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In den Spiegel schauen

Kunststaatssekretär Franz Morak im Gespräch über Österreichs Jubiläen im Jahr 2005.

Die Furche: Herr Staatssekretär, was ist für Sie die zentrale Botschaft von Österreich 2005?

Franz Morak: Wir haben ganz bewusst nichts vorgegeben: keine Richtung, kein Geschichtsbild, auch nicht, wie man das feiern soll. Jetzt haben wir über 100 Veranstaltungen, mehr als 20 Publikationen und die unterschiedlichsten Zugänge zu den geschichtlichen Daten. Uns ist vor allem wichtig gewesen, dass es kein nostalgischer, verklärter Blick auf die Vergangenheit wird; uns ist das als Denkanstoß für die Gestaltung der Zukunft wesentlich.

Sicher ist, dass wir daran erinnern, wie schwierig es war, diese Republik wieder aus den Trümmern aufzubauen, wie wir mit den Hinterlassenschaften des Krieges umgegangen sind. Und das ist selbstverständlich auch eine große Zusammenfassung der 1930er und 40er Jahre: Wie kam es zu diesem verhängnisvollen Krieg und zu den großen Verbrechen des Nationalsozialismus, und wie sind wir hinterher damit umgegangen? Es soll nichts beschönigt werden, es geht um einen klaren Blick auf die Vergangenheit, und am Ende soll, wie ich meine, ein auf die Zukunft gerichteter Blick stehen.

Die Furche: Auf welche Weise wird die Jugend in diesen Prozess mit einbezogen?

Morak: Die Frage ist: Wie gehen 15- oder 18-Jährige mit ihren Selbstverständlichkeiten um: genug zu Essen zu haben, in einer Überflussgesellschaft zu leben. Was bedeutet für sie Frieden? Wie gehen sie damit um, dass das einmal nicht so war? Was bedeutet das für die Jungend und wie gehen die älteren Generationen damit um? Die Frage ist: Wie begegnen wir unserer eigenen Vergangenheit?

Die Furche: Sind die Jubiläen des Jahres 2005 auch über Österreich hinaus von Bedeutung?

Morak: Sie sind auch ein schöner Übergang zu unserer EU-Präsidentschaft 2006, wo wir wieder Probleme vor uns haben, die wir nur gemeinsam schaffen werden: die Migrationprobleme, die Verhandlungen mit der Türkei oder auch mit Kroatien. Und selbstverständlich sind Bulgarien und Rumänien ein Thema. Im Grunde ist das ein sehr schönes Innehalten mit einem im Kalender vorgesehenen Hinweis darauf, dass wir nicht allein auf der Welt sind, sondern in einem großen europäischen Zusammenhang denken müssen.

Die Furche: War Wienlastigkeit ein Problem in der Vorbereitung dieser Jubiläen. Waren Vorarlberg oder Kärnten von Anfang an begeistert mit dabei?

Morak: Es gibt keine verordnete Feier. Aber es ist ganz gut, wenn wir uns einmal in den Spiegel schauen. Und da gibt es einen lokalen Blick, einen regionalen Blick, einen bundesweiten Blick, und es gibt den Blick der Institutionen - im Staatsarchiv werden gerade die Ministerratsprotokolle der Regierung Figl aufgearbeitet, was ein sehr spannender Diskurs sein wird. In vielen Ebenen - ob das die Arbeit der Historiker oder der Ausstellungsmacher ist - wir waren immer bemüht, einen sehr differenzierten Blick auf die Vergangenheit zu werfen, der keine parteipolitischen Brillen trägt. Das Gesamte ist dem Bundeskanzler und mir wichtig, und ich glaube, wir sind hier auf einem sehr guten Weg. Schauen Sie sich die Besetzungen der Kuratoren an oder die Programme, ob sie in Linz stattfinden oder im Wien Museum, ob das die großen Feiern vor dem Belvedere oder die zahlreichen Symposien sind: In diesen vielen Facetten wird man etwas merken von der Diversifikation der Gesellschaft - und das ist ein ganz wesentlicher Ansatzpunkt: es ist eine spannende Aufgabe, die unterschiedlichsten Blickwinkel in diesen bisher 100 Veranstaltungen abzufragen - das ist Dankbarkeit, das ist ein Aha-Erlebnis, das ist ein neues Geschichtsbewusstsein, aber auch eine Verpflichtung unseren Eltern und Großeltern gegenüber, ihre Aufbauarbeit ins Blickfeld zu rücken und schließlich aus dem Wissen um unsere Vergangenheit heraus eine Standortbestimmung für Österreich vorzunehmen.

Die Furche: Sie haben das Bild des Spiegels verwendet. Die Gefahr der Selbstbespiegelung, des reinen Jubeljahres fürchten Sie nicht?

Morak: Wenn Sie die Vielgalt der Veranstaltungen und die versammelte Kompetenz Revue passieren lassen - ich sehe diese Gefahr nicht. Ich glaube, die Wortwahl "Gedankenjahr" beschreibt das sehr gut: kein Jubeljahr, ein Gedankenjahr.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

Sämtliche Programme und Infos:

www.oesterreich2005.at

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