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Feuilleton

Immer gleiche Mechanismen ...

1945 1960 1980 2000 2020

In seinem ersten englischsprachigen Film "The Lobster" verwandelt der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos die Protagonisten in Tiere, wenn sie sich nicht auf Befehl verlieben. Beispielsweise in einen Hummer.

1945 1960 1980 2000 2020

In seinem ersten englischsprachigen Film "The Lobster" verwandelt der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos die Protagonisten in Tiere, wenn sie sich nicht auf Befehl verlieben. Beispielsweise in einen Hummer.

In "The Lobster", dem neuen Film von Yorgos Lanthimos (Dogtooth, Alpis), wird jeder, der Single ist, in ein bestimmtes Hotel verfrachtet, wo sie sich innerhalb einer gewissen Frist verlieben sollen. Bleiben die vom Management erstellten Best-Match-Profile ohne Erfolg, wird die jeweilige Einzelperson schließlich in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. David (gespielt von Colin Farrell), wählt den Hummer. Viel Komik zieht der dem in strikten Tableaus Surrealistischen und Absurden zugeneigte Film aus der Tatsache, dass die Figuren alle auch noch so stupiden Regeln strikt befolgen. Regisseur Yorgos Lanthimos erklärt, was dahintersteckt.

DIE FURCHE: Welche Regeln haben Sie heute schon befolgt? Oder: Welche nicht?

Yorgos Lanthimos: Das ist eine gute Frage. Zu viele habe ich bereits wieder befolgt, viel zu wenige nicht. Das gilt jeden Tag. Wir leben tatsächlich in einer sehr regelbezogenen und von Regeln bestimmten Welt. Vorschriften, mit Sicherheit aber Konventionen gibt es für und über fast alles, für wichtige und völlig unwichtige Dinge.

DIE FURCHE: Das ist ein wesentliches Thema Ihres Films: Haben wir überhaupt die Freiheit, herauszufinden, was wir wollen?

Lanthimos: Bedenkt man, dass jeder bereits mit einem ganzen Set von Vorstellungen und Konventionen aufwächst, sofern er nicht völlig allein im Wald geboren wird, kann man berechtigterweise daran zweifeln, dass es per se möglich ist, "klar" im Sinne von "blank" zu denken. Jeder um einen herum erwartet etwas von einem, man weiß in einer Gesellschaft, in der man sich bewegt, was es "heißt", glücklich zu sein, also was in dieser Gesellschaft dafür nötig ist, glücklich zu sein.

DIE FURCHE: Ist Glück eine Entscheidung?

Lanthimos: Schon. Es macht Sinn, glücklich sein zu wollen, aber im Bestreben ist man vielleicht blind für die tatsächliche Liebe, weil man auch hier bereits nach Kriterien filtert, die mit eigenen und fremden Erwartungen, Regeln, Konventionen zu tun haben.

DIE FURCHE: Kann man Gefühle herstellen?

Lanthimos: Gefühle eventuell schon, aber Liebe nicht. Sicherlich gibt es Umstände, die es begünstigen, dass Menschen einander näher kommen oder sich voneinander entfernen. Aber dann ist es immer noch eine emotionale Entwicklung, die man selbst durchmacht. Von außen Gefühle zu erzwingen, funktioniert meiner Meinung nach nicht. Unter gesellschaftlichem Druck kann man sich also gar nicht wirklich verlieben, sondern man verliebt sich in die bewusste oder unbewusste Konstruktion und Projektion eines Ideals. Dazu kommt noch die urmenschliche Angst vorm Alleinsein. Es sind also die Strukturen einer jeweiligen Gesellschaft und auch wir selbst, die eine Freiheit verunmöglichen.

DIE FURCHE: Surrealismus, in einer formalen Übersetzung oder als narratives Element, spielt in allen Ihren Filmen eine wichtige Rolle. Gerade in "The Lobster".

Lanthimos: Die Realität zu zeigen ist für mich nicht interessant. Im Film die Realität als real nachzustellen, ist langweiliger als die Realität selbst. Nimmt man den Realitätsanspruch weg, kann man tief graben und andere Möglichkeiten entdecken, etwas zu sagen.

DIE FURCHE: David, der Protagonist des Films, gerät von einer sozialen "Diktatur" in die nächste. Obwohl als Gegenentwurf zum Liebeshotel erdacht, sind nämlich die "Anarchisten im Dienste der Einsamkeit", die sich dem Diktat des Liebens-Müssen entgegenstellen, auch nicht frei ...

Lanthimos: ... denn sie haben wiederum ein Set an Regeln, das ihr Zusammenleben bzw. ihr kollektives Allein-Sein bestimmt. Es ist ironisch, aber leider nicht falsch, dass ja die Menschen, die gegen ein bestimmtes System rebellieren, auch immer wieder nur ein neues System etablieren, mit den gleichen Mechanismen von Hierarchien und Unterdrückung und im Grunde nach den immer wieder gleichen gruppendynamischen Regeln, denen sie sich nicht entziehen können.

