Tokarcuk - © Foto:  picturedesk.com / AP / Martin Meissner
Feuilleton

Im Wirbel der Zeit

1945 1960 1980 2000 2020

Ihre Karriere begann nach dem Zerfall des Ostblocks, dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“. Für ihre Romane wird Olga Tokarczuk nun rückwirkend für 2018 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

1945 1960 1980 2000 2020

Ihre Karriere begann nach dem Zerfall des Ostblocks, dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“. Für ihre Romane wird Olga Tokarczuk nun rückwirkend für 2018 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Mit Olga Tokarczuk erhält zum ersten Mal jemand, der in den 1960er Jahren geboren wurde, den Literaturnobelpreis. Sie steht insbesondere deswegen für eine „neuere“ Literatur, weil ihre literarische Karriere nach dem Zerfall des Ostblocks begann, in dieses vermeintliche, von Francis Fukuyama ausgerufene „Ende der Geschichte“ hinein, das von vielen begeistert aufgenommen wurde, und zwar nicht als bloße philosophische Spekulation, sondern als Verheißung einer konfliktfreien Zukunft. In gewissem Sinne ist Tokarczuk also eher eine Vertreterin „unserer“ Zeit als alle Literaturnobelpreisträger vor ihr. Die Geschichte geht freilich weiter, wie man seit Fukuyamas These immer wieder feststellen musste.

Deutliche Positionierung

Bei Tokarczuk bleibt die Geschichte dadurch präsent, dass sie oft historische Stoffe für ihre Romane wählt. Sowohl bei Tokarczuk, der Autorin, als auch bei Tokarczuk, der gesellschaftlich aktiven öffentlichen Person, erkennt man, dass Problemlagen, die gerne in die Historie gebannt werden, noch immer bestehen und deren historische Aspekte noch immer sehr kontrovers und emotional diskutiert werden. Mit der Verfechtung ihres Geschichtsbilds macht sich Tokarczuk bei Weitem nicht nur Freunde. So meinte die reaktionäre Wochenzeitung Najwyższy Czas!, die dem für eine absurde sexistische Rede im Europaparlament berühmten Janusz Korwin-Mikke gehört, der polnische Literaturnobelpreisträger von 1905, Henryk Sienkiewicz, drehe sich angesichts der Vergabe dieses Preises an Tokarczuk bestimmt im Grabe um.

Obwohl die polnischen akademischen Geschichtswissenschaftler diese Dinge schon sehr gut aufgearbeitet haben, möchten Teile der Gesellschaft, darunter auch die derzeit dominanten politischen Kreise, nichts davon hören und nichts davon wissen, dass viele Polen beim Holocaust kollaboriert haben, oder dass Polen im 17. und 18. Jahrhundert eine expansive, Ukrainer und Weißrussen unterdrückende Politik betrieben hat, oder dass Polen historisch ethnisch beileibe nicht so homogen war, wie es sich heute selbst darstellt.

Mit Olga Tokarczuk erhält zum ersten Mal jemand, der in den 1960er Jahren geboren wurde, den Literaturnobelpreis. Sie steht insbesondere deswegen für eine „neuere“ Literatur, weil ihre literarische Karriere nach dem Zerfall des Ostblocks begann, in dieses vermeintliche, von Francis Fukuyama ausgerufene „Ende der Geschichte“ hinein, das von vielen begeistert aufgenommen wurde, und zwar nicht als bloße philosophische Spekulation, sondern als Verheißung einer konfliktfreien Zukunft. In gewissem Sinne ist Tokarczuk also eher eine Vertreterin „unserer“ Zeit als alle Literaturnobelpreisträger vor ihr. Die Geschichte geht freilich weiter, wie man seit Fukuyamas These immer wieder feststellen musste.

Deutliche Positionierung

Bei Tokarczuk bleibt die Geschichte dadurch präsent, dass sie oft historische Stoffe für ihre Romane wählt. Sowohl bei Tokarczuk, der Autorin, als auch bei Tokarczuk, der gesellschaftlich aktiven öffentlichen Person, erkennt man, dass Problemlagen, die gerne in die Historie gebannt werden, noch immer bestehen und deren historische Aspekte noch immer sehr kontrovers und emotional diskutiert werden. Mit der Verfechtung ihres Geschichtsbilds macht sich Tokarczuk bei Weitem nicht nur Freunde. So meinte die reaktionäre Wochenzeitung Najwyższy Czas!, die dem für eine absurde sexistische Rede im Europaparlament berühmten Janusz Korwin-Mikke gehört, der polnische Literaturnobelpreisträger von 1905, Henryk Sienkiewicz, drehe sich angesichts der Vergabe dieses Preises an Tokarczuk bestimmt im Grabe um.

