Digital In Arbeit

Im Süden hat’s halt mehr Talent

Als Komponist hinterließ Otto Nicolai ein einziges Meisterwerk. Sein bleibendes Denkmal setzte er sich mit der Gründung der Wiener Philharmoniker. Eine Würdigung zum 200. Geburtstag.

Ein Anflug von Tragik umgibt das Schicksal des Carl Otto Ehrenfried Nicolai: Als Komponist konnten ihn selbst glänzende Erfolge in Italien nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm die ganz große Begabung fehlte; als ihm mit der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ dennoch ein Meisterwerk gelang, durfte er dessen weltweiten Siegeszug nicht mehr erleben, da er nur zwei Monate nach der Uraufführung im 39. Lebensjahr verstarb; und in Wien, wo er seine künstlerische Erfüllung fand, konnte er sich auf Dauer nicht durchsetzen: „Nicolai hat Feinde in Wien; dies ist schlimm für die Wiener, denn ich betrachte ihn als einen der hervorragendsten Dirigenten, die ich je angetroffen habe, und als einen jener Menschen, deren Einfluß genügt, um der Stadt, in der sie leben, eine musikalische Überlegenheit zu geben, wenn man ihnen die Mittel gibt, die zur Entfaltung ihrer Kraft und Intelligenz nötig sind“, urteilte kein Geringerer als Hector Berlioz im Jahre 1845.

Zu diesem Zeitpunkt war Nicolai eine etablierte Größe im Musik- und Geistesleben Wiens, ein Ziel, das er mit harter und konsequenter Arbeit erreicht hatte. Unmittelbar nach seiner Geburt am 9. Juni 1810 in Königsberg war seine Mutter für irrsinnig erklärt worden, worauf der Säugling Pflegeeltern übergeben werden musste. Erst ab 1820 übernahm der Vater, Carl Nicolai, die Erziehung, misshandelte aber im Bestreben, aus ihm ein Wunderkind zu machen, seinen Sohn dermaßen, dass dieser mit 16 Jahren entfloh, um sich auf eigene Faust durchs Leben zu schlagen. Auf Umwegen gelangte er nach Berlin, wo ihm Carl Friedrich Zelter das Musikstudium ermöglichte.

Wiens führender Musiker

1833 wurde Nicolai Organist der preußischen Gesandtschaft in Rom, vier Jahre später erfolgte seine Berufung als Kapellmeister an das k. k. Hofoperntheater nächst dem Kärntnertor in Wien. Nicolai bewährte sich glänzend, sah sich aber bald mit Intrigen konfrontiert, was dazu führte, dass sein Engagement 1838 beendet wurde. Es folgten drei spektakuläre Jahre in Italien, während derer vier seiner Opern zur Aufführung gelangten. Vor allem „Il Templario“ wurde zu einem Triumph, der sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte in Budapest und Barcelona, ja sogar in Petersburg und New York wiederholte. Der Wiener Premiere am 31. Mai 1841 war gar ein solcher Erfolg beschieden, dass Nicolai einen Vertrag als Erster Kapellmeister erhielt, den er bis 1847 verlängerte.

In diesen sechs Jahren avancierte er zum führenden Musiker Wiens: Er trat als Komponist und Dirigent auf und betätigte sich als Pädagoge und Verfasser von Aufsätzen zu aufführungspraktischen Fragen. Als Dirigent entsprach er hinsichtlich Werktreue, Schlagtechnik und Fähigkeit zu analytischer und geistiger Durchdringung einer Partitur sowie der für dieses Metier unerlässlichen Faszinationskraft allen modernen Anforderungen an einen Orchesterleiter und trug somit wesentlich zum Aufstieg dieses Berufsstandes bei.

Diese Eigenschaften waren auch für die Gründung der Philharmonischen Konzerte von entscheidender Bedeutung. Gedrängt von musikinteressierten Kreisen Wiens, dirigierte er am 28. März 1842 im Großen Redoutensaal ein Konzert, das vom „sämmtlichen Orchester-Personal des k. k. Hof-Operntheaters“ veranstaltet wurde und als die Geburtsstunde der Wiener Philharmoniker gilt, weil erstmals alle Prinzipien der bis heute gültigen „Philharmonischen Idee“ (Zugehörigkeit zum Staatsopernorchester, demokratische Selbstverwaltung, künstlerische Eigenverantwortlichkeit) verwirklicht wurden.

Trotz größter Erfolge in insgesamt elf Philharmonischen Konzerten war die Zusammenarbeit zwischen dem Dirigenten und seinem Orchester von schweren Zerwürfnissen überschattet, deren Ursache in Nicolais künstlerischen Ansprüchen lag: Die ein bis bestenfalls zwei Proben, welche bisher selbst für Uraufführungen genügen mussten, wurden durch eine Arbeitsweise abgelöst, die neben der vollkommenen Bewältigung technischer Anforderungen vor allem die Einheit der Auffassung bezweckte. Freilich bedurfte dies auch des entsprechenden Wollens: Acht Proben, wie Nicolai sie vor dem ersten Philharmonischen Konzert abhielt, eröffneten wohl neue künstlerische Möglichkeiten, bedeuteten aber auch Verzicht auf private Unterrichtsstunden.

