem Druck bei schmalem Satzspiegel durch den Krieg in Afghanistan plötzlich zum Kultbuch. Wurde die Qualität dieser Erzählung mit über einjähriger Verspätung doch noch gewürdigt, denn die Bezeichnung "Roman" ist reines Marketing. Die Handlungsführung ist konsequent linear, Umfang und Perspektive sind die klassischen einer Erzählung. Wobei Rahimi einen Kunstgriff anwendet, den er virtuos beherrscht und bis zum Ende durchhält: Das Ganze ist in der zweiten Person geschrieben. Die Hauptfigur wird von außen gesehen, der Autor erzählt seiner Figur, was sie tut, sieht, empfindet: "Du ziehst einen Apfel aus deinem roten Bündel mit dem weißen Apfelblütenmuster und reibst ihn mit einem Zipfel deines staubigen Gewands ab." Dies ist der Beginn.

Murad, der Sohn, arbeitet in der Mine. Wir erfahren nicht, wie lang sie schon unterwegs sind. Jetzt warten sie an einem Schlagbaum auf einen Lastwagen. Atiq Rahimis Afghanistan ist noch nicht das heutige Afghanistan nach 20 Jahren Krieg mit völlig zerstörten Strukturen. Russische Panzer haben Murads Dorf in einer Vergeltungsaktion zerstört, warum es so gekommen ist, erfahren wir am Rande. Aber das Warten des Großvaters und des Kindes auf den Lastwagen hat etwas von Endzeit. "Du trägst einen großen verworrenen Turban. Sein Gewicht drückt deinen Kopf zwischen die Schultern. Er ist von Staub bedeckt. Vielleicht ist er deshalb so schwer. Seine ursprüngliche Farbe ist nicht mehr zu erkennen, jetzt ist sie äschern von Sonne oder Staub". Der Staub ist allgegenwärtig und die Details, mit denen Rahimi die Vorbeifahrt eines Militärlasters schildert, der den "tiefen Schlaf des Staubs" stört, wie er beschreibt, wie der Staub die Brücke einhüllt und sich ganz sanft wieder legt, wobei er in Mund und Nasenhöhlen dringt, ist von erzählerischer Meisterschaft.

Noch redet der Großvater mit dem Kind, dass das Kind ihn nicht versteht, weil es beim Angriff der Panzer das Gehör verloren hat, werden wir erst erfahren. Es geschieht fast nichts und doch sehr viel in diesen Stunden des Wartens, oder haben sie viel kürzer gewartet? Lang genug, um das Wesentliche über den Wächter am Schranken zu erfahren, der offenbar in seiner Hütte seinen Schmerz pflegt, und über den Straßenhändler in seinem Kiosk, der aus Kabul flüchten musste und der auf das Kind achtgeben wird, während der Großvater hinauf zur Mine fährt. Die Angst des Alten vor der Begegnung mit seinem Sohn Murad gibt der Erzählung das Gerüst. Wie soll er ihm sagen, was geschehen ist? Er ist gekommen, dem Sohn ein Schwert ins Herz zu stoßen, das Schwert des Schmerzes. Die Erinnerung bedrängt ihn, und wenn er einnickt, kommen die Alpträume.

Dann aber nimmt die Handlung eine völlig unerwartete Wendung. Bevor Dastagir den Sohn trifft, erfährt er, dass Murad bereits über das Geschehene informiert wurde. "Er weiß Bescheid? Ja, Bruder, er weiß Bescheid." Man hat ihm sogar gesagt, auch sein Vater sei tot. Aber weshalb ist er dann nicht ins Dorf gekommen? "Nein, es ist nicht dein Murad. Es muss ein anderer sein." Es ist aber der Richtige. Dann hätte er doch sofort ins Dorf kommen müssen, um die Toten zu begraben. Der Vorarbeiter ließ ihn nicht gehen.

Man berichtet Dastagir von Murads Verzweiflung, aber diese Verzweiflung zählt nicht. "Nein, ihr habt nichts mehr miteinander zu teilen. Kein Wort, keine Träne, keinen Seufzer." Der Vater geht, ohne seinen Sohn gesehen zu haben.

Seine Reaktion ist fern jeder "Allgemeingültigkeit". Mit ihrer Unbedingtheit, ihrer Härte, charakterisiert sie eine Kultur mit ihren Traditionen, ihren Regeln, ihren Tabus. Noch einmal eine Wendung, nun eine letzte Geste. Kein weiteres Wort hier darüber, dieses Buch soll man lesen. Wo das "Allgemeingültige" endet, beginnt Afghanistan, liefert Rahimi ein kleines, aber wichtiges Bruchstück zum Verständnis des Landes. Im klaren Deutsch der Übersetzung aus dem afghanischen Persisch (Dari) von Susanne Baghestani ist kein Misston.

(Siehe auch das Interview mit dem Autor auf Seite 17)

ERDE UND ASCHE

Roman von Atiq Rahimi

Claassen Verlag, München 2001

102 Seiten, geb., e 14,78/öS 203,-