Obwohl die polnischen akademischen Geschichtswissenschaftler diese Dinge schon sehr gut aufgearbeitet haben, möchten Teile der Gesellschaft, darunter auch die derzeit dominanten politischen Kreise, nichts davon hören und nichts davon wissen, dass viele Polen beim Holocaust kollaboriert haben, oder dass Polen im 17. und 18. Jahrhundert eine expansive, Ukrainer und Weißrussen unterdrückende Politik betrieben hat, oder dass Polen historisch ethnisch beileibe nicht so homogen war, wie es sich heute selbst darstellt.

Die Beschäftigung mit der Historie rückt bei Tokarczuk vernachlässigte Aspekte der Gegenwart ins Rampenlicht.

Tokarczuk weist nicht nur in Interviews, Reden und Artikeln darauf hin, sondern diese Perspektive formt auch unverkennbar ihr belletristisches Schaffen. So versetzt uns ihr monumentaler Roman „Die Jakobsbücher“, der die Geschichte des selbsternannten jüdischen Messias Jakob Frank erzählt, ins von ethnischer und religiöser Vielfalt geprägte Osteuropa des mittleren 18. Jahrhunderts und zeigt, was für ein komplexes Gebilde es war. Tokarczuks Positionierung gegen den nationalistischen Mainstream wird hier dadurch deutlich, dass sie den Bischof Kajetan Sołtyk, eine für spätere polnische Nationalbewegungen wichtige, wenn auch für skrupellose politische Methoden bekannte historische Figur, hier als spielsüchtigen, scheinheiligen und kleinherzigen Wicht darstellt.

Tokarczuk greift nicht nur seine historische Rolle in einem Ritualmordprozess gegen einige Juden auf. In „Die Jakobsbücher“ hat er seine Insignien (gegen deutlichen Widerstand des pfandleihenden Juden, der nichts Gutes ahnt und mit den rituellen Objekten eigentlich nichts zu tun haben will) verpfändet und das Geld verspielt und macht „manch unerquickliche Fährnisse mit den Schytomirer Juden“ für seine finanzielle Notlage verantwortlich. Hier zeigt sich besonders deutlich Tokarczuks Provokanz. Sie gipfelt in „Der Gesang der Fledermäuse“ – von Agnieszka Holland unter dem Titel „Die Spur“ verfilmt – in (so meinen zumindest einige Interpreten) der Inszenierung einer bis zur Mordlust radikalen ökofeministischen Rebellion gegen das zeitgenössische polnische Patriarchat.

Die Überrepräsentanz der Handke-Debatte im deutschsprachigen Feuilleton im Vergleich zur Würdigung von Tokarczuk, ein Umstand, auf den ich in dieser Zeitung schon früh hingewiesen habe und der sich (dennoch) munter fortgesetzt hat, erscheint angesichts der gesellschaftlichen Rolle Tokarczuks noch einmal in einem anderen Licht: Die wunden Punkte der europäischen Geschichte scheinen hier aus irgendwelchen Gründen im Falle des Balkans viel interessanter als bei der Region Polen-Baltikum-Weißrussland-Ukraine. Das ist ein deutlicher Missstand, denn sie sind im letzteren Fall angesichts der ganzen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht weniger offen und brisant als im ersteren. Jedenfalls wird deutlich, dass es hier nicht um die Opposition „reine“ Literatur versus Politik geht. Denn mit Tokarczuk wird eine in ihrer Heimat große, politische Wellen schlagende Autorin zur Randnotiz einer „politischen“ Literaturnobelpreisdebatte. Dabei sind ihre gesellschaftspolitischen Positionen durch die Bedeutung der Verbindung von Geschichte und aktueller Gesellschaft für historische Romane im Allgemeinen und bei ihr im Besonderen durchaus relevant.