Der unermüdliche Einsatz Nicolais wurde von den Musikern nicht gewürdigt: Es liegt nun einmal im Wesen der Demokratie, dass sie sich unbarmherzig auch gegen ihre Väter wendet – deren posthume Verehrung dann umso größer ist. Im Falle der Wiener Philharmoniker halten das alljährliche Nicolai-Konzert sowie die Nicolai-Medaille für besondere Verdienste um das Orchester die Erinnerung an den Künstler ebenso lebendig wie die Aktivitäten in diesem Jubiläumsjahr: Die Ouvertüre zu den „Lustigen Weibern von Windsor“ eröffnete den zweiten Teil des Neujahrskonzerts 2010, beim „Sommernachtskonzert Schönbrunn“ steht der „Mondchor“ aus seinem Meisterwerk auf dem Programm, und im Juli 2010 gastiert das Orchester zu Ehren seines Gründers zum ersten Mal in Königsberg.

Von Wien nach Berlin

„Nicolai war eine echte Künstlernatur, geistreich, enthusiastisch, ehrgeizig, allerdings auch eitel und launenhaft“, deren Stimmung „von liebenswürdiger Urbanität in unerträgliche Gereiztheit überschlagen konnte“, schrieb Eduard Hanslick. Ein Streit um die Uraufführung der „Lustigen Weiber von Windsor“ bildete auch den Anlass für seinen Abgang aus Wien: Nicolai lehnte eine Vertragsverlängerung ab und nahm ein Engagement in Berlin an, wo die Oper zur Uraufführung gelangte. Der Abschied fiel ihm trotzdem schwer: „In Berlin ist wohl mehr Ordnung, die ich in Wien erst so schwer vermißte – aber der Wiener hat mehr musikalisches Blut, während hier die Musik mehr angelernt ist. Im Süden hat’s halt mehr Talent!“, notierte er in seinem Tagebuch.

Später philharmonischer Dank

Die Bilanz seiner Wiener Tätigkeit ist zwiespältig. Als Komponist konnte er die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen; die Uraufführung seines Meisterwerkes sowie Bemühungen um eine Lebensstellung in der Kaiserstadt scheiterten; und die Philharmonischen Konzerte übertrafen zwar in wirtschaftlicher Hinsicht alle Erwartungen, blieben jedoch hinter Nicolais sozialen Visionen zurück, die um die Gründung eines Pensionsfonds kreisten. Die künstlerische Bilanz dieser Konzerte erwies sich hingegen als vollkommen. Mit souveränem Können und glühender Musikbegeisterung erschloss er hierzulande bis dahin unbekannte Dimensionen des Orchesterspiels, sodass er bereits 1844 sagen konnte: „Das Bedeutendste, was ich in diesen 3 Jahren in Wien getan habe, ist die Gründung der philharmonischen Konzerte.“

Mit der Weiterführung dieses Werkes statten die Wiener Philharmoniker Otto Nicolai bis zum heutigen Tag jenen Dank ab, den sie ihm zu Lebzeiten versagten. Im Jahre 1847 urteilten Außenstehende erheblich objektiver: Die „Begründung der ‚philharmonischen Konzerte‘ baut Nicolai […] ein Denkmal, das nicht sobald vergehen wird. Sein Name ist in die musikalische Bildungsgeschichte Österreichs so enge verwebt, daß er unmöglich ungenannt bleiben kann, wenn man die Männer nennt, die auf ihre Zeit einen großen Einfluß genommen, und selben zum Frommen der Kunst angewendet haben“, hieß es in der Allgemeinen Wiener Musik-Zeitung (1847). Nicolais Ruhm als Schöpfer der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ überstrahlte bald die Leistungen als Dirigent. Dennoch war die zitierte Würdigung fast prophetisch: Während „Falstaff“, also Giuseppe Verdis Vertonung von Shakespeares Komödie „The Merry Wives of Windsor“, Nicolais Meisterwerk stark zurückgedrängt hat, erwies sich jenes „Denkmal“, das er sich mit den Philharmonischen Konzerten setzte, als unvergänglich.

Der Autor

Clemens Hellsberg ist Vorstand und Primgeiger der Wiener Philharmoniker. In seinem aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums des Orchesters 1992 erschienenen Buch „Demokratie der Könige“ setzte sich der 1952 geborene Hellsberg mit der Geschichte des Orchesters auseinander, wobei erstmals auch dunkle Flecken nicht ausgespart wurden.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau