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Im Land des weißen und schwarzen Goldes

Weihrauch, Datteln, geräucherter Fisch, Gold- schmuck und Silberdolche. Gewürzkarawanen, Seeräuber, Sklavenhändler. Marco Polo, Sindbad der Seefahrer, die Königin von Saba. Die Wohlgerüche des Orients im Bazar von Maskat wecken die Abenteuer im Kopf ...

Im Sultanat Oman auf der Arabischen Halbinsel sind Sagen und Mythen überall präsent. Mit geschmeidigen Gesten preist der Händler sein Weihrauch-Harz an, das Hogivi, und die dazu passenden Gefäße, damit die kostbaren "Tränen Allahs" zu Hause auch gefahrlos den herben Duft verströmen können. Das beste Hogivi wird aus der südlichen Provinz Dhofar, die seit biblischen Zeiten das Geheimnis des weißen Goldes hütet, nach Maskat gebracht. Früher zogen die Weihrauch-Karawanen durch die Wüste Rub-al-Khali westwärts, auf Kamelrücken gelangte die begehrte Fracht nach Bagdad oder Damaskus.

Die Dhofar-Provinz verfügt über einen fruchtbaren Küstenstrich, wo neben den knorrigen Weihrauchbäumen auch Kokospalmen und tropische Früchte bestens gedeihen. Die Provinzhauptstadt Salalah, mit ihren rund 130.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Sultanats, ist heute eine quirlige Metropole, ein lebendiges Gemisch aus Tradition und Moderne. Die Dhofar-Provinz blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Geprägt von der Herrschaft jemenitischer Piraten und Sklavenhändler, von Kriegen und Stammeskämpfen, wurde sie erst in den siebziger Jahren dauerhaft befriedet. Weniger geeichte Wüstenfüchse besuchen zumeist den Norden des Oman und fliegen direkt in die Hauptstadt Maskat.

Neben dem Fort Jalali aus dem 16. Jahrhundert, das die Halbinsel am Ausgang der Bucht von Maskat krönt, ist der Sultanspalast Al-Alam-Al-Amer, dem 1970 ein Teil der Altstadt weichen musste, ein Wahrzeichen der Stadt. Der Quaderbau mit seinen leuchtend blauen und goldenen kelchförmigen Säulen ist der Amtssitz von Sultan Qabus.

Es lohnt sich, von Maskat eine Schiffahrt entlang der Küste zu unternehmen. Das strahlend türkisfarbene Meer, der tiefblaue Himmel, die goldbraun glänzenden Felsen, von lehmfarbigen Festungsbauten bekränzt - der Besucher versteht plötzlich, warum sich diese Farbenskala auch in den modernen Bauten widerspiegelt.

Das Muttrah Fort ist nur eine der malerischen Festungen, die Sultan Qabus restaurieren ließ. Maskat ist ein günstiger Ausgangspunkt für Ausflüge auch in das Landesinnere, in die Batinah-Ebene. Dort liegen die Stätten des omanischen Kernlandes. Das gut 200 Kilometer landeinwärts gelegene Wüstenschloss Jabrin, das Imam Bilarab bin Sultan im 17. Jahrhundert erbauen ließ, wurde kürzlich renoviert. Es gewährt nicht nur Einblick in die aristokratische Wohnkultur jener Zeit, sondern auch in die Machtkämpfe der damals herrschenden Imame.

Treuer Verbündeter der Briten

Unweit von Jabrin erreicht man die Oasenstadt Bahla, über der sich eine mächtige Festung erhebt. Das Bauwerk mit seiner zwölf Kilometer langen Befestigungsmauer ist Teil des Weltkulturerbes und wird von der UNESCO restauriert. Die in eine Ober- und eine Unterstadt geteilte Siedlung spiegelt das frühere Stammeswesen wider. Bahla ist bekannt wegen seiner Töpferkunst und war es früher wegen der Indigofärberei.

Landauf, landab wird der Besucher von Sultan Qabus begleitet. Aber nicht durch aufdringliche Konterfeis wie andernorts in arabischen Staaten üblich, sondern durch diskrete Hinweise und Bildnisse.

