Im Zeichen der Überlebenden - und der Jugend

Wie jedes Jahr am Sonntag nach dem 5. Mai kamen Überlebende ins ehemalige Konzentrationslager, um an die Befreiung Mauthausens durch die US-Armee vor nunmehr 59 Jahren zu erinnern. Mit ihnen zogen 12.000 Besucher aus ganz Europa und aus Übersee über die Lagerstraße zum Appellplatz: Die diesjährige Befreiungsfeier stand ganz im Zeichen der Überlebenden - kein prominenter "Gedenkredner" war diesmal aufgeboten worden (2003 hatte André Heller mit amerikakritischen Ausführungen bei den Vertretern des Mauthausen-Befreierlandes USA für Empörung gesorgt).

Der 90-jährige Obmann der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen, Hans Marsalek, war erkrankt; in seiner - vorgelesenen - Rede konstatierte er, die "Tradition der nationalen Überheblichkeit, des Chauvinismus mit seinem Fremdenhass, mit Führerkult und Antisemitismus" sei nicht beseitigt worden: Dies sei, so Marsalek, "Aufgabe der Regierungen, der politischen Parteien, der Religionsgemeinschaften, der Schulen".

Ein besonderer Akzent war die Anwesenheit zahlreicher Jugendlicher, die sich im des Projektes "A Letter To The Stars" (www. lettertothestars.at) mit Überlebenden der NS-Verbrechen auseinandergesetzt hatten. Jeder am Projekt teilnehmende Schüler hatte Kontakt mit einem Überlebenden aufgenommen: So sollen die Geschichten der weltweit verstreuten, 10.000 noch lebenden NS-Opfer aus Österreich aufgeschrieben und dokumentiert werden. Einige der Schüler/innen und Überlebenden erzählten in Mauthausen diese Geschichten und davon, wie berührend sich der Kontakt zwischen jungem Österreich und alten Verfolgten da gestaltete. Die Schüler begrüßten die Länder-Delegationen bei der Gedenkfeier - von Albanien bis zu den USA - in ihrer jeweiligen Landessprache und ließen als Friedenszeichen hunderte Brieftauben frei.

Die 61-jährige Französin Michelle Rosseau Rambaud, Tochter eines im "Euthanasie"-Schloss Hartheim, das zum KZ Mauthausen-Komplex gehörte, Ermordeten, wandte sich direkt an die Jugendlichen und erzählte, wie ihre "Generation von Waisenkindern" Aufruhr und Abneigung überwunden habe; sie wies auch darauf hin, "dass man im Leben nichts vermag, wenn man allein ist". Rousseau Rambaud: "In dem Alter, wo man sich um Freundschaften und Liebe kümmert, sind Jugendliche, wie ihr es seid, für ihr Ideal gestorben." Die Jugend vermöge aber - heute wie damals - große Dinge: "Vergessen wir deshalb alle zusammen in der Stille unserer Herzen und unserer Gedanken nicht, was der Preis der Freiheit ist."

Die anwesenden Politiker - an der Spitze Innenminister Ernst Strasser und Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer - wurden zum Thema Jugend auch mit Kritik konfrontiert: Seit Jahren setzt sich das Mauthausen Komitee Österreich für eine Jugendbegegnungsstätte, wie sie schon in Auschwitz, Dachau oder Buchenwald existiert, ein. Doch, so die Klage in der Rede des Mauthausen-Überlebenden Hans Marsalek, die Errichtung einer solchen Jugendbegegnungsstätte nahe dem Mauthausener Steinbruch sei "von offiziellen Stellen" verhindert worden. Auch Walter Beck, Prag, der Präsident des Internationalen Mauthausen Komitees, unterstrich den "enormen bildungs- und gesellschaftspolitischen Stellenwert", den eine solche Einrichtung habe. Otto Friedrich

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