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Feuilleton

In den Spiegel schauen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Mit seinem neuen Film "Nichts zu verzollen“ blickt Dany Boon über die Grenzen - zu Land und im Geiste.

Die G’scherten aus der Provinz waren in Dany Boons Erstlingsfilm "Willkommen bei den Sch’tis“ die Zielscheibe für die Vorurteils-Attacken urbaner Franzosen und bescherten dem französischen Stand-Up-Comedian auch international einen großen Erfolg an den Kinokassen - ethnisch bedingte Nachbarstreitereien kennt man überall. Mit "Nichts zu verzollen“ begibt sich Boon nun an die belgisch-französische Grenze und beleuchtet gegenseitige Vorurteile. Ein deutsch-österreichisches Remake ist geplant. Die Furche traf einen unpolitischen Anti-Zyniker zum Interview. Die Furche: Herr Boon, was ist der Vorteil einer Grenze?

Dany Boon: Dass man sie überschreiten kann. Ansonsten sind Grenzen im Prinzip unnötig und sie existieren vor allem in den Köpfen. Klar ist es wichtig, dass verschiedene Kulturen gewahrt bleiben, aber um untereinander geteilt zu werden, als Bereicherung. Nicht, um als gegenseitige Feinde verstanden zu werden. Das Konzept von Landeigentum bringt nichts als Kriege und Konflikte mit sich. Die Grenzsicherung in diesem Film ist ja auch der einzige "Besitz“, den der Zöllner hat. Ohne die Grenze fühlt er sich wertlos und ohne Macht. Die Furche: Sie beschäftigen sich gerne mit Vorurteilen, hier sind es die Klischees in den Köpfen der Bewohner an der Grenze zu Belgien. Was ist der Vorteil von Vorurteilen?

Dany Boon: (lacht) Dass sie revidiert werden können. Tatsächlich helfen Vorurteile manchen Menschen dabei, sich in der Welt zurechtzufinden. Die tun sich leichter, wenn sie alles erst in eine Schublade stecken können. Wichtig wäre aber, die Lade immer offen zu lassen, um etwas wieder herauszunehmen. Mit "Nichts zu verzollen“ wollte ich über Rassismus sprechen. Der beste Weg, das zu tun war, eine Komödie über einen Rassisten zu machen. Eine Komödie ist es ja vor allem deswegen, weil es zwischen Belgiern und Franzosen eigentlich gar keine Unterschiede gibt. Wir sprechen dieselbe Sprache, haben dieselbe Hautfarbe und dieselbe Religion. Es ist wie mit Deutschen und Österreichern. Trotzdem haben wir nicht denselben Pass und dieselbe Nationalidentität. Es gibt eben eine Grenze. Und ich habe festgestellt, dass es den Franzosen verdammt schwer fällt, über sich selbst zu lachen. Des halb liebe ich es, meinen Landsleuten einen Spiegel vorzuhalten. Es ist wichtig, dass sich jemand über die Funktionäre mokiert, über "die da oben“, deren Aktionen und Ansichten für "die da unten“ schwer verständlich sind.

Die Furche: Glauben Sie, dass eine Komödie über Rassismus mehr beim Publikum bewegen kann als ein Drama?

Dany Boon: Ich bin nicht sicher, ob ein Film überhaupt etwas beim Zuseher ändern kann. Ich bezweifle es. Selbst Benoît im Film: Er ist ein Rassist, der zwar allmählich seine Meinung über die Figur ändert, die ich spiele. Aber am Ende ist er immer noch Rassist. Die Furche: Ihr Vater stammt aus Algerien, Ihre Mutter aus Frankreich - ist die Liebesbeziehung in "Nichts zu verzollen“ von Ihren Eltern inspiriert?

Dany Boon: Ja, denn die Vorbehalte gegenüber meinem Vater waren groß. Als meine Mutter ganz jung von ihm schwanger wurde, hat ein Teil ihrer Familie sie verstoßen. Die Furche: Sind Sie ein politischer Mensch?

Dany Boon: Nein, ich sehe mich eher als Repräsentant einer bestimmten Art von Menschlichkeit, die geprägt ist von Anti-Zynismus und Zärtlichkeit. Denn: Es sind ja nicht die Menschen selbst, über die ich mich lustig mache, sondern ihre Ansichten. Und diese zu hinterfragen ist ein Muss für einen einfachen Bürger.

Nichts zu verzollen (Rien à déclarer)

F 2011. Regie: Dany Boon. Mit Dany Boon, Benoît Poelvoorde. Lunafilm.108 Min.

Ein Plädoyer für Toleranz

Ein Grenzer ohne Grenze, das ist wie ein Geiger ohne Geige, also ein guter Stoff für das komödiantische Talent von Dany Boon, der hier darüber feixt, wie es sich mit den Feindseligkeiten zwischen Nachbarstaaten verhält: An der belgisch-französischen Grenze rumort es unter den Zollbeamten, denn die EU will ihnen die Grenze wegnehmen. Aber bitte, was ist ein Land ohne Grenze? Hier prallen der belgische Zöllner Ruben (energisch: Benoît Poelvoorde) und sein französischer Kollege Mathias (Dany Boon) mit voller, aus Rassismus gespeister Wucht aufeinander.

Die Situation eskaliert zum bitteren Kleinkrieg. Doch als man die beiden Streithähne in eine gemeinsame Zolltruppe verbannt, werden sie doch (fast) noch Freunde. Fremdenfeindlichkeit begegnet Boon mit Humor anstatt mit der Moralkeule und schafft ein witziges Plädoyer für mehr Mut zur Toleranz. (M. Greuling)

Mit seinem neuen Film "Nichts zu verzollen“ blickt Dany Boon über die Grenzen - zu Land und im Geiste.