Liebenswürdigkeit und Zurückhaltung zeichnen die Omanis aus. Selbst im Bazar fühlt man sich nicht von Marktschreiern belästigt - geschäftig, aber gelassen wird gefeilscht. Privat gilt die Leidenschaft der Omanis den Kamel- und Pferderennen. Auch nach außen hin achtet der Sultan streng auf die Landessitten. Alle Staatsdiener müssen auf Anweisung des königlichen Diwans ihren Dienst in der weißen Dishdasha, einem langen, hemdartigen Gewand, verrichten, und den Kopf mit der Kumma, einer Kappe, um die ein Turban gewunden wird, bedecken. Bei Festlichkeiten ergänzt der Krummdolch Khanjar, oft an einem Silbergürtel, die Aufmachung.

Der omanische Herrscher stürzte 1970 seinen greisen Vater in einem unblutigen Putsch und verwandelte das rückständige Sultanat sachte in ein blühendes Staatswesen. Dank seiner Ölreserven konnte das 2,3 Millionen Einwohner zählende Land den Sprung vom Mittelalter in die Moderne schaffen. Die ökonomische, politische und touristische Öffnung erfolgen unter strenger Bedachtnahme auf die Tradition.

In jüngster Zeit hat Sultan Qabus seine Bürger jedoch zu größeren Anstrengungen auf dem Bildungssektor aufgefordert, um die hohen Sozialstandards zu halten, wenn das schwarze Gold versiegen sollte. Die absolute Monarchie kennt weder politische Parteien noch Gewerkschaften. Vorsichtige Schritte zu demokratischer Mitbestimmung waren 1991 die Einsetzung eines Konsultativrates (Majlis al Shura) und später eines Staatsrates (Majlis al Dawla). Die Rechtsordnung basiert auf der Scharia.

Jahrhundertelang wurde der Oman mit seiner 1.700 Kilometer langen Küste von Invasoren heimgesucht, er geriet unter portugiesische Kolonialherrschaft, die er aber bereits 1650 abschüttelte. Formell war das Sultanat fortan selbständig, ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1970 stand es unter einem protektoratsähnlichen Verhältnis zu Großbritannien. Die enge Bindung an Großbritannien blieb jedoch bis in die Gegenwart aufrecht. Britische Militärbeobachter waren immer präsent, und bei der Niederschlagung des Aufstandes in Dhofar standen in den siebziger und achtziger Jahren dem Sultan auch britische Söldner zur Seite. Er selbst wurde an der Militärakademie Sandhurst ausgebildet.

Derzeit finden in der omanischen Wüste die Manöver "Flinkes Schwert" statt, an denen rund 24.000 britische Soldaten teilnehmen. Auf der US-Luftwaffenbasis in Thumrait im Südosten der Arabischen Halbinsel sind seit den achtziger Jahren US-Soldaten stationiert, derzeit rund 700. Beim gegenwärtigen US-Militäraufmarsch gegen die radikal-islamischen Taliban in Afghanistan kommt dem Sultanat strategische Bedeutung zu. Nicht zuletzt, weil der Nachbar Saudiarabien sich weigerte, die Amerikaner von ihren Stützpunkten aus operieren zu lassen. Riad winkte sogar einem Besuch des britischen Premiers Blair ab, um nicht den Eindruck zu vermitteln, die US-Angriffe zu unterstützen.

In Maskat hingegen war Blair willkommen. Der britische Flugzeugträger "Illustrious" hat in Salalah geankert. Die USA prüfen Möglichkeiten, Luftangriffe von Oman oder von Katar aus zu fliegen. In Saudiarabien hätte die Königsfamilie, sollte sie dies zulassen, eine Fatwa der hohen Geistlichkeit zu fürchten. In Oman wurden im Gegensatz zu anderen arabischen Staaten Proteste nicht verboten. Nur wenige Menschen gingen auf die Straße. Die Omanis wollen ihr Paradies bewahren. Zu Recht.

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