Frei von Eskapismus

Historische Romane werden oft in die Ecke der Trivialliteratur gestellt, und in Tokarczuks Werken gibt es darüber hinaus bisweilen sogar „fantastische“ Elemente, was ja auch oft als Zeichen für literarische Anspruchslosigkeit genommen wird. In beiden Fällen liegt dies wohl insbesondere daran, dass man einen sogenannten „Eskapismus“ vermutet. Von einem solchen kann bei Tokarczuk aber nicht die Rede sein. Die Beschäftigung mit der Historie rückt bei ihr vernachlässigte Aspekte der Gegenwart (zu der das Wissen um eine Historie ja immer auch gehört) ins Rampenlicht, und auch die fantastischen Elemente sind nicht einfach so da, sondern haben eine wichtige kompositorische Funktion.

In „Die Jakobsbücher“ erlaubt die durch kabbalistisches Wirken in einem Zustand zwischen Leben und Tod (als eine Art Geist; ist dieser Zustand eine Metapher für Literatur und Poesie?) gehaltene Figur der Jenta unter anderem eine sehr persönliche, aber doch über den Dingen schwebende Perspektive. Es heißt dort über sie: „Wie hatte sie einst denken können, die Zeit fließe. Die Zeit fließe? Amüsant. Jetzt steht es ihr klar vor Augen: Die Zeit wirbelt, wie ein Rock beim Tanz.“ Dies können wir durchaus sinnbildlich für Tokarczuks Verhältnis zur Geschichte lesen. Was unterscheidet den ernsthaften historischen Roman von Unterhaltung à la Alexandre Dumas oder Betroffenheitskitsch à la Takis Würger? Der ernsthafte historische Roman hat unter anderem die Zeit selbst zum Thema und nähert sich dadurch auch jeder Gegenwart an, beweist, dass es keine „Geschichte“ gibt, sondern nur den Wirbel der Zeit, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließend ineinander übergehen.

Dass mit der Beschreibung der Vergangenheit auch die Gegenwart gemeint ist, wird bei manchen Autoren deutlicher als bei anderen. Der Roman „Jakob der Knecht“ des polnisch-jiddisch-amerikanischen Schriftstellers Isaac Bashevis Singer (Literaturnobelpreis 1978) spielt nach den vom ukrainischen Kosakenführer Bogdan Chmelnitzki angeführten Aufständen von 1648 gegen das die Ukraine damals beherrschende Polen, bei denen etwa ein Fünftel bis ein Viertel der ukrainischen Juden umkam. Er zeigt das von dieser Katastrophe traumatisierte Judentum. Es ist aber offensichtlich, dass der Roman auch die Lage des Judentums nach der Schoah meint und von seinen Lesern so gelesen wurde. Tokarczuk, die uns dankenswerterweise in den Kontext des jüdischen Lebens im frühneuzeitlichen Osteuropa zurückholt, hat einen weniger offensichtlichen Gegenwartsbezug, der für das Werk aber trotzdem relevant bleibt.

Das Gebrabbel der Zeit entschlüsseln

Olga Tokarczuk lässt uns durch Raum, Zeit und Weltanschauungen reisen; es ist kein Zufall, dass bei ihr oft Prophetengestalten thematisiert werden, denn diese verkörpern einen Bruch im alltäglichen Weltverständnis, der für Tokarczuks Werk sehr wesentlich ist. In ihrem Roman „Letzte Geschichten“ heißt es: „Das Wesen jeder Religion ist nicht die Auferstehung und nicht die Erlösung, sondern die Umkehr der Zeit, die bewirkt, daß sie sich selbst in den Schwanz beißt, endlos das wiederholt, was sie bereits gesagt hat, auch wenn es ein kaum verständliches Gebrabbel ist.“ Mit der Würdigung durch den Nobelpreis werden nun, lässt sich annehmen, zahlreiche weitere Leser Reisen machen, in denen mit Tokarczuks Hilfe das Gebrabbel der Zeit wenigstens ein Stück weit entschlüsselt werden kann. Während alle Welt gespannt auf die Nobelpreisrede von Peter Handke ist, freue ich mich auf die von Olga Tokarczuk.

Tokarcuk: Die Jakobsbücher - © Foto: Kampa
© Foto: Kampa
Buch

Die Jakobsbücher

Roman von Olga Tokarczuk
Aus dem Poln. von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
Kampa 2019 1184 S., geb., € 43,20