Die G’scherten aus der Provinz waren in Dany Boons Erstlingsfilm "Willkommen bei den Sch’tis“ die Zielscheibe für die Vorurteils-Attacken urbaner Franzosen und bescherten dem französischen Stand-Up-Comedian auch international einen großen Erfolg an den Kinokassen - ethnisch bedingte Nachbarstreitereien kennt man überall. Mit "Nichts zu verzollen“ begibt sich Boon nun an die belgisch-französische Grenze und beleuchtet gegenseitige Vorurteile. Ein deutsch-österreichisches Remake ist geplant. Die Furche traf einen unpolitischen Anti-Zyniker zum Interview. Die Furche: Herr Boon, was ist der Vorteil einer Grenze?

Dany Boon: Dass man sie überschreiten kann. Ansonsten sind Grenzen im Prinzip unnötig und sie existieren vor allem in den Köpfen. Klar ist es wichtig, dass verschiedene Kulturen gewahrt bleiben, aber um untereinander geteilt zu werden, als Bereicherung. Nicht, um als gegenseitige Feinde verstanden zu werden. Das Konzept von Landeigentum bringt nichts als Kriege und Konflikte mit sich. Die Grenzsicherung in diesem Film ist ja auch der einzige "Besitz“, den der Zöllner hat. Ohne die Grenze fühlt er sich wertlos und ohne Macht. Die Furche: Sie beschäftigen sich gerne mit Vorurteilen, hier sind es die Klischees in den Köpfen der Bewohner an der Grenze zu Belgien. Was ist der Vorteil von Vorurteilen?

Dany Boon: (lacht) Dass sie revidiert werden können. Tatsächlich helfen Vorurteile manchen Menschen dabei, sich in der Welt zurechtzufinden. Die tun sich leichter, wenn sie alles erst in eine Schublade stecken können. Wichtig wäre aber, die Lade immer offen zu lassen, um etwas wieder herauszunehmen. Mit "Nichts zu verzollen“ wollte ich über Rassismus sprechen. Der beste Weg, das zu tun war, eine Komödie über einen Rassisten zu machen. Eine Komödie ist es ja vor allem deswegen, weil es zwischen Belgiern und Franzosen eigentlich gar keine Unterschiede gibt. Wir sprechen dieselbe Sprache, haben dieselbe Hautfarbe und dieselbe Religion. Es ist wie mit Deutschen und Österreichern. Trotzdem haben wir nicht denselben Pass und dieselbe Nationalidentität. Es gibt eben eine Grenze. Und ich habe festgestellt, dass es den Franzosen verdammt schwer fällt, über sich selbst zu lachen. Des halb liebe ich es, meinen Landsleuten einen Spiegel vorzuhalten. Es ist wichtig, dass sich jemand über die Funktionäre mokiert, über "die da oben“, deren Aktionen und Ansichten für "die da unten“ schwer verständlich sind.

Die Furche: Glauben Sie, dass eine Komödie über Rassismus mehr beim Publikum bewegen kann als ein Drama?

Dany Boon: Ich bin nicht sicher, ob ein Film überhaupt etwas beim Zuseher ändern kann. Ich bezweifle es. Selbst Benoît im Film: Er ist ein Rassist, der zwar allmählich seine Meinung über die Figur ändert, die ich spiele. Aber am Ende ist er immer noch Rassist. Die Furche: Ihr Vater stammt aus Algerien, Ihre Mutter aus Frankreich - ist die Liebesbeziehung in "Nichts zu verzollen“ von Ihren Eltern inspiriert?

Dany Boon: Ja, denn die Vorbehalte gegenüber meinem Vater waren groß. Als meine Mutter ganz jung von ihm schwanger wurde, hat ein Teil ihrer Familie sie verstoßen. Die Furche: Sind Sie ein politischer Mensch?

Dany Boon: Nein, ich sehe mich eher als Repräsentant einer bestimmten Art von Menschlichkeit, die geprägt ist von Anti-Zynismus und Zärtlichkeit. Denn: Es sind ja nicht die Menschen selbst, über die ich mich lustig mache, sondern ihre Ansichten. Und diese zu hinterfragen ist ein Muss für einen einfachen Bürger.

Nichts zu verzollen (Rien à déclarer)

F 2011. Regie: Dany Boon. Mit Dany Boon, Benoît Poelvoorde. Lunafilm.108 Min.

Ein Plädoyer für Toleranz

Ein Grenzer ohne Grenze, das ist wie ein Geiger ohne Geige, also ein guter Stoff für das komödiantische Talent von Dany Boon, der hier darüber feixt, wie es sich mit den Feindseligkeiten zwischen Nachbarstaaten verhält: An der belgisch-französischen Grenze rumort es unter den Zollbeamten, denn die EU will ihnen die Grenze wegnehmen. Aber bitte, was ist ein Land ohne Grenze? Hier prallen der belgische Zöllner Ruben (energisch: Benoît Poelvoorde) und sein französischer Kollege Mathias (Dany Boon) mit voller, aus Rassismus gespeister Wucht aufeinander.

Die Situation eskaliert zum bitteren Kleinkrieg. Doch als man die beiden Streithähne in eine gemeinsame Zolltruppe verbannt, werden sie doch (fast) noch Freunde. Fremdenfeindlichkeit begegnet Boon mit Humor anstatt mit der Moralkeule und schafft ein witziges Plädoyer für mehr Mut zur Toleranz. (M. Greuling)