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Immunität hat ihren Preis

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Das Chaos des Vorjahres um den Impfstoff "TicoVac" hat Spuren hinterlassen: Während Kinder heuer in Deutschland ohne FSME-Schutz bleiben, wird in Österreich (bislang problemlos) gespritzt. Indes erhält die Spritze Konkurrenz: Nasensprays oder gentechnisch veränderte Lebensmittel könnten sie in Zukunft ersetzen.

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Das Chaos des Vorjahres um den Impfstoff "TicoVac" hat Spuren hinterlassen: Während Kinder heuer in Deutschland ohne FSME-Schutz bleiben, wird in Österreich (bislang problemlos) gespritzt. Indes erhält die Spritze Konkurrenz: Nasensprays oder gentechnisch veränderte Lebensmittel könnten sie in Zukunft ersetzen.

Ich hoffe, Deutschland kann uns hören." Was sich Universitätsprofessor Michael Kunze, Leiter des Wiener Instituts für Sozialmedizin, vergangenes Wochenende vor hunderten Impfexperten im Salzburger "Renaissance-Hotel" wünschte, fand im Auditorium spontane Sympathie.

Was war passiert? Wenige Tage vor der Zusammenkunft am "10. Österreichischen Impftag" hatte Deutschland abgelehnt, den "TicoVac"-Nachfolgeimpfstoff "FSME-Immun Inject" des US-Pharmakonzerns Baxter zuzulassen. Der Grund: fehlende Studien über die veränderte Zusammensetzung. Vorsicht war das Gebot der Stunde, zumal es nach Angaben des Paul Ehrlich Instituts im Vorjahr nach der Injektion von "TicoVac" bei über 1.000 Patienten zu Fieberschüben und anderen schweren Nebenwirkungen gekommen war. Schuld an der Misere war eine Rezepturänderung, weiß Frank Butschbacher, Pressesprecher von Baxter: "Schon 1999 war als Stabilisator Humanalbumin (menschliches Eiweiß, Anm. d. Red.) enthalten. Im letzten Jahr haben wir das entfernt. Nach den Nebenwirkungen sind wir nun zum alten Wirkstoff mit Stabilisator zurückgekehrt."

Während man sich im heimischen Gesundheitsministerium mit der Rückkehr zu Altbekanntem zufrieden gab, stellten sich die deutschen Nachbarn quer. "Die hatten viel Ärger und wollen es heuer genau wissen", tröstet Butschbacher sich und seinen Konzern. Zwar steht auch von Pharma-Konkurrent Chiron Behring einen Impfstoff ("Encepur") zur Verfügung - allerdings nur für Erwachsene. Kinder bis zu zwölf Jahren sind den zeckigen Blutsaugern und dem Erreger der Frühsommermeningoenzephalitis ungeschützt. ausgeliefert. Erst im Herbst bringt Chiron Behring auch ein Serum für Kinder auf den Markt.

Österreichischen Impflingen unter dieser Altersgrenze wird dagegen die (ungefähre) Hälfte der Dosis injiziert. "Das ist natürlich verrückt", kritisiert der Berliner Experte Burghard Stück den vorgeschlagenen Impfmodus. Dennoch kann er die deutsche Entscheidung nicht nachvollziehen: "Im Herbst ist es zu spät. Vor allem fallen nun auch die Eltern weg, die bisher zum Kinderarzt gekommen sind, um ihre Kinder impfen zu lassen und selbst darauf aufmerksam gemacht wurden." Zwar könnten besorgte Eltern in Hochrisikogebieten um Passau oder im Schwarzwald auch einen nicht zugelassen Impfstoff einführen - im Falle von Impfschäden haftet der Staat jedoch nicht. "Eine ganz dumme Situation", so Stücks Konklusio.

"Stein vom Herzen" "Ich möchte nicht der Direktor des Paul Ehrlich Instituts sein, dem eine Mutter von der Infektion ihres Kindes erzählt", übt auch der Wiener Tropenmediziner Herwig Kollaritsch heftige Kritik. In seinem "Ja" zur Zeckenimpfung fühlt sich auch der Grazer Hygieniker Egon Marth bestätigt: Nach den Wirren um TicoVac hatte er sich die Prüfung des Nachfolgeserums zur Aufgabe gemacht - und sich schließlich zu einer schriftlichen Empfehlung an das Ministerium "hinreißen lassen", so Marth. "Als dann nach den ersten hundert Impfungen kein einziger Fieberfall aufgetreten ist, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen." Kritik von Impfgegnern wie dem Verein "AEGIS" (Alle Eltern gegen Impfschäden), wonach Impfungen Allergien provozieren sowie toxische Stoffe wie Formaldehyd oder Thiomersal (eine quecksilberhältige Substanz) beinhalten würden, weist Marth zurück: "Nur tierisches Eiweiß kann allergisch wirken. Es gibt aber Studien, dass geimpfte Kinder insgesamt weniger an Allergien leiden als ungeimpfte. Impfen ist ein Stimulans für das Immunsystem." Weiters sei Formaldehyd meist "nur in Spuren vorhanden, die nicht in der Lage sind, irgendeine Reaktion auszulösen." Thiomersal schließlich könne tatsächlich "bei Kleinkindern toxisch wirken." Substanzen, die man nicht wirklich brauche, seien deshalb zu entfernen. Kommt es dennoch nach einer Impfung zu nachweisbaren Nebenwirkungen, muss sich der behandelnde Arzt an das Gesundheitsministerium oder die Forschungsstelle für Impfnebenwirkungen wenden, erklärt Karl Zwiauer, Leiter dieser Institution und Primar an der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am LKH St. Pölten. Impfnebenwirkungen wie massive Schwellungen und Lähmungen seien sehr selten.