The Lobster

IRL/GB/GR/F/NL/USA 2015. Regie: Yorgos Lanthimos. Mit Colin Farrell. Filmcasino. 118 Min.

In "The Lobster", dem neuen Film von Yorgos Lanthimos (Dogtooth, Alpis), wird jeder, der Single ist, in ein bestimmtes Hotel verfrachtet, wo sie sich innerhalb einer gewissen Frist verlieben sollen. Bleiben die vom Management erstellten Best-Match-Profile ohne Erfolg, wird die jeweilige Einzelperson schließlich in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. David (gespielt von Colin Farrell), wählt den Hummer. Viel Komik zieht der dem in strikten Tableaus Surrealistischen und Absurden zugeneigte Film aus der Tatsache, dass die Figuren alle auch noch so stupiden Regeln strikt befolgen. Regisseur Yorgos Lanthimos erklärt, was dahintersteckt.

DIE FURCHE: Welche Regeln haben Sie heute schon befolgt? Oder: Welche nicht?

Yorgos Lanthimos: Das ist eine gute Frage. Zu viele habe ich bereits wieder befolgt, viel zu wenige nicht. Das gilt jeden Tag. Wir leben tatsächlich in einer sehr regelbezogenen und von Regeln bestimmten Welt. Vorschriften, mit Sicherheit aber Konventionen gibt es für und über fast alles, für wichtige und völlig unwichtige Dinge.

DIE FURCHE: Das ist ein wesentliches Thema Ihres Films: Haben wir überhaupt die Freiheit, herauszufinden, was wir wollen?

Lanthimos: Bedenkt man, dass jeder bereits mit einem ganzen Set von Vorstellungen und Konventionen aufwächst, sofern er nicht völlig allein im Wald geboren wird, kann man berechtigterweise daran zweifeln, dass es per se möglich ist, "klar" im Sinne von "blank" zu denken. Jeder um einen herum erwartet etwas von einem, man weiß in einer Gesellschaft, in der man sich bewegt, was es "heißt", glücklich zu sein, also was in dieser Gesellschaft dafür nötig ist, glücklich zu sein.

DIE FURCHE: Ist Glück eine Entscheidung?

Lanthimos: Schon. Es macht Sinn, glücklich sein zu wollen, aber im Bestreben ist man vielleicht blind für die tatsächliche Liebe, weil man auch hier bereits nach Kriterien filtert, die mit eigenen und fremden Erwartungen, Regeln, Konventionen zu tun haben.

DIE FURCHE: Kann man Gefühle herstellen?

Lanthimos: Gefühle eventuell schon, aber Liebe nicht. Sicherlich gibt es Umstände, die es begünstigen, dass Menschen einander näher kommen oder sich voneinander entfernen. Aber dann ist es immer noch eine emotionale Entwicklung, die man selbst durchmacht. Von außen Gefühle zu erzwingen, funktioniert meiner Meinung nach nicht. Unter gesellschaftlichem Druck kann man sich also gar nicht wirklich verlieben, sondern man verliebt sich in die bewusste oder unbewusste Konstruktion und Projektion eines Ideals. Dazu kommt noch die urmenschliche Angst vorm Alleinsein. Es sind also die Strukturen einer jeweiligen Gesellschaft und auch wir selbst, die eine Freiheit verunmöglichen.

DIE FURCHE: Surrealismus, in einer formalen Übersetzung oder als narratives Element, spielt in allen Ihren Filmen eine wichtige Rolle. Gerade in "The Lobster".

Lanthimos: Die Realität zu zeigen ist für mich nicht interessant. Im Film die Realität als real nachzustellen, ist langweiliger als die Realität selbst. Nimmt man den Realitätsanspruch weg, kann man tief graben und andere Möglichkeiten entdecken, etwas zu sagen.

DIE FURCHE: David, der Protagonist des Films, gerät von einer sozialen "Diktatur" in die nächste. Obwohl als Gegenentwurf zum Liebeshotel erdacht, sind nämlich die "Anarchisten im Dienste der Einsamkeit", die sich dem Diktat des Liebens-Müssen entgegenstellen, auch nicht frei ...

Lanthimos: ... denn sie haben wiederum ein Set an Regeln, das ihr Zusammenleben bzw. ihr kollektives Allein-Sein bestimmt. Es ist ironisch, aber leider nicht falsch, dass ja die Menschen, die gegen ein bestimmtes System rebellieren, auch immer wieder nur ein neues System etablieren, mit den gleichen Mechanismen von Hierarchien und Unterdrückung und im Grunde nach den immer wieder gleichen gruppendynamischen Regeln, denen sie sich nicht entziehen können.

The Lobster

IRL/GB/GR/F/NL/USA 2015. Regie: Yorgos Lanthimos. Mit Colin Farrell. Filmcasino. 118 Min.