Auch Reinhart Waneck zeigt sich erleichtert: "Bei 600.000 Impfungen ist es nur in vier Fällen zu Fieberreaktionen gekommen," verkündete der Gesundheitsstaatssekretär. Die einzigartige österreichische Durchimpfungsrate von 84 Prozent trägt mittlerweile Früchte: Erkrankten früher bis zu 700 Menschen im Hochrisikoland Österreich an FSME, so wurden im Vorjahr nur 60 Fälle verzeichnet. Angesichts dieser Zahlen betrachtet Herwig Kollaritsch die oft diskutierte Verlängerung des Impfabstandes von drei auf fünf Jahre mit Skepsis: "Junge Menschen reagieren besser, aber wie lange sie immun sind, weiß niemand." Völlige Sicherheit bietet nur ein Antikörpertest. Kostenpunkt: 500 Schilling. Bis 17. Juli ist der FSME-Impfstoff noch zum Preis von 220 Schilling erhältlich. Der Arzt stellt für die Verabreichung weitere 120 Schilling in Rechnung.

Sprühen statt Spritzen Läuft die Zeckenjagd wie geplant, so gibt es bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung Aufholbedarf, klagt Reinhart Waneck: "Statt 70 Prozent sollten mehr als 90 Prozent der Kinder dagegen immunisiert sein." Bis zu 5.000 Masernfälle werden in Österreich pro Jahr verzeichnet. Komplikationen wie Mittelohr-, Lungen- und Gehirnentzündung geben Anlass zur Sorge. Auch die Influenza-Impfung müsse den Kindern vermehrt schmackhaft gemacht werden, weiß Sozialmediziner Kunze - nicht nur zu ihrem Schutz: "Kinder sind die Motoren der Epidemie. Bei 420 geimpften Kindern erspart man sich einen erwachsenen Todesfall."

Optimismus prägte hingegen den letztwöchigen Impftag in Salzburg: Zwar lässt ein prophylaktischer HIV-Impfstoff ebenso auf sich warten wie ein Serum gegen Hepatitis C (Leberentzündung). Doch kündigen sich am Impfsektor Revolutionen an: Nach dem Motto "Sprühen statt Spritzen" bieten Nasensprays Nadel-Verächtern neue Perspektiven - und Kindern einen 90-prozentigen Influenzaschutz. Auch der Malaria könnte es bald an den Kragen gehen, stellt Josef Thalhamer vom Institut für Chemie und Biochemie der Universität Salzburg in Aussicht. Bereits 1992 wurde entdeckt, dass Gene zu einer Antikörperreaktion führen. In einer neuen Methode wird gereinigte, "nackte" DNA, die den Bauplan für die Produktion eines Virus- oder Bakterienproteins enthält, injiziert - oder auf winzige Goldkügelchen im Tausendstelmillimeter-Bereich aufgetragen und mit einer "Gene-Gun" in die Zellen "geschossen". Die Zellen produzieren in der Folge dieses Protein, das sie - weil den körpereigenen Abwehrzellen unbekannt - zur Bildung von Antikörpern anregt. Der Körper macht sich also seinen Impfstoff selbst. So konnte ein wirksamer Malaria-Impfschutz hergestellt werden, zumindest für Mäuse.

Nicht nur in Salzburg, auch in Australien wird Spekakuläres zu Tage gefördert, weiß der Vorsitzende des Impfausschusses und Primar am LKH Leoben, Ingomar Mutz: "Dort werden derzeit Versuche mit einem Masern-Antigen in Kartoffeln gemacht." Auch gentechnisch manipulierte Bananen oder Reis sind geeignete Impfstoff-Träger, verkündet Mutz. Bananen- statt Masernpartys - was kann es Schöneres geben.

Infos zum Thema Impfen unter www.impf.at, www.gruenes-kreuz.org www.reisemed.at

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